Archivierter Artikel vom 16.04.2014, 06:00 Uhr

Chaplin – geliebt und gehasst

Wenige Menschen werden so oft kopiert wie er. Wenige wurden so verehrt wie er. Und doch wurde er auch gehasst. Was war es, was den netten Tramp Charlie Chaplin so umstritten machte? Charlie Chaplin ist nicht einfach ein Schauspieler, er war und ist eine Legende. Im Interview erklärt die Film- und Chaplin-Expertin Lisa Stein Haven, warum der Mann mit dem Hut und dem Stöckchen auf der ganzen Welt geliebt, und warum er später im eigenen Land gehasst wurde.

Chaplin – geliebt und gehasst
Foto: picture-alliance

Ms. Haven, was war Charlie Chaplin eigentlich? Ein Schauspieler? Ein Komiker? Ein Hollywoodstar? Alles zusammen?

Er war sicher kein Hollywoodstar. Denn Hollywood gab es noch gar nicht, während er schon ein Star war. Er gehörte zu den Gründervätern der Traumfabrik und auch der Filmkomödie im Allgemeinen. Er war nicht der Einzige, aber davor gab es das noch gar nicht.

Aber was war denn das Besondere? Warum war er so erfolgreich?

Sein Tramp mit den ausgelatschten Schuhen war einfach etwas Universelles. Damit konnte sich jeder identifizieren – Männer, Frauen, alle Hautfarben, alle Nationen, alle Religionen. Er stand vor Problemen, die jeder kannte.

... und die er stets als der Gute irgendwie bewältigte ...

In den typischen Charlie-Chaplin-Filmen schon. Aber nicht in den ganz frühen. Da gab es durchaus Brutalität und einen Charlie, der nicht der Nette war. In einem Film hat er einem Kind eine Schusswaffe gegeben. Können Sie sich das heute noch unter Charlie Chaplin vorstellen?

Wie blickt man heute auf seine Spielfilme – die Zeit nach den Kurzfilmen?

Es waren Meisterwerke. Allein „The Kid“: Das war eine Komödie und gleichzeitig ein Sozialdrama. Die Leute konnten lachen und sahen gleichzeitig die Probleme der Gesellschaft offenbart. Das gab es vorher einfach noch nicht.

Seine späten Filme waren aber weniger erfolgreich.

Zumindest in den USA. Hier hatte er große Probleme, was zu seiner Ausreise führte. Bestimmte Gruppen haben seine Filme boykottiert.

Was waren das für Probleme?

Er galt als Kommunistenfreund. Eigentlich war er nicht sehr politisch. Aber er wollte sich einfach nicht verbieten lassen, auch mit Kommunisten zusammenzuarbeiten. Ein Kommunist war er selbst, der mehrfache Millionär, sicher nicht. Aber auch sein Hang zu sehr jungen Frauen machte ihn zum Fall für das FBI. Da waren 15-, 16-Jährige dabei. Als er eine 18-Jährige heiratete, wurde er von einer anderen 18-Jährigen gerade verklagt.

Wie sieht Amerika ihn heute?

Ich lebe in Ohio, im Herzen der USA. Hier höre ich noch immer Verwünschungen gegen „diesen kommunistischen Bastard“. Wenn wir Konferenzen zu Chaplin machen, ist die lokale Unterstützung gering. In New York, Los Angeles und anderen Ländern sieht man das ganz anders. In England ist er aber auch nicht gern gesehen. Da mag man seinen Humor aber einfach nicht, dieses Unterklassenthema.

Welcher ist Ihr Lieblingsfilm?

Normalerweise sage ich „Lichter der Großstadt“, aber eigentlich eher „Zirkus“. Das ist ein oft übersehenes Meisterwerk. Dieser Film ist Kunst, ganz großartige Kunst.

Die Fragen stellte Chris Melzer