Rheinland-Pfalz/Berlin

Bittere Ironie der Geschichte: Die APO verfolgt Rainer Brüderle

Als Rainer Brüderle vor dem Wahllokal ein Adieu winkt, da ahnt er schon, dass ihm die schwärzeste Nacht seines politischen Lebens bevorsteht.

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Rösler Brüderle Rücktritt
Foto: dpa

Von unserer Redakteurin Ursula Samary

Dem seit Jahrzehnten für die Liberalen streitenden 68-Jährigen sitzen vom Wahlkampf noch die Schmerzen in den Knochen, die ihn seit einem schweren Sturz verfolgen. Zeitweise konnte er nur noch mit Handicap und Handy auf Angriff spielen. Doch es war nicht der Unfall, der ihm und der Partei die schwersten Blessuren zugefügt hat. Die Ursachen sitzen viel tiefer – sie lassen sich von den fehlenden Vorlagen der Boygroup um Philipp Rösler und Daniel Bahr zurückverfolgen bis zurück in die schrille Ära von Guido Westerwelle, der nur das Mantra „Steuern runter“ kannte und der nach der Bundestagswahl 2009 die Koalitionsverhandlungen so verkorkste, dass die Partei ihre Versprechen nicht erfüllen konnte.

Es war dann dieser Rainer Brüderle, der der FDP immer wieder neues Selbstbewusstsein einhauchte – etwa als er als Bundeswirtschaftsminister dem US-Autokonzern GM Milliarden verweigerte. Oder als Fraktionschef, der der Partei zubrüllte: „Wir haben die Union besser gemacht.“ Und: „Wir haben auch den Gauck gemacht“, sprich den von Kanzlerin Angela Merkel nicht gewollten Bundespräsidenten ins Amt gebracht.

Aber am Ende nutzte dies nur Merkel. „Wer sich klein macht, wird kleingemacht“, hämmerte der gestandene Liberale der Partei immer wieder ein. Trotzdem unterschätzte er Merkel und ließ sich als erfahrener Stratege am Schluss auf die Kampagne ein, dass die Zweitstimme für die FDP die Merkel-Stimme ist. Da haben wohl viele gleich das Original gewählt. Dem Spitzenkandidaten, der alles gab, gibt kaum ein Liberaler nach dieser leidvollen Vorgeschichte die Schuld. Daheim, im rheinland-pfälzischen Landesvorstand, wurde er sogar mit riesigem Applaus empfangen – um nach kurzer Manöverkritik nach vorn zu schauen, auf die Kommunalwahlen im Land, die am 25. Mai 2014 sind.

Die FDP im Land weiß um die bittere Ironie der Geschichte. Vor 30 Jahren übernahm Brüderle als junger Mainzer Wirtschaftsdezernent den Landesvorsitz der FDP, die 1983 aus dem Landtag geflogen und in der außerparlamentarischen Opposition (APO) gelandet war. Mit riesigem Engagement, viel Schlagfertigkeit, Witz und dem Slogan „Frischer Wind“ gelang es ihm, die absolute CDU-Mehrheit zu brechen und der CDU in der Regierung schlitzohrig viele Zugeständnisse abzutrotzen. Das stürzte die Christdemokraten 1988 in schwerste Turbulenzen. 1991 kam mit Rudolf Scharping der erste SPD-Ministerpräsident ins Amt – mit einer Konstanten: Wirtschaftsminister Rainer Brüderle, der 1996 den schweren „Wendewahlkampf“ zu bestehen hatte – gegen eine stärker werdende grüne Kraft, die mit Protesten gegen den Nürburgring mobil machte. Mit dem Plakat „Der Ring bleibt“ fuhr der FDP-Pilot aber ein Wahlergebnis ein, mit dem sich die FDP den Koalitionspartner komfortabel aussuchen konnte. Brüderle blieb im SPD-Kabinett, brachte mit ihm den Hahn als größtes Konversionsprojekt zum Fliegen und die Bahn in den Rheinland-Pfalz-Takt. Nur: Bekannter ist sein Weltrekord, der den fröhlichen Rheinhessen mit dem Image eines Weinköniginnen küssenden Politikers noch bis heute verfolgt.

1998 hoffte Rainer Brüderle, Bundeswirtschaftsminister zu werden. Aber Rot-Grün gewann die Bundestagswahl. Auf seinen Traumjob musste er bis 2009 warten – um ihn 2011 in intriganten FDP-Turbulenzen an Rösler wieder abzugeben und Fraktionschef zu werden. Fazit: Erst hat Brüderle die FDP erfolgreich aus der APO geholt, jetzt landet er selbst dort. Das ist schon schmerzhaft.

Archivierter Artikel vom 25.09.2013, 09:54 Uhr