Archivierter Artikel vom 28.12.2014, 05:43 Uhr
Koblenz

Beispiel Bundesarchiv: Was alles (nicht) in Archiven steckt

Von zu Hause aus 332 Regalkilometer durchsuchen, die an neun Standorten verteilt stehen, – und vielleicht sogar schon vom eigenen Schreibtisch Dokumente ansehen. Das Bundesarchiv lässt jetzt übers Netz in 8000 Bestände mit sieben Millionen Titelaufnahmen schauen.

Invenio, die Suchmaschine des Bundesarchivs

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Von unserem Redakteur Lars Wienand

Ein Test – und Beispiele, was so alles in den Archiven schlummert. Es ist ein gigantischer Katalog von Zeitgeschichte – und er lässt sich (auf den ersten Blick) einfach durchsuchen: Das Bundesarchiv in Koblenz hat seine Rechercheseite Invenio gestartet. Besuche im Archiv macht sie nicht überflüssig – aber das Suchen dort. Noch etwas vollmundig, aber nicht ganz falsch ist das Versprechen, digitalisiertes Archivgut auch gleich abrufen zu können: Bislang findet sich nur ein Bruchteil des Bestandes auch zum Anschauen im Netz.

Vor allem Dokumente, die zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs gescannt wurden, können schon betrachtet werden – dafür gibt es aber auch ein eigenes Portal. Es werden aber weiterhin Bestände digital erfasst, der Anteil solcher Dokumente wird wachsen. Vorerst ist das Angebot also vor allem ein riesiges, kostenlos durchsuchbares Inhaltsverzeichnis. Und das vergleichbar leicht, wenn ein Nutzer sich erst einmal angemeldet und mit den verschiedenen Suchtypen vertraut gemacht hat. Auf was er dann stoßen kann – wir sind beispielhaft eingetaucht.

Fundstelle – bitte im Bundesarchiv aufsuchen

Wer etwa „Mülheim-Kärlich“ eingibt, erfährt, dass sich in Koblenz unter der Archivsignatur B 106/8797 die Unterlagen „Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich – Genehmigungsverfahren“ und Anfragen und Eingaben dazu finden. Zum Anschauen kann der Nutzer im Archiv sich dann online vormerken lassen. Je nach Akten erfährt er auch, dass das so einfach nicht sein wird, wenn die Unterlagen etwa in schlechtem Zustand, nur eingeschränkt oder für Private nicht verfügbar sind.

Der einzige Treffer zu Mosel und Wein sind die „Zuschüsse für Förderungs- und Forschungszwecke – Strukturprobleme Weinbau Mosel“ von 1970.

Zu vielen Orten findet sich aber auch nichts oder merkwürdig erscheinende Zuordnungen. Bundesangelegenheiten betreffen eben selten die Region, im Landeshauptarchiv würde man mehr, aber anderes, finden.

Nicht für Laien geeignet

Manche für die Region unvergesslichen Erinnerungen tauchen bei einer einfachen Suche gar nicht erst auf: US-Präsident George Bush fährt im Jahr 1989 mit Helmut Kohl von Oberwesel nach Koblenz mit dem Schiff? Der einzige Treffer zu Oberwesel ist die „Wahrschauregelung auf der Strecke Oberwesel-St. Goar“ aus den Jahren 1964 bis 1968. Vielleicht ist aber die Queen in Koblenz zu sehen in den „Wochenschau“-Berichten zu ihrem Besuch 1965. Die Suche fördert etwa auch unter N 1348 im Nachlass von Theodor Morell Unterlagen aus der beruflichen Tätigkeit Morells als Leibarzt Adolf Hitlers zutage.

Der vielleicht brisanteste Fund aus Rheinland-Pfalz betrifft ein Telefonat aus der Staatskanzlei am 3. Oktober 1974. Unter B 136/32351 sind die „Ermittlungen zu einem abgehörten Telefonat zwischen dem Ministerpräsidenten Dr. Helmut Kohl und dem Generalsekretär der CDU-Fraktion Prof. Dr. Kurt Biedenkopf“ gesammelt. Die Akten enden 1980 – ohne Aufklärung, wer das bissige Gespräch zwischen den beiden möglichen Kanzlerkandidaten mitgeschnitten und dem „Stern“ zugespielt hatte. Erst nach der Wende kam heraus: Es war die Stasi.

Verblüffende Zusammenhänge und frühe Erkenntnisse

Wieso es eine Resolution des Asta der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz zur Einstellung der Atomwaffenversuche geschafft hat, erschließt sich zunächst nicht. Sie ist Teil eines Bandes (BW 1/363051) zu Strahlenschutz und Atomschutz in der Bundeswehr, in dem sich auch Material über die „Möglichkeit der Schaffung eines Strahlenschutzes bei Atombombenangriffen durch künstlichen Nebel“ findet. Das liest sich tatsächlich wie aus einer anderen Zeit.

Bei dem Treffer „Aufnahme eines Grundrechts auf Datenschutz in das Grundgesetz“; „Verwendung von Chipkarten im Gesundheitswesen“ staunt man aber, was bei den Datenschutzbeauftragten des Bundes und der Länder bereits im März 1994 auf der Tagesordnung stand. Und nur ein Jahr später dann „Datenschutz im Internet“ (B 347/294 und 295). Neuland? Nicht im Archiv.