Archivierter Artikel vom 07.07.2014, 07:30 Uhr
Kreuzberg

Attentat: Von Boeselager sollte auf Hitler schießen

Phillipp Freiherr von Boeselager, der zuletzt bis zu seinem Tod in Kreuzberg an der Ahr lebte, organisierte den Sprengstoff für das Attentat von Claus Schenk Graf von Stauffenberg am 20. Juli 1944. Er war seit Oktober 1942 von Oberst Henning von Tresckow, 1. Generalstabsoffizier von Generalfeldmarschall Günther von Kluge, in die Pläne eingeweiht. Für ihn stand sofort fest: „Es gab keine andere Lösung, als Hitler umzubringen.“

Baron von Boeselager, der letzte Überlebende des Widerstandes in der Wehrmacht gegen Hitler, warb in vielen Diskussionen mit Schülern für Zivilcourage. Foto: Vollrath
Baron von Boeselager, der letzte Überlebende des Widerstandes in der Wehrmacht gegen Hitler, warb in vielen Diskussionen mit Schülern für Zivilcourage.
Foto: Vollrath

Eigentlich sollte Hitler mit SS-Chef Heinrich Himmler schon am 13. März 1943 in Smolensk sterben. Von Boeselager sollte die tödlichen Schüsse im Kasino abfeuern. Aber dann sagte von Kluge das Attentat ab: Himmler war nicht mitgekommen. Die Befürchtung: Wird allein Hitler getötet, folgt „ein Krieg der SS gegen die Wehrmacht“. Von Boeselager saß also mit geladener Pistole Hitler gegenüber, konnte und wollte schießen, durfte es aber nicht. Noch 2007, kurz vor seinem 90. Geburtstag, schilderte er dem Chefredakteur unserer Zeitung, Christian Lindner, die Anspannung von damals, vom Traum, der ihn nachts jahrelang aufschrecken ließ.

Der Kern des Traums: „Hätte ich doch geschossen.“ Dann wachte er stets auf. Ihn verfolgte die Frage, ob die Tat Millionen Menschen das Leben hätte retten können. 1944 hatte der damals 26-jährige von Boeselager eine wichtige Aufgabe: Er jagte rund 1000 ausgewählte Männer seines Kavallerie-Regiments in einem Gewaltritt von der Front zu einem Feldflugplatz bei Warschau: 200 Kilometer in 36 Stunden. 20 Flugzeuge sollten die Soldaten bei erfolgreichem Attentat nach Berlin bringen, damit sie das SS-Sicherheitshauptamt stürmen, Himmler und Propagandaminister Joseph Goebbels festsetzen. Kurz vor Start aber erreichte von Boeselager die Nachricht seines Bruders: „Alles in die alten Löcher“ – zurück an die Front. Da wusste er: „Hitler ist wieder davongekommen.“ Er selbst rechnete mit dem Todesurteil.

Doch ihm war ein langes Leben vergönnt: Seine 1000 Mann hielten dicht. Widerständler schwiegen trotz Folter oder wählten den Freitod, um keinen zu verraten. Von Boeselager musste nie in die Brusttasche greifen: Dort trug er eine Zyankali-Kapsel für den Fall, dass die Nazis ihm auf die Spur kommen. Aber am 8. Mai 1945 konnte er das Giftwegwerfen, noch bei vielen Schulbesuchen bis ins hohe Alter als Zeitzeuge berichten – stets mit dem Appell: „Zeigen Sie immer Zivilcourage. Engagieren Sie sich politisch, egal wo. Sonst überlassen wir Extremen das Feld.“