Archivierter Artikel vom 15.11.2014, 06:00 Uhr
Berlin

Jung, orientierungslos, Salafist

Noch sind es rund 6300, Ende des Jahres könnten es schon 7000 sein. Die Szene der Salafisten wächst Zahlen des Verfassungsschutzes zufolge rasant. Immer wieder reisen auch junge Menschen nach Syrien und in den Irak, wo sie sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) anschließen und mit ihr in ihren Dschihad, den „heiligen Krieg“, ziehen. Aber warum? „Der Salafismus ist auch eine politische Jugendprotestbewegung“, sagt Lamya Kaddor. Die Islamwissenschaftlerin und Lehrerin erklärt im Interview, wieso sich junge Menschen radikalisieren und was man dagegen tun kann.

Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor isz Wissenschaftlerin, Lehrerin, Autorin. Sie hat an mehreren Universitäten Lehrer für islamische Religion ausgebildet. Sie unterrichtet auch selbst an einer Schule im nordrhein-westfälischen Dinslaken. Kaddor hat mehrere Bücher geschrieben, unter anderem "Muslimisch – weiblich – deutsch! Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam". Auch als Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bunds setzt sie sich für eine liberale Auslegung der Religion ein. Kaddor wurde 1978 in Ahlen als Tochter syrischer Einwanderer geboren.
Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor isz Wissenschaftlerin, Lehrerin, Autorin. Sie hat an mehreren Universitäten Lehrer für islamische Religion ausgebildet. Sie unterrichtet auch selbst an einer Schule im nordrhein-westfälischen Dinslaken. Kaddor hat mehrere Bücher geschrieben, unter anderem „Muslimisch – weiblich – deutsch! Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam“. Auch als Vorsitzende des Liberal-Islamischen Bunds setzt sie sich für eine liberale Auslegung der Religion ein. Kaddor wurde 1978 in Ahlen als Tochter syrischer Einwanderer geboren.
Foto: dpa

Sie unterrichten islamische Religion. Wie erklären Sie Schülern das Weltbild, das sich Salafisten zusammensetzen, im Unterschied zu liberalen Ausprägungen des Islams?

Junge Menschen nehmen den Salafismus genauso wahr wie wir auch, nämlich derzeit vor allem in seiner politischen Ausprägung, in der die Religion mit politischen Ambitionen vermischt wird. Und das ist für Schüler sehr undurchsichtig. Ich versuche ihnen dann zunächst sachlich und nüchtern den Salafismus als religiöse Strömung zu erklären. Ich sage ihnen, dass das Muslime sind, die versuchen, Mohammed und die drei darauffolgenden Generationen in allen Dingen nachzuahmen und den Koran möglichst wortgetreu zu leben. Salafisten sind dann zunächst einmal nur Teil der Traditionalisten, die es in jeder Religion gibt.

Bewerten Sie die verschiedenen Ausprägungen des Salafismus im Unterricht?

Sofern es um den puristischen Salafismus geht, in dem die Religion für das eigene Leben sehr orthodox ausgelegt wird, gehört es nicht zu meinen Aufgaben als Lehrerin, das zu bewerten. Den politischen und den dschihadistischen Salafismus muss ich natürlich schon bewerten. Politische Ambitionen zu haben, ist zunächst zwar nicht verboten, aber bei denen geht es ja über kurz oder lang um die Abschaffung der demokratischen Gesellschaft. Deshalb lehne ich das ab. Und der Salafismus, der Gewalt propagiert, den lehne ich natürlich vollends ab. Das sage ich auch so im Unterricht. Nicht jeder Muslim strebt politische Macht an. Und nur weil der Prophet Mohammed Macht hatte, heißt das nicht, dass alle Muslime dem nacheifern müssen.

Der Salafismus als sehr strenge Auslegung des Islam ist ja nichts, von dem man denken würde, dass es sonderlich anziehend für junge Leute ist. Wie geraten Jugendliche in diese Szene?

Nicht alle geraten einfach so dort hinein, sondern sie werden gezielt angesprochen und angeworben. Salafisten machen ihnen beispielsweise erst einmal Freizeitangebote, es wird Fußball gespielt oder Hausaufgabenbetreuung angeboten. So können sie den Jugendlichen auch ein Gemeinschaftsgefühl in einer Gruppe bieten. Und dann wird ganz belanglos und locker über Religion im Alltag gesprochen. Das können auch die Anfänge sein.

Welche Jugendlichen sind dafür besonders empfänglich?

Zunächst einmal ist das völlig unabhängig von Herkunft und Religion der Jugendlichen. Es sind diejenigen, die keine Orientierung und keinen Halt im Leben haben. Es sind junge Menschen, die ihre Identität noch nicht gefunden haben, die noch nicht so eindeutig sagen können, wer sie sind und wofür sie stehen.

Aber warum wenden sie sich dann dem Salafismus zu und nicht einer anderen Bewegung?

Im Grunde könnten Jugendliche in dieser Lebenssituation auch genauso gut zu Neonazis oder so werden. Der Mechanismus des Abdriftens in den Extremismus ist ähnlich. Muslimische Jugendliche werden nur keine Neonazis, weil Neonazis in der Regel keine Muslime haben wollen. Sich einer solchen Bewegung anzuschließen, ist immer auch ein Aufbegehren gegen bestehende Konventionen. Der Salafismus ist insofern auch eine politische Jugendprotestbewegung, und zwar die naheliegendste, der sich muslimische Jugendliche anschließen können.

Welche Rolle spielt das Internet für die Anwerbung?

Eine sehr große Rolle. Die Dschihadisten nutzen das Internet zum Beispiel, um dort Propaganda-Videos zu veröffentlichen. Die sind mit hohem Aufwand produziert und wirken fast schon hollywoodreif. Das ist leider wirklich professionelle Arbeit, die das Dargestellte mitunter sehr authentisch wirken lässt, obwohl es das natürlich nicht ist. Ganz wichtig für den Erfolg der Propaganda ist auch, dass die Jugendlichen dabei auf Deutsch angesprochen werden – und zwar in ihrer Jugendsprache: klar, deutlich und verständlich. Theologische Fachbegriffe kommen erst später.

Nicht jeder Salafist zieht nach Syrien in den Dschihad. Wie kommt es zu diesem letzten, krassen Schritt?

Von dem ersten Kontakt mit dem Salafismus bis dahin gibt es natürlich noch viele Stufen der Radikalisierung. Die Menschen werden gezielt manipuliert. Ihnen wird ein sehr reduziertes Weltbild verkauft, das die Welt in Gut und Böse einteilt. Danach sehnen sich die Jugendlichen ja so sehr, dass sie diese komplizierte Welt endlich verstehen, in der sie ihren Platz nicht finden. Die Salafisten geben vermeintlich einfache Antworten auf die Sinnfragen im Leben. Bei ihnen gibt es nur Gut und Böse, Muslim und Nicht-Muslim, gläubig und ungläubig. Was richtig und was falsch ist, steht im Koran, und wenn nicht, hat es Mohammed irgendwann gesagt. Die Radikalisierung verläuft aber bei jedem unterschiedlich. Bei manchen sind Berichte im Internet entscheidend für den Schritt, bei anderen bestehen Kontakte zu Dschihadisten, wieder andere wollen zeigen, dass sie ganz besonders gute Muslime sind.

Junge Mädchen, die nach Syrien gegangen sind, haben zuletzt besonders viel Aufsehen erregt. Was suchen die dort?

Diese Mädchen haben eine romantisch verklärte Vorstellung vom Dschihad. Manche lockt der Wunsch an, respektierte Ehefrau eines vermeintlich heroischen Kämpfers zu sein. Aber auch Mädchen wollen häufig von zu Hause ausbrechen und rebellieren auf diese Weise. Außerdem wird ihnen von den Salafisten weisgemacht, dass jeder in den Dschihad ziehen muss. Und ihr Beitrag sieht eben so aus, dass sie den Dschihadisten als gute Ehefrau den Rücken stärken.

Was sagen Sie Mädchen, die in Ihrem Unterricht Sympathie für diesen Weg zeigen? Wie argumentieren Sie dagegen an? Geht das?

Wenn jemand wirklich davon überzeugt ist und schon in der Ideologie steckt, wird das sehr schwierig. Wenn die Radikalisierung noch nicht so weit fortgeschritten ist, geht das ganz gut. Indem man zum einen die persönlichen Hintergründe klärt und ihnen zum anderen sagt, dass das kein Dschihad ist, was dort in Syrien passiert. Denn da töten ja zum Beispiel Muslime andere Muslime. Außerdem würde ich die Mädchen fragen, warum sie sich in dieses Rollenbild fügen wollen, in dem sie nur etwas zählen, wenn sie die Ehefrau von jemandem sind. Sie könnten sich stattdessen ja weiterbilden wie andere Menschen auch. Der Koran sieht das ja vor.

Die IS-Miliz ist ja längst nicht die einzige Terrorgruppe, die es gibt. Warum übt sie derzeit so eine Anziehungskraft aus?

Zum einen darf man nicht vergessen, dass der IS Erfolg hat bei dem, was es tut – so furchtbar das klingt. Aber sie sind gerade die Stärksten. Das allein übt eine Faszination aus. Bei den Menschen aus Syrien und Irak selbst, die sich der Terrorgruppe anschließen, muss man bedenken, dass der IS seine Kämpfer gut bezahlt. Sie bekommen 400 Dollar im Monat, und wenn sie weiter aufsteigen sogar deutlich mehr. Das ist für viele Menschen dort – gerade während des Kriegs – sehr, sehr viel Geld. Und wenn sie selbst Kriegsopfer sind und kein Hab und Gut mehr besitzen, ist die Versuchung groß, sich als junger Mensch einfach dieser Gruppe anzuschließen.

Und was finden westliche Jugendliche am IS?

Die IS-Terroristen werden weltweit in den Medien als Bestien dargestellt. Allein diese Verteufelung wirkt auf manche Menschen anziehend. Zudem sind die Jugendlichen, die das interessant finden, häufig frustriert von ihrem Leben im Westen. Sie werden vielleicht diskriminiert oder haben sich ihr Leben selbst versaut. In jedem Fall haben sie das Gefühl, in dieser Gesellschaft ungerecht behandelt zu werden und nicht die gleichen Chancen zu haben – was oft genug auch so ist. Als IS-Kämpfer haben sie dann zumindest das Gefühl, etwas wert zu sein. Zudem sind sie überzeugt, dass sie im Sinne Gottes gerecht handeln, endlich einmal selbst für Gerechtigkeit sorgen und sich für Ungerechtigkeit rächen können. Insofern verarbeiten viele Jugendliche, die dort landen, auch ihre eigenen Traumata. Dass sie sich dabei schwer schuldig machen, ist vielen zumindest anfangs nicht bewusst.

Was muss passieren, um zu verhindern, dass sich Jugendliche radikalisieren?

Zunächst einmal müssen die Familien in die Verantwortung genommen werden. Sie müssen für die Gefahren sensibilisiert werden, sie müssen lernen, die Probleme ihrer Kinder zu verstehen. Zugleich muss sehr viel mehr Geld in die Jugendarbeit gesteckt werden. Wir als Gesellschaft schaffen es anscheinend nicht, unsere Jugendlichen – und zwar alle, nicht nur die muslimischen – aufzufangen und ihnen Angebote zu machen. Viele Einrichtungen für Jugendarbeit werden geschlossen, oder das Geld wird gekürzt. So ist es oft schlicht unmöglich, mit den Angeboten der Salafisten zu konkurrieren. Im Bildungs- und Freizeitsektor muss deshalb viel mehr passieren. Eben da, wo die Jugendlichen sonst von Salafisten angeworben werden. Zudem müssen wir in Deutschland die strukturellen Benachteiligungen noch viel stärker angehen.

Welche Rolle kann islamischer Religionsunterricht an den Schulen spielen, der ja längst noch nicht in allen Ländern angeboten wird?

Der Unterricht sollte auf jeden Fall ausgebaut werden. Mit ihm können wir dafür sorgen, dass die Schüler ein aufgeklärteres Islamverständnis bekommen. Aber ich warne davor, den Unterricht als Allheilmittel zu sehen. Er kann nicht der verlängerte Arm des Verfassungsschutzes sein. Wir brauchen zusätzlich politische Bildungsarbeit, ähnlich wie es sie im Kampf gegen Rechtsextremismus gibt. Wir müssen uns darauf einstellen, dass uns der gewaltbereite Salafismus noch länger begleitet. So schnell verschwindet er nicht wieder.

Was halten Sie von Programmen wie „Wegweiser“ in NRW, das Ansprechpartner für Salafismus-Aussteiger und ihre Angehörigen und Freunde stellt?

Diese Programme sind gut und wichtig. Ich selbst leite gerade ein Präventionsprogramm mit dem Namen „Extrem out“. Dort arbeiten wir gezielt mit den Jugendlichen selbst. Allerdings sind das alles meist Einzelprojekte und somit nur Tropfen auf den heißen Stein. Diese Arbeit muss in die Breite getragen werden. Wir dürfen den Kampf gegen gewaltbereiten Salafismus nicht allein als eine Aufgabe für Polizei und Verfassungsschutz sehen. Die Radikalisierung zu verhindern, ist eine wichtige Bildungsaufgabe.

Das Gespräch führte Johannes Bebermeier