Archivierter Artikel vom 22.05.2012, 21:42 Uhr
Cardiff/London

Walisischer Ort wird erste „Wikipedia-Stadt“ der Welt

Das kleine Monmouth im Osten von Wales mit knapp 9000 Einwohnern wird für eine Dauer von sechs Monaten zur ersten “Wikipedia-Stadt” der Welt. Mehr als 1000 angebrachte Barcodes an Schulen, Museen, Shops und “wichtigen Gebäuden” sollen es allen Einwohnern und Touristen ermöglichen, mit Hilfe von ihren Handys über das kostenlose WLAN-Netz Informationen und Fotos aus der Stadt abzurufen, die in 25 verschiedenen Sprachen auf den Wikipedia-Seiten im Netz zur Verfügung stehen werden.

Cardiff/London – Cardiff/London – Das kleine Monmouth im Osten von Wales mit knapp 9000 Einwohnern wird für eine Dauer von sechs Monaten zur ersten “Wikipedia-Stadt” der Welt. Mehr als 1000 angebrachte Barcodes an Schulen, Museen, Shops und “wichtigen Gebäuden” sollen es allen Einwohnern und Touristen ermöglichen, mit Hilfe von ihren Handys über das kostenlose WLan-Netz Informationen und Fotos aus der Stadt abzurufen, die in 29 verschiedenen Sprachen auf den Wikipedia-Seiten im Netz zur Verfügung stehen werden.

Ganz Monmouth macht mit: Wer etwa den QR-Code des Robin Hood Inn einscannt, erfährt in der Monmouthpedia auf Englisch, Walisisch, Thailändisch, Esperanto und Ungarisch mehr über den Pub – alles nach Wikimpedia-Maßstaben mit Quellen belegt. Foto: <a href="https://secure.flickr.com/photos/monmouthshirecc/sets/72157629664549842/" target="_blank">Monmouthshire County Council</a> <a href="http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.en" target="_blank">CC by 2.0</a>
Ganz Monmouth macht mit: Wer etwa den QR-Code des Robin Hood Inn einscannt, erfährt in der Monmouthpedia auf Englisch, Walisisch, Thailändisch, Esperanto und Ungarisch mehr über den Pub – alles nach Wikimpedia-Maßstaben mit Quellen belegt.
Foto:
Monmouthshire County Council CC by 2.0
Sie ist klein, hübsch und wegen ihrer 945 Jahre alten Burg und der fröhlichen bunten Häuser im Zentrum sehr sehenswert. Die Einwohner des walisischen Städtchens Monmouth haben sich längst an die vielen Besucher aus aller Welt gewöhnt, die den historischen Geburtsort des englischen Königs Henry V. erleben wollen. Bald wird allerdings eine neue, seltsame Spezies durch die engen Straßen des Provinznestes am Fluß Wye ziehen: Touristen, die unablässig auf die Displays ihrer Handys und Tablets starren und alle paar Schritte die kleinen, weißen Keramikschilder an den Hauswänden scannen. Erklärt wird das auch in einem Video.

Das 215 Kilometer westlich von London gelegene Städtchen hat sich als weltweit erster Ort ein umfassendes und permanent aktualisiertes virtuelles Ebenbild im Internet erschaffen. Die „Monmouthpedia“ ist halb Reiseführer und halb Nachschlagewerk, mit dem man nahezu jeden Aspekt des Monmouth-Lebens mühelos und in verschiedensten Sprachen erforschen kann.

Dazu haben sich die fortschrittlichen Waliser an das Erfolgsprojekt Wikipedia im Netz anbinden lassen. Am Wochenende knallten in Monmouth die Sektkorken, und die stolzen Einwohner bewunderten ihre neuen Straßenbanner mit der Aufschrift „Erste Wikipedia-Stadt der Welt“.

Das Projekt „Monmouthpedia“ gründet auf der Idee, in den Straßen mindestens 1000 Schilder mit Barcodes anzubringen, die man mit einem Smartphone scannen und so binnen Sekunden einen Eintrag in der Online-Enzyklopädie aufrufen kann. Anders als etwa bei einem klassischen Reiseführer soll dabei alles von Interesse sein – Gebäude, Plätze, Menschen, Geschäfte, Pflanzen, Tiere und „andere Dinge“.

Um den Zugang zu den Informationen zu erleichtern, baute die Stadtverwaltung ein kostenloses, flächendeckendes Wifi-Netz für die Einheimischen und Gäste auf – und sie brachte allen Interessierten in Schnellkursen bei, wie man Wikipedia-Artikel schreibt und redigiert. Als Ergebnis wuchs „Monmouthpedia“ bis Dienstag auf mehr als 600 Seiten mit 1000 Fotos an. Regio-Wikis gibt es bereits etliche, das AW-Wiki etwa im Kreis Ahrweiler bietet mehr als 9000 Artikel und 6000 Fotos. Das Besondere am Mommouthpedia sind aber nicht nur Präsenz und Zugriff an jeder Ecke: Die neuartige Stadt-Enzyklopädie wird gleichzeitig in 29 Sprachen geschrieben. So hat jemand einen Eintrag über die Feuerwache in Indonesisch verfasst.

Ein japanischer Besucher beschreibt in seiner Landessprache die Brücke über dem Fluß Monnow. Und die Mitglieder des Monmouth Cricket Clubs können darauf stolz sein, dass ihre sportlichen Leistungen im fernen Fiji für Gesprächsstoff sorgen. Das Ziel der Organisatoren ist es, in Zukunft sogar bis zu 250 Sprachen im Netz abzudecken. “Das ist der einzige Ort der Welt, in dem die Besucher mit Hilfe von Barcodes Rundgänge in vielen Wikipedia-Sprachen machen können“, freut sich Roger Bamkin, der den britischen Zweig des globalen Wissensportals leitet. „Gewöhnliche Karten und Reiseführer veralten schnell, dagegen wird ,Monmouthpedia‘ immer auf dem neuesten Stand sein“.

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Grafik: Claire Stokoe CC BY-SA 3.0

Bamkin kann sich damit rühmen, für das Projekt mehr als 200 Firmen, Universitäten und fast jede Schule im walisischen Osten begeistert zu haben. „Wir haben gezeigt, dass man nur ein wenig Energie und Kreativität braucht, um eine Stadt vor einem globalen Auditorium aus 480 Millionen Internetbenutzern bekannt zu machen. Und wir hoffen darauf, dass andere Städte dem walisischen Beispiel folgen werden“, sagt der Experte.

Laut Kellie Beirne von der Stadtverwaltung zahlt sich die Virtualisierung der Stadt bereits in realen Pfund-Scheinen aus, die die neugierigen Besucher in Monmouth lassen. „Wir freuen uns sehr, an solch einer zukunftsweisenden Sache teilnehmen zu können“, sagte der Tourismus-Chef der Agentur PA. Wer sich vorher schon mal umschauen will – Monmouth bei Google Street View:


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Von unserem Londoner Korrespondenten Alexei Makartsev