Archivierter Artikel vom 18.11.2010, 13:33 Uhr

Street View: Google in München und Grüne in Berlin müssen draußen bleiben

Berlin/München – Google Street View ist in 20 großen Städten gestartet – und damit auch das Rätselraten, warum wer nicht dabei ist: Google selbst fehlt ebenso wie die Bundesgeschäftsstelle der Grünen.

Das Münchner Büro von Google ist bei Googles Dienst  Street View verpixelt.
Das Münchner Büro von Google ist bei Googles Dienst Street View verpixelt.
Foto: Screens

Berlin/München – Google Street View ist in 20 großen Städten gestartet – und damit auch das Rätselraten, warum wer nicht dabei ist: Google selbst fehlt ebenso wie die Bundesgeschäftsstelle der Grünen.

Die Grünen verschleiert: Bundesvorstandsmitglied Malte Spitze rätselt, wie es dazu kommen konnte.
Die Grünen verschleiert: Bundesvorstandsmitglied Malte Spitze rätselt, wie es dazu kommen konnte.
Foto: Screenshot

Die Grünen mussten sich gleich als technikfeindlich beschimpfen lassen, bei Google wurde misstrauisch nachgefragt, warum der eigene Unternehmensstandort nicht zu sehen ist. Dabei sind beide offenbar jeweils „Opfer“ von anderen Nutzern der jeweiligen Immobilie geworden – oder gar von Missbrauch, wie die Grünen vermuten.

Google in Hamburg – ein Easteregg, also eine versteckte Überraschung, in Street View: Die Mitarbeiter wussten Bescheid und standen verkleidet und winkend auf der Straße. Sie sind auch verpixelt – das Gebäude aber nicht.
Google in Hamburg – ein Easteregg, also eine versteckte Überraschung, in Street View: Die Mitarbeiter wussten Bescheid und standen verkleidet und winkend auf der Straße. Sie sind auch verpixelt – das Gebäude aber nicht.
Foto: Screenshot

In der Münchner Dienerstraße gibt es eine der bekanntesten Häuserfassaden Deutschlands: Dallmayr hat dort seinen Sitz, hundertfach in Werbespots über deutsche Fernsehschirme gelaufen. Die Fassade ist auch bei Street View zu sehen. Nicht aber die der Nachbarn, wo noch prominentere Mieter residieren. In der Dienerstraße 12 in der bayerischen Metropole findet sich nicht nur die Praxis von Bayern-Doc Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, auch Arzt der Nationalmannschaft, dort hat auch Google eine Niederlassung. Doch die Fassade ist nicht zu sehen. Google verbirgt sich?

Ein Straßenzug in Berlin. Klickt man auf das Symbol des Fotodienstes Panoramio, dann öffnet sich an der Stelle eines eigentlich verpixelten Hauses – das Foto des verpixelten Hauses. Google hat angekündigt, gegen die Fotos nichts zu unternehmen.
Ein Straßenzug in Berlin. Klickt man auf das Symbol des Fotodienstes Panoramio, dann öffnet sich an der Stelle eines eigentlich verpixelten Hauses – das Foto des verpixelten Hauses. Google hat angekündigt, gegen die Fotos nichts zu unternehmen.

Die Frage wurde auch Pressesprecher Stefan Keuchel schnell gestellt: „Das Google Büro in München ist verpixelt, weil ein Mit-Mieter das (leider) beantragt hat“, schrieb er daraufhin bei Twitter. „Wir nehmen das ernst.“ Und wer? „Ich verstehe, dass das eine interessante Geschichte ist“, so Keuchel, „aber ich weiß selbst nicht, wer es war. Und wenn, würden wir es auch nicht sagen.“ Datenschutz...

Keuchel bringt aber die Hamburger Deutschland-Zentrale als Beleg, dass sich Google nicht verbirgt: Da stehen winkende Mitarbeiter vor der ABC-Straße 19.

In der Münchner Dienerstraße 12 hat man im Goldschmiedeatelier Gerlinde und Ralf Nutt kurz nach der Freigabe des Dienstes naturgemäß noch nicht mitbekommen, dass das Gebäude weggepixelt wurde. Wer dahinter stecken könnte? „Das ist so groß hier.“ Die Bayerische Hausbau, die den Lorenzistock am Alten Hof, frühere Stadtburg der Wittelsbacher, sagte auf Anfrage, sie wolle das prüfen.

„Prüfen“ – das war auch die erste Reaktion der Grünen, als bei Twitter darüber geätzt wurde, dass deren Bundesgeschäftsstelle an der Berliner Adresse Platz vor dem Neuen Tor 1 nicht zu sehen ist. Laut Bundesvorstandsmitglied Malte Spitz nahm die Geschäftsstelle Kontakt zu Google auf. Den Urheber erfuhren die Grünen auch dort wegen des Datenschutzes nicht, aber wie es dazu kam: „Die Verpixelung wurde über das Onlineformular beantragt.“ Spitzerklärte, die Grünen seien Eigentümer des Hauses, aber die oberen beiden Stockwerke gehörten nicht zu ihnen. Spitz beklagte, dass Mechanismen, die es etwa ausschließen, dass der Kölner Dom verpixelt wird, nicht gegriffen hätten. Google-Sprecher Keuchel weist das zurück: „Wenn da ein Mieter dagegen war, wird das Gebäude nicht gezeigt“, so Keuchel. „Die Grünen machen da keine Ausnahme, jeder wird da gleich behandelt.“ Das Verfahren: Wenn ein Widerspruch online eingeht, wird an die gemeldete Adresse zur Bestätigung eine PIN-Nummer verschickt, die zur endgültigen Sperrung nötig ist. Allerdings: Die Grünen haben die oberen Stockwerke an ein Hotel vermietet, das seinen Eingang zu einer anderen Straße hin hat – und der ist nicht verpixelt. Für ihn ist es wahrscheinlich, dass das Gebäude missbräuchlich verpixelt wurde. „Das ist für uns im höchsten Maße ärgerlich, zumal die Daten ja unwiederbringlich gelöscht sind“, so Spitz.

An anderen Adressen zeigt sich allerdings auch schon, dass die Verpixelung nicht unbedingt dauerhaft wirksam sein muss. So sind bei der Google-Fotoplattform Panoramio Bilder hochgeladen worden, die sich wie ein fehlendes Puzzleteil über weggepixelte Häuser legen. Es zeichnet sich ab, dass damit Street View-Gegner ausgetrickst sind. Google erklärte, solche von Nutzern hochgeladene Fotos eigentlich ausgesperrter Häuser nicht löschen zu wollen: Man wolle keine Zensur an User Generated Content betreiben.

Lars Wienand