Archivierter Artikel vom 02.01.2012, 09:32 Uhr
München

Rechtschreibrats-Vorsitzender: „Fetzenliteratur“ wie Twitter bedroht Sprachkompetenz

„Fetzenliteratur“ auf Twitter oder in SMS bedroht nach Ansicht des Rechtschreibrats-Vorsitzenden Hans Zehetmair die Sprachkompetenz junger Leute.

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"Fetzenliteratur" bedroht die Sprachkompetenz junger Leute, meint Hans Zehetmair.
„Fetzenliteratur“ bedroht die Sprachkompetenz junger Leute, meint Hans Zehetmair.
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München – „Fetzenliteratur“ auf Twitter oder in SMS bedroht nach Ansicht des Rechtschreibrats-Vorsitzenden Hans Zehetmair die Sprachkompetenz junger Leute.

„Eine junge Generation schreibt heute – um eine Liebe zum Ausdruck zu bringen – keine Briefe mehr, sondern “HDL„ – “Hab Dich lieb"„, bemängelte der 75-jährige frühere bayerische Kultusminister im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. “Unsere Zeit ist so schnelllebig geworden. Da müssen Sie sich nur die Twitter-Literatur ansehen, in der es keine ganzen Sätze mehr gibt.„ “Fetzenliteratur„ nennt das Zehetmair, der auch Vorsitzender der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung in München ist.

Zehetmairs Äußerungen dürften bei den – Twitter-Nutzern, von denen keine fünf Prozent jünger als 18 sind, mit einer Mischung aus Unverständnis und Belustigung aufgenommen werden, da dort täglich vielfach Nutzer beweisen, dass sich auch in 140 Zeichen hochwertig schreiben lässt. 2010 hatte etwa Florian Meimberg für seinen Twitteraccount @tiny_tales, der in 140 Zeichen abgeschlossene Kurzgeschichten erzählt, den Grimme Online Award erhalten. Die Jury hatte das unter anderem damit begründet, wie die Begrenzung inspirierend sein kann: “Die Einschränkung der Twitter-Plattform wird durch die unerwartete Nutzung zur Stärke, Geschichten im kleinstmöglichen Raum unterzubringen.„

Zehetmair sieht “zivilisatorischen Gesellschaften weltweit auf dem gefährlichen Weg, dass immer weniger gelesen, immer mehr Fetzenliteratur gepflegt, immer weniger geschrieben wird„, sagte er. Auch die Schule komme ihrem Bildungsauftrag in dem Bereich nur begrenzt nach. “Die Lehrer sind auch Kinder unserer Zeit und – bei allem guten Bemühen – gibt es auch bei ihnen oft diese Fetzenliteratur: super, geil und alles mit Ausrufezeichen.„

Hochschullehrer beklagten immer wieder die mangelhafte sprachliche Qualität von Diplom-, Magister- oder Bachelorarbeiten. “Man nimmt sich kaum noch die Zeit, ganze Sätze zu formulieren.„ Nach Angaben von Linguisten müssten rund 20 Prozent der 15-Jährigen heute als Analphabeten bezeichnet werden, sagte Zehetmair.

Eine Schwierigkeit sei auch die steigende Zahl an Anglizismen, die die deutsche Sprache überflute. “Sprache ist in vielen Bereichen ausschließlich verzweckt worden und ist überbordet mit Fremdeinflüssen. Ich bin nicht gegen Anglizismen im Allgemeinen, aber man sollte schon noch wissen, was die Worte auf Deutsch heißen.„ Das fehlende Hinterfragen sei aber “symptomatisch für eine Gesellschaft, die nicht mehr hinter die Dinge blickt und die Hintergründe nicht mehr beleuchtet„, sagte Zehetmair und warnte: “Eine solche Gesellschaft ist anfällig für Manipulation."