Archivierter Artikel vom 20.10.2010, 12:16 Uhr
Stuttgart

Mobiles Kamera-Einsatzkommando: Die „Volksreporter“ von S21

Geplant war das so nicht. Doch der Mann mit dem Twitternamen @tilman36 ist jetzt der „Volksreporter“, dazu erkoren von Menschen, die dem David mehr zu- und vertrauen als den Medien-Goliaths.

Lesezeit: 6 Minuten

Stuttgart – Geplant war das so nicht. Doch der Mann mit dem Twitternamen@tilman36 ist jetzt „Volksreporter“, dazu erkoren von Menschen, die dem David mit seiner WebCam mehr zu- und vertrauen als den etablierten Medien-Goliaths.

Tilman36 war im besetzten Südflügel des Stuttgarter Bahnhofs und filmte mit einem Netbook im Rucksack, der WebCam und einem UMTS-Stick, als die Polizei minutenlang mit einer Tür kämpfte und schließlich funkensprühend mit einer Flex den Durchbruch schaffte. Er lieferte die Bilder zum Spott, der bei Twitter kübelweise ausgeschüttet wurde. Wie der Spruch, dass es für die Stuttgarter Polizei keine Adventskalender geben wird – „sie bekommen ja die Türchen nicht auf“. 16.000 Menschen klickten sich laut@tilman36 rein, während er live übertrug. Über Twitter hatte sich der Link einmal mehr rasend schnell verbeitet. Seither folgten weitere Abrufe in fünfstelliger Zahl.

Die Aufzeichnung der Live-Übertragung von@tilman36 aus dem besetzten Südflügel. Ab etwa 2:23 h schafft die Polizei den Durchbruch

@Tilman36, dessen richtiger Name leicht im Netz zu finden ist, der ihn aber dennoch nicht unbedingt in Artikeln lesen möchte, wollte nicht zu einer Galionsfigur werden, wollte nicht überhöht werden. “,Volksreporter', das ist ein Begriff, der das ganze hypt. Ich bin ein ganz normaler Bürger, der was tun wollte. Kein Journalist.“ Jetzt wird das, was er mitangestoßen hat, schon bei xtranews.de als „Sternstunde des Bürgerjournalismus“ gefeiert. Es wird in Zukunft wohl noch mehr darüber geschrieben und geredet werden, wie sich da in Stuttgart eine eigene Öffentlichkeit organisiert hat und wie sie wahrgenommen wird.

Das Aufmunitionieren hatte begonnen, noch ehe sich die halbe Republik empörte angesichts des Polizeieinsatzes im Schlossgarten am 30. September und noch ehe es das Thema in die Hauptnachrichtensendungen und auf die Titelseiten schaffte. Fluegel.tv ließ bereits seit August rund um die Uhr per Webcam die Menschen am Geschehen rund um den Nordflügel und Schlosspark teilhaben, organisiert und überträgt inzwischen auch Gesprächsrunden.

Den nächsten Schritt ging Fachinformatiker@tilman36 – schon lange gegen das Projekt eingestellt – mit der Idee zu cams21.de. Eine Plattform, auf der Live-Übertragungen von Menschen einlaufen, die mittendrin sind. „Der Gedanke war, wenn 10, 20 Leute filmen, dann kommt da einiges an Info zusammen.“

Das war bei der Love-Parade-Katastrophe in Duisburg so gewesen, deren Hergang sich danach wie ein Mosaik aus zahllosen im Internet hochgeladenen Videos zusammensetzen ließ. Aber das war zufällig, ungeplant, unkoordiniert entstanden.

Von den Protesten gegen das Projekt Stuttgart 21 gibt es zahllose Bilder – viele, die dann auch in den Fernsehsendern zu sehen waren, liefern die Gegner selbst.
Von den Protesten gegen das Projekt Stuttgart 21 gibt es zahllose Bilder – viele, die dann auch in den Fernsehsendern zu sehen waren, liefern die Gegner selbst.
Foto: dpa
In Stuttgart verbindet die Filme ein Ziel: Die Kamera, sagt@tilman36, sei eine Waffe. Eine Speerspitze gegen das von Gegnern des Projekts so empfundene Versagen der „Informationsindustrie“ und des „Staatsfernsehens“, über das sie viel klagen: Schnitte in Beiträgen, die entscheidende Szenen weglassen, eine Berichterstattung, in der aus Sicht der Gegner wichtige Fakten unter den Tisch fallen, keine Totalen der Masse der Demonstrierenden – mancher der Projektgegner hat sich am Fernseher manchmal ohnmächtig gefühlt. Den eingesetzten Reportern mag@tilman36 da keinen Vorwurf machen – „die in der Redaktion“ würden ja die Beiträge fertig machen, die, die dann dem Druck von oben ausgesetzt seien. Für viele Gegner des Projekts scheint festzustehen, dass etwa der Stuttgarter Oberbürgermeister Schuster über seine Funktion als Mitglied im nicht eben kleinen Rundfunkrat des SWR Einfluss nimmt. Doch wie sollen es die Medien im gespaltenen Stuttgart den Menschen Recht machen? Befürworter des Vorhabens beklagen sich zugleich in Foren, es werde nur noch negativ über das Projekt berichtet und den Gegnern viel mehr Gehör geschenkt.

Als@tilman36 die Idee zu der Live-Plattform hatte, riet ihm ein Freund sofort zu und machte mit. Die Domain cams21.de war schnell gesichert, die Seite im Handumdrehen angelegt. Gut ein Dutzend Menschen haben ihren Kanal auf der Seite und dokumentieren aus verschiedenen Perspektiven und live, was in Stuttgart vor sich geht. Ein Effekt: „Was wir filmen, ist live und im Netz. Wenn uns Ausrüstung abgenommen werden sollte, sind die Bilder dennoch nicht verloren“, sagt@tilman36.

Er sieht die vermeintliche „Waffe“ und die Kraft der Bilder auch deeskalierend: „Mit jedem Schlagstock, der nicht eingesetzt wird, weil es ja gefilmt werden könnte, haben wir etwas gewonnen.“ Und auch die Polizei schaue sich die Live-Bilder an – und habe so sehen können, dass hinter der verschlossenen Tür im besetzten Südflügel definitiv keine Chaoten auf die Beamten lauerten.

Und wenn@tilman36 ins Erzählen kommt, dann muss er sich selbst offenbar überrascht eingestehen, dass er nicht nur der Kämpfer gegen das Projekt ist, der als Waffe die Kamera gewählt hat. Beim Zusammentreffen am Bauzaun mit den Befürwortern des Projekts, als es „schöne Gespräche untereinander“ gab, da haben ihn „die anderen“ gefragt, ob er nicht auch mal bei einer Pro-Demo filmen will. Kann er sich vorstellen. „Ich möchte ja nicht nur das dokumentieren, was uns zugute kommt“, versichert er. In dem Moment scheint er sich des Rollenwechsels bewusst zu werden. „Die Kamera schafft eine Distanz„, sagt er. „Ich merke, dass ich möglichst neutral sein will.“ Dabei lässt sich die Wahrnehmung doch schon durch die Motivauswahl manipulieren. Er stimmt zu. Aber: “Ich denke, dass ich auch Angriffe auf die Polizei dokumentieren und nicht wegschwenken würde.„ Den Veranstaltern der Demonstrationen sei ja daran gelegen, dass es friedfertig bleibt. “Und da wäre es ja auch in deren Sinne, die festzuhalten, die sich daran nicht halten wollen und dem Anliegen schaden.„

Die Rolle der ehrenamtlichen Filmer schien zunächst bei Schlichter Geißler nicht angekommen zu sein. Wenn am Freitag die Schlichtungsgespräche beginnen, übertragen der SWR und Phoenix live. Den Gegnern sollte nur die Möglichkeit bleiben, “über den Veranstalter der Gespräche einen Zugang zum Phoenix-Sendesignal zu beantragen„, wie der SWR schrieb, als bereits ein proteststurm aufzog.

Die Ankündigung des Flügel.tv-Verantwortlichen Robert Schrem, dann solle das Bündnis gegen S21 auch beim SWR anfragen, alle Demos live und in voller Länge zu übertragen, weil er nicht mehr zur Verfügung steht, hatte eine kleine Lawine ausgelöst. Mit Folgen: Er sah sich später zum Aufruf gezwungen, keine Protestmails mehr an die Sender und an Geißler zu schicken. “Unsere Enttäuschung kam offenbar an und man ist an einer schnellen Lösung interessiert„. kommentierte er. Das Signal des Phoenix-Streams darf übernommen werden, die Stadt wird kostenlos eine Internetleitung für fluegel.tv zur Verfügung stellen, eine Kamera könne mit hinein.

Im Büro von Schlichter Geißler waren nach Angaben von Büroleiter Lothar Frick “Hunderte Mails„ eingegangen. Er spricht von einem “Missverständnis„, das ausgeräutm sei: “Wir haben darum gebeten, dass fluegel.tv auch dabei ist. Das ist im Sinne des Schlichters und ein Auftrag aus den gemeinsamen Besprechungen." Die Volksreporter, die bislang immer da waren, müssen doch nicht draußen bleiben.

Lars Wienand