Archivierter Artikel vom 10.03.2015, 19:02 Uhr

Kommentar zu Apples neuer Watch: So leben Cyborgs

Apple will einmal mehr einen Bedarf für eine Kulturtechnik wecken, die bisher zumindest nicht nötig schien. Ein, zwei Jahrzehnte konnte man auf Armbanduhren verzichten, denn das simple Anzeigen der Tageszeit übernahm das Handy.

Lesezeit: 1 Minuten
Digitalchef Marcus Schwarze.
Digitalchef Marcus Schwarze.

Digitalchef Marcus Schwarze kommentiert

Nun dreht Apple scheinbar die Zeit zurück: In Verbindung mit einem Smartphone, natürlich nur einem von Apple, macht die Uhr deutlich mehr, als nur die Uhrzeit zu zeigen. Als Fitness-Tracker misst der Chronograf die Herzfrequenz und die Bewegungsaktivität. Als Schlüssel zum Haus oder zum Auto soll das kleine Funkgerät Türen öffnen. Und die eigentliche Seuche der Neuzeit zumindest für Büroarbeiter, der Schwall täglicher E-Mails, landet künftig nicht mehr nur auf dem Bürocomputer und auf dem Handy, sondern gleichsam am Handgelenk.

Die vollständige Vermessung des Menschen und seine Cyborgisierung werden Realität. Ein Cyborg ist ein Mischwesen aus lebendigem Organismus und Maschine. Wir sind offenbar so weit. Schon heute ist das Handy aus dem Alltag vieler Menschen nicht mehr wegzudenken, nicht wenige wachen damit auf, werden davon tagsüber begleitet und gehen abends damit zu Bett. Als künstliches Bauteil erweitert es den menschlichen Körper um einen Zugang ins Netz und zu anderen Individuen, Diensten und künstlichen Intelligenzen.

Die neue Uhr als Erweiterung zum Handy macht noch mehr: Sie umschließt das Handgelenk so fest, dass man es nicht mehr einfach in die Tasche stecken könnte und zumindest in Runden der höflichen gegenseitigen Wertschätzung auf Unsichtbar schaltet. Sich ständig unterbrechen zu lassen, mit einem Seitenblick das E-Mail-Postfach zu kontrollieren, so leben Cyborgs: dauernd im Wechsel zwischen echtem Leben und virtueller Netzhaftigkeit. Es scheint Urzeiten her, dass wir befreit von digitalen Zwängen im Wald Pilze sammelten oder am Fluss Fische fingen. Die neue Uhrzeit à la Apple schafft nicht nur tolle neue Dienste, sondern auch neue Zwänge.

E-Mail: marcus.schwarze@rhein-zeitung.net