Archivierter Artikel vom 02.12.2011, 15:04 Uhr

Gehörlose @EinAugenschmaus ist für Twitter-Boss ein Star

Die bemerkenswertesten Stories 2011 auf Twitter? Neben Arabischem Frühling, Erdbeben in Japan und Jugendkrawallen in England gehört für Twitter auch die Geschichte dazu, die eine Deutsche schreibt: die der gehörlosen Lippenleserin Julia Probst. Und die wollte eigentlich schon Twitter Adieu sagen.

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Die bemerkenswertesten Stories 2011 auf Twitter? Neben Arabischer Frühling, Erdbeben in Japan und Jugendkrawallen in England gehört auch die Geschichte dazu, die eine Deutsche schreibt: die der gehörlosen Lippenleserin Julia Probst. Und die wollte eigentlich schon Twitter Adieu sagen.

Julia Probst alias@EinAugenschmaus: Auf der Liste der 10 bemerkenswertesten Twitterstories 2011 und Bloggerin des Jahres.
Julia Probst alias@EinAugenschmaus: Auf der Liste der 10 bemerkenswertesten Twitterstories 2011 und Bloggerin des Jahres.
Bei 150 Millionen verschickten Nachrichten am Tag und 225 Millionen Nutzern beim Kurznachrichtendienst Twitter ist es wohl definitiv ein Gütesiegel, wenn man dem Chef der Firma auffällt. Julia Probst ist das gelungen. Was sie macht, „bekommt man nie mit, wenn man nicht selbst auf dem Spielfeld steht“, sagte Mitgründer Jack Dorsey den amerikanischen ABC Worldnews. „Völlig unseznsiert.“ Sie hört mit den Augen, was die Spieler sagen: Vor allem von Länderspielen twitterte sie live die Flüche, Gespräche und Anweisungen mit, die sie Spielern und Trainern von den Lippen abliest. Der #Ableseservice der gehörlosen 30-Jährigen aus der Nähe von Neu-Ulm ist Kult, brachte ihr ein Engagement bei Adidas ein – und gehört für Twitter zu den 10 bemerkenswertesten Begebenheiten rund um Twitter (komplette Übersicht hier). Sie fühlt sich nun „quasi so, als hätte ich den Oscar gewonnen“. Die Ehre kommt zur rechten Zeit: Julia Probst hatte schon angekündigt, nicht mehr zu twittern.

In einer Liste mit dem Mann, der über die Erstürmung von bin Ladens Anwesen berichtete und mit einer Ikone des ägyptischen Aufstands: Davon ahnte Julia Probst noch nichts, als sich Twitter im Oktober bei ihrem Account @EinAugenschmaus meldete. Ob man über sie berichten dürfe? Klar. Sie twittert auch, um auf ihr zentrales Anliegen Barrierefreiheit hinzuweisen, da ist Öffentlichkeit willkommen. Mehreren Fernsehsendern hat sie sich schon als Studiogast angeboten, um für das Thema Partei zu ergreifen. Die Redakteure bedankten sich für die Anregung, das war es. Twitter kam von sich aus auf sie zu.

„Und jetzt weiß jetzt sogar Amerika Bescheid, wie wenig barrierefrei das deutsche Fernsehen ist“, freut sie sich. Twitter illustrierte ihre Geschichte mit einem Tweet, in dem sie schimpfte: „Untertitel sind immer so mies. England, Amerika, Schweiz u.v setzen Nachsprecher + Scrollingverfahren ein=hohe Qualität!“

Die Top 10-Liste könnte ihrem Anliegen nun noch mehr Nachdruck verleihen: „Es bedeutet mir nicht nur persönlich sehr viel. Vor allem ist es eine Bestätigung, dass Gehörlose alles können außer hören, dass man einfach als gehörloser Mensch viel erreichen kann.“ Sie sieht auch, was die meisten Hörenden nicht mitbekommen: Für unsere Zeitung hatte sie vor der Landtagswahl 2011 beim TV-Duell zwischen Julia Klöckner und Kurt Beck die Mimik und Körpersprache der beiden Politiker gedeutet – faszinierende Einsichten für viele Leser, die dem Ticker folgten.

Mit dem Rückenwind überlegt sie, doch bei dem Kurznachrichtendienst weiterzumachen und ihren Blog fortzusetzen. Eigentlich hatte sie frustriert aufgeben wollen im Glauben, dass sich nichts bewegt. „Ich weiß es noch nicht. Aber diese Ehre aus dem heiteren Himmel ist schon mal ein verdammt guter Ansporn dafür, es noch mal gründlich zu überdenken und vielleicht auch anders aufzuziehen.“

Lars Wienand