Archivierter Artikel vom 12.05.2016, 11:11 Uhr
München

Zum 75. Geburtstag: Schauspielerin Senta Berger im Interview

Senta Berger hat in diesem Jahr zwei persönliche Feiertage: ihren 75. Geburtstag am 13. Mai und ihre Goldene Hochzeit im Herbst. Auf einen der beiden Anlässe freut sie sich – auf den anderen nicht so sehr.

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Die Schauspielerin Senta Berger wird 75 Jahre alt. Foto: dpa

Senta Berger posiert in einer Pelzjacke vor Fotos mit Szenen aus ihrem Film „Der Schatten des Giganten“ in München. (Archivbild von 1966). Foto: dpa

Die österreichische Schauspielerin Senta Berger posiert in einer weißen Bluse. (Undatierte Aufnahme aus den 70er Jahren). Foto: dpa

Die damals 31-jährige Senta Berger mit ihrem erst wenige Tage alten erstgeborenen Sohn Simon Vincent. Aufnahme vom Juni 1972. Foto: dpa

Die aus Wien stammende Schauspielerin Senta Berger mit ihrem Ehemann, dem Regisseur und Arzt Michael Verhoeven, auf einer Veranstaltung der Sozialdemokratischen Wählerinitiative in München. (Undatierte Aufnahme aus den 70er Jahren). Foto: dpa

Die Schauspielerin Senta Berger und ihr Mann Michael Verhoeven feiern am 19. Januar 2013 beim 40. Deutschen Filmball in München. Foto: dpa

Der Regisseur Michael Verhoeven und seine Frau Senta Berger stehen am Donnerstag, 5. Juli 2012, nach der Gala anlässlich der Verleihung des Bernhard Wicki Filmpreises «Die Brücke» im Cuvillies-Theater in München. Foto: dpa

Die österreichische Schauspielerin Senta Berger mit Ehemann Michael Verhoeven auf dem SPIO-Filmball im Hotel Bayerischer Hof in München am 19. Januar 1974. Foto: dpa

Senta Berger gehört zu den ganz Großen im deutschsprachigen Film- und Fernsehgeschäft. In mehr als 100 Kinofilmen hat sie mitgespielt – und mit nun bald 75 Jahren geht sie noch nicht in Rente. Im Interview erzählt sie, was sie an der Schauspielerei liebt, warum sie inzwischen ihre Söhne um Rat fragt – und warum ihr Mann Michael Verhoeven ihr dieses Jahr auf der Wiesn ein Herz schießen muss.

Was fasziniert Sie eigentlich am Schauspiel-Beruf?

«Faszinieren» ist vielleicht nicht das richtige Wort. Natürlich – als Teenager, so mit 16, da war ich von der großen Kinoleinwand fasziniert und von den Geschichten über Stars in den wenigen Illustrierten, die es damals gab. Der Beruf bedeutet aber so viel mehr. Um Menschen und ihre Geschichten spielen zu können, muss man erst einmal Menschen verstehen lernen und vor allem sich selbst. Durchlässig zu sein, sich zu öffnen, seine Gefühle zu zeigen, aber auch klug zu zügeln – das ist ein langer Lernprozess. Was ich wirklich «faszinierend» finde – und hier passt das Wort unbedingt – ist, wie bei Filmarbeiten in einem Bruchteil von Sekunden alles zusammenkommt: Fantasie, Imagination, Disziplin, Konzentration, Technik, Handwerk, Licht, Wetter. Das ist unglaublich herausfordernd. Wenn das dann glückt, freut man sich, ist erleichtert, geht heim, kocht Abendessen und ist wieder die Senta.

Verstehen Sie sich als politische Künstlerin?

Ich verstehe mich als politisch interessierte Bürgerin. Ich interessiere mich für unsere Gesellschaft und unsere Zeit. Ich bin keine politisch motivierte Aktionskünstlerin, aber natürlich nimmt man seine Überzeugungen auch in die Arbeit mit. Unsere Produktionsfirma Sentana hat 50 Filme produziert und in jedem steckt unsere Haltung. Vor Jahren habe ich die Ostpolitik der SPD unterstützt. Ich fand die Öffnung dem Osten gegenüber richtig. Da war ich natürlich für das Gegenlager «die rote Hexe». Aber ich habe keine Schwierigkeiten, zu meiner Meinung auch öffentlich zu stehen, wenn ich danach gefragt werde.

Sie leben in einer filmbegeisterten Familie. Wie ist das berufliche Verhältnis zu Ihren Söhnen? Fragen sie Sie um Rat?

Ja, schon. Aber langsam kehrt sich das Verhältnis um, wie sich das gehört. Ich werde jetzt zum ersten Mal mit Simon einen Film machen. Eine Satire über eine Familie, die einen Flüchtling aufnimmt. Simon ist ein völlig unabhängiger, sehr eigensinniger Filmemacher, der leider – das hat er von mir – auch ein großer Zweifler ist. Mein Mann hat immer mit bewundernswerter Naivität und Freude an seine Arbeiten geglaubt. Ich habe mich von früh auf eigentlich immer infrage gestellt. Es entsteht zwar auch etwas aus dieser latenten Unsicherheit und Überprüfung, aber man nimmt sich auch viel und manchmal ist das schwer auszuhalten. Mein Sohn hat ganz große Disziplin – das könnte ich gar nicht. Seinen Horrorfilm «Unfriend» hat er in monatelangem Schnitt zusammengestellt und an jedem Effekt herumgetüftelt. Ich hätte wahrscheinlich längst hingeworfen. Ich bewundere ihn auch dafür. Er ist ein sehr guter Regisseur. Gisela Schneeberger hat in Simons erstem Film seine Mutter gespielt und hat gesagt: Der ist genau wie sein Vater, der liebt Schauspieler. Darum hoffe ich, dass er mich auch lieben wird.

Es ist ja das erste Mal, dass Sie mit Ihrem Sohn zusammenarbeiten. Das klingt nach einer Herausforderung...

Oh ja. Manchmal werde ich nachts wach und frage mich, wie das wohl wird. Aber ich habe ja auch mit meinem Mann zusammen «Die schnelle Gerdi» gedreht und viele andere Filme und wir haben ein sehr gutes Gleichgewicht und eine ganz gute Sprache gefunden. Unbedingte Höflichkeit ist angesagt! Und manchmal ist es einfach angebracht, zu schweigen.

Aber das gilt dann nur in der Zusammenarbeit, oder?

Ich mag's auch privat gerne höflich und mag es, wenn jemand auf charmante Art und Weise rücksichtsvoll ist. Das finde ich einfach schön und ich hoffe, das verschwindet doch nicht ganz. Ich höre meine Söhne «Du bist ja sowas von spießig, Mama!»

Sie haben dieses Jahr Goldene Hochzeit. Feiern Sie die groß?

Das wissen wir noch nicht. Es kann sein, dass ich da aus München gar nicht weg kann, weil ich für «Unter Verdacht» drehe. Aber wir machen zu unserem Hochzeitstag gerne etwas, das für uns beide große Bedeutung hat: Wir gehen auf die Wiesn. Denn unseren Polterabend am 25. September haben wir im Schottenhamel-Zelt gefeiert. Am nächsten Tag sind wir zum Standesamt gegangen, aber die wenigsten Gäste wussten das. Nur unsere Eltern und enge Freunde. Und das war so schön und so lustig. Daran erinnern wir uns natürlich gerne und darum gehen wir immer am 26. auf die Wiesn, fahren Achterbahn, was wir damals auch gemacht haben und mein Mann schießt mir ein Herz, wie er das damals auch gemacht hat.

Gibt es solche Rituale an Ihrem Geburtstag auch?

Ich bin eigentlich ein Geburtstagsmuffel. Es fällt mir schwer, die Jahre mit zufälligen Geburtstagen einzuteilen. Die Zeit rast und wir rasen mit. Nein, sagt Kästner: Wir sind es, die rasen – Die Zeit steht still. Das mag auch etwas sehr Wienerisches sein. Ich kenne kaum Wiener, die ihren Geburtstag jubelnd feiern. Es ist immer unter dem Motto: Naja, ein Jahr weniger. Mit 16 wollte man natürlich 21 werden. Aber die letzten fünf Jahre sind so unglaublich schnell vergangen, ich kann es gar nicht beschreiben. Freunde von mir sind gestorben, der Helmut Dietl, Roger Willemsen. Das schmerzt und eben wurde ich noch gefragt: Na, wie fühlt man sich mit 70, Frau Berger? Und das soll schon fünf Jahre her sein? Ich kann die Zahl 75 aussprechen – aber ich glaube sie nicht.

Das Gespräch führte Britta Schultejans