Archivierter Artikel vom 29.12.2019, 20:04 Uhr
Dortmund

WDR-Kinderchor besingt die Oma als „alte Umweltsau“: Warum eine Satire derart empört

Die Zeilen gehören zu den absoluten Albernheiten deutschen Liedgutes. „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ ist schon als Sprachbild nur als Blödelei zu verstehen. Und deshalb lädt es seit Ende der 1920er-Jahre bereits zu Verballhornungen ein. Man nimmt es nicht ernst, man wetteifert beim Erfinden neuer Strophen, die die Parodien auf die Spitze treiben.

Von Gregor Mayntz

Uner Korrespondent Gregor Mayntz analysiert die Vorgänge rund um das Internetvideo des WDR-Kinderchors

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Mal fährt Oma ohne Licht, mal ohne Schlauch, mal bringt sie einen Schutzmann vor Lachen zu Fall, mal hat sie mit 80 immer noch keinen Mann. Doch jetzt steigert sie die Erregungskurven in den sozialen Netzwerken in ungeahnte Eskalationswindungen.

Ein Internetvideo des Dortmunder WDR-Kinderchores hat das mit drei Zeilen ausgelöst: „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad. Das sind tausend Liter Super jeden Monat. Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau“, lautete der Text, über den sich am Wochenende Zehntausende Zuschauer beim WDR beschwerten. Dabei war nicht nur der Ursprungstext im Bereich des Ironischen angesiedelt, sondern natürlich auch seine neuerliche Persiflage.

Reumütig nahmen die WDR-Verantwortlichen das Video aus dem Netz. Sie starteten eine Sondersendung, in der sich auch WDR-Intendant Tom Buhrow telefonisch vom Krankenbett seines Vaters meldete, sich „ohne Wenn und Aber“ entschuldigte und emotional davon sprach, wie er sein ganzes Berufsleben dafür gekämpft habe, „dass wir die Menschen nicht spalten und gegeneinander in Stellung bringen, sondern das Miteinander stärken“.

Hätte der Sender mit diesen Reaktionen rechnen können, als er „mit einem großen Hammer auf einen relativ kleinen Nagel“ schlug, wie es WDR-2-Chef Jochen Rausch formulierte? Zum Zeitpunkt der Produktion des Videos war das Feld der potenziellen Empörung noch nicht derart geweitet, wie es durch einen Tweet von Fridays for Future kurz vor den Feiertagen bereitet worden war. Auch die Klimaschutzaktivisten hatten sich am angeblich mangelnden Umweltbewusstsein der Omas und Opas mit der Frage abgearbeitet: „Warum reden uns die Großeltern eigentlich immer noch jedes Jahr rein? Die sind doch eh bald nicht mehr dabei.“ Auch hier versuchten es die Urheber zunächst mit dem Hinweis auf Satire, bis sie sich entschuldigten.

Gereizte Stimmung

Die Gesellschaft war also in Sachen Zynismus zulasten der Großeltern besonders sensibilisiert, als der WDR das Motorrad, einen SUV und Discounterfleisch in neue Zeilen packte, um „Oma“ gleich mehrfach als „Umweltsau“ an den ironischen Pranger zu stellen. Doch die aktuell aufgeladene Aufmerksamkeit für einen möglichen Generationenkonflikt war es nicht allein, die zur Eskalation in der Internetöffentlichkeit führte.

Hinzu kam der seit den Klimaprotesten aufgekommene Konflikt um den Anteil, den jeder Einzelne zum Klimaschutz beitragen soll und der mit immer skurrileren Beispielen die private und gesellschaftliche Debatte begleitet.

Da sind die kleinen Kinder, die kaum sprechen können, aber von ihren Eltern mit auf Klimademos genommen werden, in denen sie ihren Hass auf die untätige Politik eingetrichtert bekommen, die ihnen ihre eigene Zukunft nehme. Völlig verzweifelt über ihr bedrohtes Leben steigen sie dann in das alte Auto ihrer Eltern und fahren mit ihnen Eltern durch halb Europa in Urlaub. Oder gleich in den Flieger. Auch eine Vorzeigeaktivistin wie Carola Rackete findet nichts dabei, beim Straßenprotest alle anderen zum Ändern ihrer Lebensgewohnheiten aufzurufen – und dann selbst aus Patagonien an der Südspitze Südamerikas frohe Festtage zu wünschen.

Solche Auswüchse von Doppelmoral schüren die Emotionen bei jeder sich bietenden neuen Gelegenheit. Und eine solche lieferte die „Oma-Anklage“ des WDR ausweislich vieler Reaktionen zur Klimabilanz der einzelnen Generationen. Da wurde die fiktive Oma, die kein Geld für bestes Biofleisch und weite Flugreisen habe, in einen Gegensatz zur anklagenden jungen Generation und ihren stromfressenden und CO2 produzierenden Lebensgewohnheiten gebracht. Satire-Profi Jan Böhmermann antwortete genauso spitz: „Wer sich jeden Tag billiges Discounterfleisch aufbrät, ist eine Umweltsau.“

Aufregung von (ganz) rechts bis links

Umgehend wuchs sich Omas Motorradfahrt zur grundsätzlichen politischen Frontstellung aus. Kaum hatte es NRW-Ministerpräsident Armin Laschet gewagt, an die „Grenzen des Stils und des Respekts gegenüber Älteren“ zu erinnern, wurde er auch schon gezielt falsch interpretiert und mit dem Verdacht belegt, die Meinungsfreiheit von WDR-Journalisten einschränken zu wollen.

Bald geriet der WDR mit seinem Rückzieher und seiner Entschuldigung deshalb in den Verdacht „erbärmlicher Rückgratlosigkeit“, weil er nicht zu seiner Ironie und dem Eintreten gegen jede Umweltsau gestanden habe. Der Kurswechsel des WDR wurde als Einknicken gegenüber „den Rechten“ interpretiert, weil nach diesem Verständnis der Shitstorm im Netz aus durchsichtigen Motiven allein „von Faschisten initiiert“ worden sei.

Diese Gedanken bekamen zusätzliche Nahrung, als auch noch ein WDR-Mitarbeiter von seinem privaten Account das Stichwort „Umweltsau“ um das Stichwort „Nazisau“ ergänzte und den Kritikern vorwarf, dass ihre Großmütter solche gewesen seien. Rechtsextreme haben sich dann auch am Sonntagnachmittag zu einer Kundgebung in der Nähe des WDR in Köln getroffen. Die Demo stand unter dem Motto „Unsere Oma ist keine Umweltsau“.

So läppisch der Anlass, so vernachlässigbar der Kernvorgang war, so zeigen die überzogenen Reaktionen und eskalierenden Debatten zum Jahresende doch, wie tief die Spaltung in dieser Gesellschaft bereits vorangeschritten ist. Vielleicht fällt das Ausmaß der Polarisierung bei einem derart harmlosen Liedchen sogar noch schärfer ins Auge als bei grundsätzlichen und schwerwiegenden Bedrohungen der Demokratie. Höchste Zeit, sich für 2020 mehr Augenmaß und Gelassenheit vorzunehmen.