Archivierter Artikel vom 04.11.2017, 09:00 Uhr
Hannover

Tatort-Preview: Lindholms neue Verletzlichkeit

Ein Jubiläum – Anlass zu feiern. Und er ist ein Fest, der 25. „Tatort“ mit Maria Furtwängler als LKA-Kommissarin Charlotte Lindholm. Keine rauschende Fete, keine strahlende Gala, sondern eine beeindruckende und bedrückende Vorstellung einer der beliebtesten „Tatort“-Ermittlerinnen.

Kommissarin Charlotte Lindholm zeigt sich im „Tatort“ ungewohnt verletzlich.  Foto: NDR/Marion von der Mehden/dpa
Kommissarin Charlotte Lindholm zeigt sich im „Tatort“ ungewohnt verletzlich.
Foto: NDR/Marion von der Mehden/dpa

Redakteurin Katrin Maue-Klaeser hat sich den neuen „Tatort“ angesehen. Ihr Urteil: ein Hammer-Jubiläumskrimi mit sehenswerten Hauptdarstellern.

Lindholm, versierte LKA-Beamtin und Heldin (nicht nur) der „Tatort“-Gemeinde, wird in dieser Folge „Der Fall Holdt“ zur Antiheldin. Statt wie sonst kühl, rational und unvoreingenommen zu ermitteln, ist sie unkonzentriert und stemmt sich gegen alles, was ihre ehrgeizige junge Kollegin Frauke Schäfer (wunderbar oszillierend zwischen Professionalität und Karrieregeilheit: Susanne Bormann) tut oder sagt. Fühlt sich Lindholm von der Jungen bedroht, weil ihr diese (äußerlich) so ähnelt? „Denken Sie eigentlich auch mal nach, bevor Sie so’n Schwachsinn raushauen?“, fährt Lindholm Schäfer an.

Alles beginnt mit einer Feier, einem Konzert, auf dem die oft so spröde Charlotte mit ihrem Freund Henning (Adam Bousdoukos) ausgelassen abtanzt. Gleich darauf, allein vor der Tür, wird sie von mehreren Männern attackiert: Beschämt, verletzlich, schreckhaft und aggressiv bleibt sie zurück – und bleibt es im gesamten Film. Ihre Wahrnehmung ist so angeschlagen wie ihr Selbstbewusstsein, ihre sonst so zuverlässigen und wichtigen Instinkte versagen. Ihre berufliche Brillanz flackert immer wieder auf, doch sie kann ihren eigenen Gedanken nicht folgen.

Hohläugig und bleichwangig, tagelang in denselben Klamotten und mit ungewaschenen Haaren: Furtwängler hat keine Angst, sich schwach und unansehnlich zu zeigen. Da gerät der Kriminalfall, den sie lösen soll, fast schon in den Hintergrund: Eine Bankiersgattin ist entführt worden. Nicht ihr Mann ist es, der das LKA einschaltet, sondern ihr Vater, der sich über die Anweisung der Entführer, die Polizei aus dem Spiel zu lassen, hinwegsetzt. Zugleich jedoch organisiert der Vater das geforderte Lösegeld, denn der Banker ist knapp bei Kasse, und selbst seine Filiale verfügt nicht über die verlangten 300.000 Euro. Während sich die beiden LKA-Ermittlerinnen gegenseitig in die Parade fahren, kehrt der Mann von der Geldübergabe nicht zurück  …

Von gleich mehreren realen Fällen soll die Story inspiriert sein. Die Polizei gibt keine allzu gute Figur ab, doch die Familie macht es ihr auch nicht leicht. Der Mann cholerisch (faszinierend zwiespältig zwischen weinerlicher Hilflosigkeit und zorniger Brutalität: Aljoscha Stadelmann), der Vater arrogant und übergriffig, die Mutter hysterisch, der Sohn ahnungslos: Wer verschweigt etwas, wer weiß überhaupt etwas, was helfen könnte, die Entführte zu finden und die Täter dingfest zu machen?

Nein, die kriminalistische Arbeit, die hier gezeigt wird, ist nichts, was man feiern möchte. Aber sie zeigt mehr Echtes, mehr Menschlichkeit, mehr Anstoßerregendes, als es für einen „Tatort“ üblich ist. Und, beginnend mit der Anfangsszene, auch mehr körperliche und seelische Grausamkeit. Am Ende vielleicht einfach mehr Realität. Großer Dank dafür gebührt Autor Jan Braren und Regisseurin Anne Zohra Berrached.