Archivierter Artikel vom 29.10.2016, 11:13 Uhr
Bremen

Tatort-Preview: Kommissare auf digitaler Spur

Oft schauen sie in diesem „Tatort“ auf Bildschirme: auf Computermonitore, Tablets, Handydisplays. Meistens ist darauf Nessa zu sehen, eine digitale Kopie von Vanessa Arnold, der Mitbegründerin der Bremer Softwareschmiede Golden Bird Systems. Nessa ist das Vorzeigeprojekt des Startup-Unternehmens und steht kurz vor der Markteinführung: eine digitale Assistentin, deren einzigartige künstliche Intelligenz so perfekt programmiert ist, dass Nessa wie ein echter Mensch erscheint.

Unser Redakteur Hilko Röttgers hat sich den neuen „Tatort“ angesehen. Sein Urteil: Mehr Krimi und weniger Themenwoche – das wär’s gewesen.

Der wirklich echte Mensch, der für Nessa Modell gestanden hat, ist allerdings tot. Vanessa Arnold kommt zu Beginn des „Tatorts“ aus Bremen bei einem Unfall ums Leben. Jemand hat an ihrem Auto herumgepfuscht – während der Fahrt, von außen, über WLAN oder Bluetooth, erklärt BKA-Expertin Linda Selb, die den Kommissaren Inga Lürsen und Nils Stedefreund bei den Ermittlungen hilft.

Der Täter kennt sich also bestens aus mit Computern. Das macht den Kreis der Verdächtigen überschaubar. Ganz oben auf der Liste stehen Vanessa Arnolds Geschäftspartner Paul Beck, Kai Simon und David Arnold, mit dem sie verheiratet war. Alle drei sind Computercracks – was sie Lürsen und Stedefreund voraushaben. Die beiden fremdeln erkennbar mit der digitalen Welt. Einmal, als die stockenden Ermittlungen einen neuen Ansatzpunkt bekommen, sagt Stedefreund erleichtert: „Klingt endlich mal nach klassischer Polizeiarbeit: warten, bis der Erpresser sich meldet.“ Ganz so einfach ist die Sache natürlich nicht. Der „Tatort“ aus Bremen ist Teil der Themenwoche „Zukunft der Arbeit“, mit der die ARD vom 30. Oktober bis zum 5. November einen Schwerpunkt im Programm setzt. Da geht es um Globalisierung und Digitalisierung und darum, wie diese Prozesse die Berufswelt verändern. Eine Frage, die der „Tatort“ vor diesem Hintergrund stellen könnte, wäre zum Beispiel: Führt eine so perfekte Assistentin wie die digitale Nessa dazu, dass fehlbare Sekretärinnen aus Fleisch und Blut ihre Jobs verlieren?

Tatsächlich aber sind solche Fragen eher Nebensache. Vielmehr geht es um den Umgang mit – und die Abhängigkeit von – der Technik. Nessa spielt dabei die Hauptrolle. Lilly, die kleine Tochter der getöteten Vanessa Arnold, ruft die digitale Kopie ihrer Mutter auf dem Tablet auf und unterhält sich mit ihr, um ihre Trauer zu verarbeiten. Lillys Oma klagt: „Sie redet mit dem Ding, als wäre Vanessa noch da.“ Auch Lürsen und Stedefreund sprechen mit Nessa und behandeln sie als wichtige Zeugin. Dabei bleibt der „Tatort“ ambivalent, zeigt positive Möglichkeiten der Technik ebenso wie das Unbehagen, das entstehen kann, wenn Maschinen das Leben bestimmen. Taugt all das für einen guten Krimi? Jein. Wer Lürsen, Stedefreund und Selb mag, wird sich vom „Tatort“ ganz gut unterhalten fühlen. Anderen wird der Themen-„Tatort“ um Computer-Nerds im Yuppie-Mileu vermutlich ein bisschen zu gewollt vorkommen.