Archivierter Artikel vom 18.11.2017, 09:00 Uhr

Tatort-Preview: Keine Kunst – Der „Tatort“ ist auch nur ein Krimi

Wer normal ist oder eben nicht, wird in Deutschland immer wieder sonntags in der ARD geklärt. Im „Tatort“ ist vom Sofa aus zu sehen, wer integriert und toleriert werden darf, wer sich assimilieren oder gar absentieren muss. Schon deshalb sind Minderheiten im „Tatort“ überrepräsentiert, will man sie doch nicht nur ins Fernsehprogramm, sondern auch in die Gesellschaft eingliedern.

Von Wolfgang M. Schmitt

Das eigentliche Opfer ist die Kunst: Jan Josef Liefers (rechts) und Axel Prahl als klamaukige Ermittler Boerne und Thiel.  Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
Das eigentliche Opfer ist die Kunst: Jan Josef Liefers (rechts) und Axel Prahl als klamaukige Ermittler Boerne und Thiel.
Foto: Rolf Vennenbernd/dpa
Dazu aber müssen sie erst einmal unter Beweis stellen, dass sie „normal“ sind. Generell gilt die Schuldvermutung. Dabei unterteilt die Krimireihe die Welt in gute und böse Menschen. Letztere verüben häufig grausame Morde und werden schließlich von den guten, aber mit kleineren Macken und Marotten versehenen Kommissaren geschnappt.

Beinahe jeder Integrationswillige lässt sich in das sonntägliche Schema einfügen, auch wenn bei besonders harten Fällen, Fundamentalisten etwa, Resozialisierungsmaßnahmen greifen müssen. Eine Gruppe aber scheint es zu geben, deren Eingliederung in die Gesellschaft und das TV-Programm einfach nicht gelingen will: Das zeigt zumindest nun der neue Münsteraner „Tatort“ unter dem kalauernden Titel „Gott ist auch nur ein Mensch“. Gemeint sind, selbstverständlich, die Künstler. Jene Berufsgruppe, die auf gesellschaftliche Konventionen pfeift, die die staatliche Ordnung und bürgerliche Wohlanständigkeit stört.

Frank Thiel (Axel Prahl) und Prof. Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) ermitteln dieses Mal im Vorfeld der Skulptur Projekte Münster. Bei der Schau zeigen alle zehn Jahre Künstler von Weltgeltung ihre Skulpturen im öffentlichen Raum und verschaffen der Stadt so internationales Renommee. Gleich zu Anfang wird vor dem Rathaus in der Clown-Skulptur eines Aktionskünstlers, der sich in aller Bescheidenheit G.O.D. (zu Deutsch: Gott) nennt, eine Leiche gefunden. Fast scheint es, als sei sie Teil des Werks. Der Tote ist kein Unbekannter: Es handelt sich um einen ehemaligen Stadtrat, dem in der Vergangenheit Belästigung von Minderjährigen vorgeworfen worden war.

Thiel und Boerne tappen im Dunkel beziehungsweise durch die Kunstwelt: Regisseur Lars Jessen ging es offenbar darum, möglichst viele Künstlerklischees in 90 Minuten zu packen – witzig ist das nicht, eher ärgerlich. Als Anwälte der „Normalität“ veralbern die Kommissare und ihre Kollegen jeden kreativen Einfall und stellen alle Künstler als Scharlatane dar. „Die haben doch ein Rad ab“, heißt es da pauschal – auf diesem Niveau findet in der ARD die Auseinandersetzung mit Gegenwartskunst statt. Man stelle sich vor, eine andere Berufsgruppe – zum Beispiel Polizisten – würden auf diese Weise zur Hauptsendezeit verunglimpft werden . Gerade weil der Film besonders lustig sein will und Liefers und Prahl schlechtes Boulevardtheater bieten, ist die Herabsetzung der Künstler so böswillig: Der Humor der Gewöhnlichen geht auf Kosten der Außergewöhnlichen. Thiel und Boerne dürfen zwar auch ein wenig kauzig sein, aber nur, weil sie qua Amt die Ordnung wiederherstellen. Die Künstler hingegen werden zu spinnerten Querulanten erklärt, die sich selbst überhöhen, als sei der Geniekult des 18. Jahrhunderts gerade erst erfunden worden.

Die Ermittler schleppen sich derweil von Szene zu Szene. Ästhetisch ist der Film so innovativ wie „Malen nach Zahlen“. Und Spannung kommt trotz des an sich spektakulären Falls nicht auf. Ausgebessert und gestopft wird der maue Stoff durch ein paar Erinnerungsflicken aus Thiels Vergangenheit und viel Klamauk. Primär zeigt der „Tatort“ die Kunstwelt aus der „klein Erna“-Perspektive und erklärt den Künstler zum Gefährder der sonntäglichen Behaglichkeit.

Von unserem Reporter Wolfgang M. Schmitt