Archivierter Artikel vom 13.01.2014, 19:51 Uhr
Berlin

Studie: Väter wollen nicht länger das fünfte Rad am Wagen sein

Als SPD-Chef Sigmar Gabriel Anfang Januar seine Mittwochnachmittage für Tochter Marie reservierte, machte das Schlagzeilen. Ein Minister als Teilzeitvater? Für viele deutsche Männer schien das lange unvorstellbar. Doch der Wind hat sich gedreht.

Die meisten deutschen Väter wünschen sich mehr Zeit für ihre Kinder. Doch die wachsenden Ansprüche erhöhen auch den Druck.  Foto: dpa
Die meisten deutschen Väter wünschen sich mehr Zeit für ihre Kinder. Doch die wachsenden Ansprüche erhöhen auch den Druck.
Foto: dpa

Von Ulrike von Leszczynski und Anja Sokolow

Selbst für die Bundeswehr wird nun über Teilzeit diskutiert. Immer mehr Männer schwanken zwischen dem traditionellen Rollenbild als Ernährer und dem Wunsch nach mehr Zeit mit ihren Kindern.

Oft ist es nicht allein eine Frage von Zeit und Geld. Es geht um die Anerkennung neuer Männerrollen und um die Wünsche von Frauen. Wie kompliziert das ist, hat die Zeitschrift „Eltern“ nun in einer repräsentativen Umfrage unter Vätern beleuchtet. Vater sein bedeutet heute ein Leben mit mehr Widersprüchlichkeiten als früher.

Mehr als die Hälfte der befragten Männer fühlt sich zwar nach der Geburt ihres Kindes glücklicher und erfüllter – auch wenn der Preis weniger Sex, weniger Zeit als Paar und mehr Streit ist. Gleichzeitig spüren viele Männer mehr Druck. Sie haben das Gefühl, nicht genug für ihre Kinder da zu sein.

„Väter wollen früh eine Erziehungsfunktion haben und nicht das fünfte Rad am Wagen sein“, sagt Ralf Sprecht, Chef des Vereins Väter in Hamburg. „Trotzdem fühlen sich viele Männer auch weiterhin als Ernährer. Der Tag hat aber nur 24 Stunden. Deshalb sind viele Männer so ausgepowert.“ Aber vom Vollzeitjob lassen will die Mehrheit auch nicht. Liegt das an der Karriereplanung? Nicht nur, meint Schriftsteller Ralf Bönt („Das entehrte Geschlecht. Ein notwendiges Manifest für den Mann“). „Was man unterschätzt, ist, dass fast alle Männer bei der Geburt eines Kindes einen Schub von Sicherheitsdenken haben. Die Arbeitsstunden gehen hoch.“

Zeit für eine Viertagewochest offenbar noch nicht reif

Umfrage
Männer: Zwischen Karriere und Vaterrolle

Viele Männer sind hin- und hergerissen zwischen dem traditionellen Rollenbild als Familienernährer und dem neuen Idealbild des perfekten Vaters. Was bedeutet für Sie Vater sein?

Viel Zeit mit meiner Familie verbringen. Dafür gehe ich auch in Elternzeit!
14%
37 Stimmen
Viel arbeiten und Geld verdienen. Wir haben dann ein angenehmes Leben.
24%
66 Stimmen
Die Aufgaben in der Familie teile ich gleichwertig mit meiner Partnerin.
36%
98 Stimmen
Hallo! Männer! Eure Probleme möchten wir mal haben!
26%
71 Stimmen

So weit, wie Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) gehen wollte, scheint die Gesellschaft noch nicht zu sein. Eine Viertagewoche mit 32 Stunden für Väter und Mütter? Die Zahl stammte vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, das die günstigste Variante für eine Vereinbarung von Familie und Beruf ausgerechnet hatte. Der Soziologe Thomas Gesterkamp bedauert, dass die Idee so schnell „plattgemacht“ wurde.

Trotzdem ist einiges in Bewegung. Seit der Einführung des Elterngeldes 2007 lässt sich messen, wie rasant sich Gewohnheiten verändern. Mehr als jeder vierte Vater eines Neugeborenen nehme heute Elternzeit, heißt es beim Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Die Mehrheit entscheidet sich für zwei Monate. „Solche Prozesse brauchen Zeit, das dauert eine Generation“, sagt Marie-Luise Lewicki, Chefredakteurin der Zeitschrift „Eltern“. Die Saat für ein neues Vaterverständnis ist für sie vor 30 Jahren gelegt worden, als die ersten Männer bei der Geburt dabei waren.

Geschlechterrollen zwischen Mann und Frau werden neu verhandelt

Wahrscheinlich hat sich auch noch keine deutsche Männergeneration so viel Zeit für ihre Kinder genommen. Reicht das langsam? Nein, sagen viele Mütter. Sie fordern von ihren Partnern nicht nur Mithilfe im Haushalt, sondern Mitverantwortung. Rollen werden neu verhandelt. Klappt das nicht, stecken meist die Frauen im Job wieder zurück, nicht die Männer.

Für Mütter ist trotzdem einiges einfacher, sagt Lewicki. Sie könnten heute aus vielen gesellschaftlich akzeptierten Rollen wählen. „Für Männer gibt es neue Vätermodelle erst seit ein paar Jahren.“ Und für Männer sei es immer noch leichter, Selbstwert über berufliche Leistung zu finden. Auch in der Arbeitswelt tut sich was. Wer Fachkräfte sucht, muss was bieten. DAX-Unternehmen lassen sich von Vätervereinen beraten. Sogar Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen will die Bundeswehr familienfreundlicher gestalten. Headhunter warnen aber vor Karriereknicks bei längeren Pausen.