Archivierter Artikel vom 19.02.2014, 07:10 Uhr
Mainz/Rülzheim

Spektakulärer Fund: Könnte dies der Nibelungenschatz sein?

Womöglich ist die Polizei den Tätern auf die Spur gekommen, weil diese mit ihrem Fund aus einem Waldstück beim pfälzischen Rülzheim protzten. Die Täter: Raubgräber. Der Fund: Artefakte aus Gold und Silber mit einem Schwarzmarktwert in Millionenhöhe. Über die kriminalistischen Aspekte des aktuellen Falls ist wenig zu erfahren: Die Staatsanwaltschaft will laufende Ermittlungen nicht gefährden. Aufgeknöpfter gaben sich die rheinland-pfälzischen Landesarchäologen am Dienstag bei der Mainzer Pressevorstellung des in ihre Obhut übergegangenen Schatzes. Sie sind sicher: Dies ist einer der qualitativ hochwertigsten Funde in Deutschland aus spätrömischer Zeit.

Auch diese Figurengruppe gehört zu dem bei Rülzheim gefundenen Schatz.

dpa

Sehr schmuck: Diese Goldapplikationen gehörten wohl zu einem zeremoniellen Gewand und wurden vor circa 1550 Jahren vergraben.

dpa

Archäologen gehen davon aus, dass alle Stücke – wie auch diese prächtige Silberschüssel mit eingelegten Edelsteinen – aus einem einzigen Haushalt stammen.

dpa

Von unserem Autor Andreas Pecht

Ein großes Silbertablett, eine Silberschale mit Edelsteinen, zahlreiche Goldapplikationen eines zeremoniellen Gewandes, Teile eines versilberten und vergoldeten Klappstuhls, etliche Silberstatuetten, dazu Überreste anderer Utensilien aus Edelmetall. Nach rund 1550 Jahren sind die Preziosen erstmals wieder den Blicken einer Öffentlichkeit ausgesetzt. So lange dürfte es her sein, dass da ein Besitzer sein Eigentum oder plündernde Germanen ihre Beute unweit einer Römerstraße hastig nur einen halben Meter tief im pfälzischen Waldboden verscharrten.

Wichtige Hinweise werden meist zerstört

Die Zeiten waren unsicher in jenem mittleren 5. Jahrhundert, dem der Hort von Rülzheim nach ersten archäologischen Begutachtungen zugeordnet werden kann. Es herrschte weithin Chaos in den Provinzen des sich auflösenden Imperium Romanum der Völkerwanderungszeit. Vieles bleibt im Ungewissen, weil die Raubgräber unserer Tage dem Boden einfach gierig die Stücke entreißen, die ihre Metalldetektoren anzeigen. Für die Forschung wichtige Hinweise des Fundumfeldes werden dabei meist zerstört.

Diesen Leuten gehe es um den Geldwert der Artefakte, zürnen Landesarchäologe Axel von Berg und Ulrich Himmelmann von der archäologischen Außenstelle Speyer. Kulturministerin Doris Ahnen ergänzt: Durch derartige Raubgräberei entstehe nicht nur für die Wissenschaft großer Schaden, sondern auch für die Allgemeinheit. Denn nur aus sachgemäßer Archäologie „erfahren wir etwas über unsere Geschichte und Entwicklung“.

Schatz stammt aus einem einzigen Haushalt

Im Rülzheimer Fall ist derzeit noch völlig unklar, ob mit den sichergestellten Stücken der Hort komplett vorliegt oder bereits Teile fehlen. Unklar ist auch, ob besagter herrschaftlicher Klappstuhl schon in historischer Zeit zerlegt wurde oder erst jüngst bei der illegalen Grabung kaputtging. Ähnlich die Fragestellung hinsichtlich zerbeulter Becher oder der Vermutung, dass der Hort ursprünglich in eine Holzkiste gepackt war. „Das sind Faktoren, die uns mit heutigen wissenschaftlichen Methoden wesentliche Erkenntnisse bringen könnten“, erklärt Thomas Metz, Chef der Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE). Eine der Besonderheiten, derentwegen der Schatz so bedeutend ist, haben die Archäologen dennoch dingfest gemacht: Er besteht nicht aus Beutestücken von unterschiedlichen Orten, sondern stammt aus einem einzigen Haushalt. Und zwar aus dem Besitz einer hochstehenden Persönlichkeit – entweder eines hohen germanischen Beamten in römischen Diensten oder eines freien Germanenfürsten. Das eröffnet der historischen Forschung neue Perspektiven, denn eine derart geschlossene Hinterlassenschaft aus der gesellschaftlichen Führungsschicht des 5. Jahrhunderts ist in Rheinland-Pfalz noch nie gefunden worden.

Aus der Zeit der Völkerwanderung

Ein weiterer Umstand führte bereits bei der Pressekonferenz zu den schönsten Spekulationen. Etliche Fundstücke zeigen Merkmale, die auf eine Herkunft aus dem östlichen Germanien schließen lassen – aus jenem Raum also, in dem während der Völkerwanderung die Burgunder und die Hunnen eine Weile intensiv miteinander zu tun hatten. Burgunder, Hunnen, Schatz, 5. Jahrhundert, Rheinregion unweit Worms/Speyer: Epoche, Fundstelle, beteiligte Gegenden und Völkerschaften lassen denken an – Siegfried, Kriemhild, Attila, an Hagen von Tronje und den legendären Schatz der Nibelungen.

Die Archäologen schmunzeln bei der zwangsläufigen Frage: Könnte der Hort von Rülzheim der Nibelungenschatz sein oder ein Teil davon? Wissenschaftler halten zu solchen Gedankenspielen Abstand. Axel von Bergs Anmerkung lässt sich allenfalls als augenzwinkerndes „wer weiß“ deuten. Öffentlich werden die Fundstücke demnächst bei Sonderausstellungen in Speyer und Mainz präsentiert.