Archivierter Artikel vom 25.08.2012, 06:00 Uhr
Jamel

RZ-REPORTAGE von 2012: Lohmeyers leben im Widerstand – Allein unter Rechtsradikalen

In einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern wollen Neonazis nach ihren Gesetzen leben. Als „national befreite Zone“ bezeichnen sie „ihren“ Ort. Ein Künstlerpaar nimmt das nicht hin. Birgit und Horst Lohmeyer leben im täglichen Widerstand gegen rechts.

Lesezeit: 12 Minuten

Von unserer Redakteurin Rena Lehmann

Jamel – In einem Dorf in Mecklenburg-Vorpommern wollen Neonazis nach ihren Gesetzen leben. Als „national befreite Zone“ bezeichnen sie „ihren“ Ort. Ein Künstlerpaar nimmt das nicht hin. Birgit und Horst Lohmeyer leben im täglichen Widerstand gegen rechts.

Foto: Rena Lehmann

Ihre neue Heimat haben sie vor acht Jahren gefunden. Birgit und Horst Lohmeyer hatten Lärm und Hektik der Großstadt Hamburg satt. Schon länger träumten sie vom Aussteigen. Davon, ein anderes Leben zu beginnen. Draußen auf dem Land, in der Stille. Sie, die Schriftstellerin, würde dort schreiben. Er, der Musiker, ungestört proben können. Sie verliebten sich bei der Suche nach einem solchen Ort in das alte Forsthaus von Jamel. Schon damals lebte allerdings wenige Häuser weiter der bekannte Neonazi Sven Krüger, eine Führungsfigur der rechten Szene in Mecklenburg-Vorpommern.

Mit der Zeit zogen immer mehr seiner Anhänger in den 120-Seelen-Ort. Viele von ihnen sind Mitglied in einer rechten Kameradschaft, auch Funktionäre der NPD sind darunter. Sie haben eine ganz andere Vorstellung von Heimat als die Lohmeyers. Doch das Paar hat sich vor Jahren entschieden, nicht nur in Jamel zu bleiben, sondern aktiv Widerstand zu leisten gegen rechts. Den Forsthof aufgeben wegen der politischen Gesinnung der Nachbarn? „Wir verlassen doch nicht unsere Heimat, weil irgendwelche Leute glauben, in Deutschland wieder ein Naziregime errichten zu müssen“, sagt Birgit Lohmeyer. Sie fürchtet sich nicht mehr. Dabei kann man sich kaum irgendwo einsamer fühlen als in ihrem Forsthaus. Niemand verirrt sich zufällig hierher.

Der Ort Jamel liegt im Landkreis Nordwestmecklenburg, die nächste Stadt Grevesmühlen ist 12, das größere Wismar 15 Kilometer entfernt. Bis zum Ostseestrand ist es nicht weit, im Sommer ist die beschauliche Gegend voller Touristen von überall her. Radfahrer genießen dann die einsamen schattigen Alleen und die sanften Hügel der saftigen, endlosen Kornfelder, Familien kommen zum Baden ins Ostseebad Boltenhagen. Doch mitten in der Urlaubsidylle rufen rechte Gruppen in einsamen Orten „national befreite Zonen“ aus.

In einsamen Orten wie Jamel. Birgit Lohmeyer trägt eine auffällig geformte Brille und ihr dickes rotbraunes Haar offen. Sie lacht viel und laut. Dass sie hier weiterleben, in nächster Nachbarschaft zu gewaltbereiten, martialisch auftretenden Rechten, hat aus ihrer Sicht nichts mit Mut zu tun. „Das ist eine Frage der eigenen Verfasstheit, ob man das kann“, meint sie. Ein gesundes Selbstvertrauen schadet nicht.

Hier am Ortsschild Jamel in Nordwestmecklenburg, eine gute Autostunde von Hamburg entfernt, beginnt nach der Vorstellung der Neonazis die „national befreite Zone“.
Hier am Ortsschild Jamel in Nordwestmecklenburg, eine gute Autostunde von Hamburg entfernt, beginnt nach der Vorstellung der Neonazis die „national befreite Zone“.
Foto: Rena Lehmann

Von der viel befahrenen Bundesstraße zwischen Grevesmühlen und Wismar weist irgendwann im Tal ein kleines Schild den Weg den Hügel hinauf. Jamel befindet sich am Ende einer Sackgasse. Eine schmale asphaltierte Straße führt etwa drei Kilometer durch die Felder bis zum Ort. Schon am Eingang finden sich besondere „Dekors“. „Ostsee 7 Kilometer“ steht in Frakturschrift auf einem Holzschild. Früher gab es mehr Schilder. Braunau am Inn, der Geburtsort Adolf Hitlers etwa, war ebenfalls ausgeschildert.

Jamel besteht aus nur etwas mehr als einem Dutzend Häuser. Die einzige Straße ist mit Kopfsteinen gepflastert, schon von Weitem zieht eine bunt bemalte Garage die Aufmerksamkeit auf sich. Darauf zu sehen ist ein muskulöser blonder Mann, der den Arm schützend um eine Frau legt, die ein Baby in den Armen hält. Zwei weitere Kinder blicken zu ihnen auf. „Dorfgemeinschaft Jamel. Frei. Sozial. National“, ist das Bild beschriftet.

Auch die Bushaltestelle ist in der Ästhetik der Nationalsozialisten gestaltet. Ein großer Stein, der den Ort ebenfalls zu besagter Sonderzone erklärte, ging dem Ordnungsamt offenbar kürzlich zu weit. Der Findling ist verschwunden, der Rest der wie eine Filmkulisse anmutenden Dorfdekoration darf offenbar bleiben. Das Forsthaus der Lohmeyers liegt abseits des Ortskerns am Waldrand, umgeben von Wiesen. Ihre Heimat beginnt erst an der Einfahrt zu ihrem Innenhof zwischen Scheune und Wohnhaus, der Rest des Ortes ist Feindesland für das Ehepaar.

Niemand hier möchte mit ihnen zu tun haben. Die Lohmeyers gelten als Nestbeschmutzer. Denn sie haben öffentlich gemacht, was hier geschieht. Viele Kamerateams waren hier, Journalisten stellten Fragen. Dabei möchte die Szene lieber unbeobachtet sein. Warum tut man sich ein solches Leben an? In einer solchen Nachbarschaft? Warum packt man nicht seine Sachen und sucht eine neue Heimat? Für die Lohmeyers ist die Beantwortung dieser Frage keine rein private Angelegenheit mehr.

In ihrem Esszimmer hängt ein großflächiges Gemälde einer befreundeten Künstlerin, ihnen beiden gefallen ausgefallene Dinge und Ideen. Auf dem Tisch steht ein Teller mit geschnittener Melone, unter dem Tisch streicht eine Katze um die Beine herum. Die Lohmeyers versorgen inzwischen mehrere Tiere, sie füttern sie und gehen mit ihnen zum Tierarzt. Sie kümmern sich um andere und um das, was um sie herum geschieht.

Das Dorf Jamel liegt am Ende einer Sackgasse. Niemand kommt hier zufällig hin.
Das Dorf Jamel liegt am Ende einer Sackgasse. Niemand kommt hier zufällig hin.
Foto: Rena Lehmann

Hätte man die Neonazis von Jamel aber nicht trotzdem einfach sich selbst überlassen können? In der Sackgasse in Mecklenburg-Vorpommern? Für die Lohmeyers geht es hier in Jamel um die Stabilität von Demokratie. Hier wird für sie die Frage entschieden, ob eine Gesellschaft rechtes Gedankengut duldet oder aktiv etwas dagegen unternimmt.

Es ist eine sehr grundsätzliche Frage, meint sie, ob in einem Dorf mitten in Deutschland eine Gruppe Rechter machen kann, was sie will, oder ob für sie dieselben Gesetze und Regeln des Zusammenlebens gelten wie für alle anderen. Es ist eine Frage von Hinsehen oder Wegsehen. Eine Entscheidung zwischen Gleichgültigkeit und Verantwortung. „Wir haben uns entschieden“, sagt sie. Nie würden sie ihren Hof mehr verlassen. „Man darf es nicht reduzieren auf das Problem hier vor Ort“, sagt sie.

Rechtes Gedankengut und Übergriffe sind in Mecklenburg-Vorpommern tatsächlich gesellschaftliche Realität. Die Rechtsextremismus-Experten Andrea Röpke und Andreas Speit beobachten seit Jahren eine „Verdichtung“ der Szene und eine zunehmende Verankerung rechter Strukturen im Alltag. In Lübtheen im mecklenburgischen Elbetal etwa hat der NPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag und stellvertretende Bundesvorsitzende Udo Pastörs eigens einen „Kulturraum“ eingerichtet. Pastörs hat Deutschland auf einer NPD-Veranstaltung als „Judenrepublik“ bezeichnet und gegen Türken gehetzt. Er wurde schon wegen Volksverhetzung verurteilt.

Mit dem Raum in Lübtheen verfügt die rechte Szene inzwischen über drei eigene Veranstaltungshäuser in der Gegend. Eines davon ist das sogenannte Thing-Haus in Grevesmühlen – erbaut vom Nachbarn der Lohmeyers, Sven Krüger. Dort finden regelmäßig Konzerte rechter Bands und Schulungsabende statt. Im Kulturraum in Lübtheen referiert etwa der wegen Volksverhetzung verurteilte Antisemit Rigolf Hennig. Geworben wird in der ganzen Region für solche Veranstaltungen. Die Rechten sind sichtlich darum bemüht, in den Alltag der Menschen vorzudringen. In Lübtheen lädt die NPD zum Handarbeitsabend für Frauen, zum gemeinsamen Singen, zum plattdeutschen und zum Skatabend ein.

Sie geben sich als „Kümmerer“ in einer Region mit einer Arbeitslosigkeit von knapp 12 Prozent. Wo es wenige gewachsene Vereine und wenig zivilgesellschaftliches Engagement gibt, machen die Rechten Angebote. Sie organisieren auch Zeltlager für Kinder und Jugendliche. Nicht immer wird dabei gleich offensichtlich, worum es eigentlich geht. „So breiten sie sich unauffällig, auf die ,sanfte Tour' und unaufhaltsam aus“, warnen die Experten Röpke und Speit.

Nazi-Kunst an einer Garage mitten in Jamel: Vater, Mutter, viele blonde Kinder. So stellt sich die „Dorfgemeinschaft“ die ideale deutsche Familie vor. In ihrem Dorf dulden sie keine Andersdenkenden. Die Lohmeyers sind in ihren Augen Nestbeschmutzer.
Nazi-Kunst an einer Garage mitten in Jamel: Vater, Mutter, viele blonde Kinder. So stellt sich die „Dorfgemeinschaft“ die ideale deutsche Familie vor. In ihrem Dorf dulden sie keine Andersdenkenden. Die Lohmeyers sind in ihren Augen Nestbeschmutzer.
Foto: Rena Lehmann

Die NPD werde von einem Großteil der Bevölkerung in Mecklenburg-Vorpommern inzwischen als „wählbar und politikfähig wahrgenommen“. Der Widerstand der Lohmeyers beginnt, als die Rechten im Ort deutlich die Oberhand gewinnen und Jamel mehr und mehr zum Treffpunkt der Szene im Umkreis wird. Nur noch drei Familien im Ort gelten als neutral. Alle anderen sind Freunde und Bekannte von Krüger. Die Lohmeyers stehen mit ihrem Widerstand allein. Krüger war seit 2009 Kreistagsabgeordneter und bis 2011 Mitglied im Landesvorstand der NPD in Mecklenburg-Vorpommern.

Er hatte gemeinsam mit seinem Vater schon in den 90er-Jahren begonnen, Anhänger um sich zu scharen. 1974 in Wismar geboren, betreibt er heute ein Abbruchunternehmen in Grevesmühlen, wo auch das Thing-Haus entstand. Es gibt Filmaufnahmen, die ihn als 16-Jährigen zeigen, wie er deutlich seine Abneigung gegen Ausländer zum Ausdruck bringt. Dass in Jamel kein einziger Mensch mit fremden Wurzeln lebt, erklärt er damit, dass „wir hier sind“. Andere Aufnahmen zeigen ihn bei rechten Demonstrationen. Krüger ist heute kein harmloser Jugendlicher mehr. In der Ortsmitte von Jamel steht sein Name in Frakturschrift auf schwarzem Untergrund.

Im vergangenen Jahr wurde er wegen gewerbsmäßiger Hehlerei und des unrechtmäßigen Besitzes von Kriegswaffen zu vier Jahren Haft verurteilt. Vor Antritt der Strafe soll er sich bei seiner Anhängerschaft mit einem Brief verabschiedet haben, in dem er ihnen für die Ehre und das große Glück dankt, einer Gemeinschaft anzugehören, die den Einzelnen nicht im Stich lässt. Die Lohmeyers halten ihn für einen gefährlichen Mann. Einen Demagogen, vor dem viele Menschen in der Region Angst haben. Einen, der ihnen wieder Ärger machen wird, sobald er rauskommt.

Wer durch Jamel läuft, wird misstrauisch beäugt. Eine Frau mit strähnigem hellblonden Haar, weitem T-Shirt, Sporthose steht am Gartenzaun und redet leise mit einer Nachbarin. Fast alle Grundstücke sind von hohen, stabilen Zäunen umgeben. Und aus beinahe jedem Garten dringt lautes, aggressives Gebell. Große Rottweiler oder kleine Kampfhunde auf kurzen Beinen – jeder hat hier einen lautstarken Wächter im Garten. Der einzige Neubau im Dorf ist von einem 1,50 Meter hohen Metallzaun umgeben. Hier hat sich der NPD-Kreisvorsitzende Nordwestmecklenburg, Tino Streif, der in Wismar studiert, niedergelassen.

Die Neonazi-Enklave ist umgeben von saftigen Wiesen und Kornfeldern. Im Sommer kommen viele Touristen her.
Die Neonazi-Enklave ist umgeben von saftigen Wiesen und Kornfeldern. Im Sommer kommen viele Touristen her.
Foto: Rena Lehmann

Vor einigen Monaten hing an Streifs Gartenzaun eine Karikatur der Lohmeyers. Sie hatten auch schon tote Ratten im Briefkasten und Misthaufen in ihrer Einfahrt. Birgit Lohmeyer zuckt mit den Schultern. „Sie wollten uns vertreiben. Krüger hat auch andere Bewohner regelrecht weggemobbt, damit seine Kameraden hier wohnen können“, erzählt sie. Mehr als 300 Gäste aus der ganzen Republik reisten an, um mit Krüger 2010 dessen Hochzeit zu feiern. Bis tief in die Nacht hörten die Lohmeyers in ihrem Forsthof die völkischen Gesänge und „Sieg heil“-Rufe. „Das war schon sehr gruselig“, erinnert sich Horst Lohmeyer. „Das kann man gar nicht begreifen, dass so etwas in diesem Land, mit dieser Vorgeschichte toleriert wird. Das geht einfach nicht.“

Seit einigen Jahren veranstaltet das Paar ein eigenes großes Fest. Hinter dem Forsthaus liegt eine große, frisch gemähte Wiese mit einer Holzbühne. Hier fand in diesem Jahr zum inzwischen sechsten Mal das Festival für Toleranz und Demokratie statt. Musikbands und Künstler treten hier auf, beim letzten Festival Anfang August waren etwa 300 Besucher da. Es ist schwer, mehr Besucher hierher zu locken.

Aber Lohmeyers wollen Jamel nicht den Rechten überlassen. Wenigstens ein Mal im Jahr soll ihr Ort bunt sein, sollen hier andere Lieder gespielt werden, soll Weltoffenheit in der Luft liegen. Lohmeyers besuchen inzwischen auch Schulen und halten Vorträge, um über rechte Strukturen aufzuklären. Bei den Nachbarn kommt das nicht gut an. „Sie meinen, dass nicht die Rechten die Unruhestifter im Ort sind, sondern wir!“ Birgit Lohmeyer schüttelt den Kopf. Sie und ihr Mann haben inzwischen bundesweit viel Anerkennung erfahren für ihr Engagement. Vize-Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) hat sie in Jamel besucht. Der Zentralrat der Juden hat sie mit dem Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage geehrt.

Das Thing-Haus im nahe gelegenen Grevesmühlen ist Treffpunkt der rechten Szene. Die NPD hat hier ihr Bürgerbüro.
Das Thing-Haus im nahe gelegenen Grevesmühlen ist Treffpunkt der rechten Szene. Die NPD hat hier ihr Bürgerbüro.
Foto: Rena Lehmann

Im vergangenen Jahr waren sie in Berlin beim damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff und seiner Frau Bettina zum Neujahrsempfang eingeladen. Im Frühjahr dieses Jahres erhielten sie den Bürgerpreis der Deutschen Zeitungen. Die Öffentlichkeit, haben sie entdeckt, gewährt ihnen den besten Schutz vor den Rechten. „Wir bieten immer noch Anlass, aber keine Gelegenheit mehr, uns einfach hinterrücks zu überfallen“, meint Birgit Lohmeyer. Manchmal haben sie aber Angst um ihren Hof. Sie vermeiden es deshalb, ihn allein zu lassen. Meist ist mindestens einer von beiden zu Hause. Der Rummel um die Preisverleihungen ist lange vorüber. Das Leben der Lohmeyers in Jamel hat sich dadurch allerdings nicht verändert. Es ist noch etwas einsamer um sie geworden. Das Problem Rechtsextremismus ist geblieben.

Bei der Landtagswahl im September vergangenen Jahres gelang der NPD mit 6 Prozent der Wiedereinzug ins Parlament. Immerhin 86 Prozent aller Wahlberechtigten waren damaligen Wahlanalysen zufolge der Auffassung, dass sich die NPD ernsthaft um die Probleme vor Ort kümmert. Mit den Mandaten stehen den Rechten auch „größere finanzielle Ressourcen zur Verfügung“, warnen Experten. Die Lohmeyers sind deshalb strikte Befürworter eines Verbots der rechten Partei. Im Landtagswahlkampf war ihr Dorf komplett mit NPD-Plakaten beklebt worden. „Es ist doch Aufgabe der Politik, dass solche Institutionen wie Kameradschaften und die NPD in der Versenkung verschwinden“, sagt Horst Lohmeyer. Er ist ein schmaler, zäher Mann, trägt eine Mütze über dem grauen Haar, das er im Nacken zu einem kurzen Zopf zusammengebunden hat. Er spricht leise, aber eindringlich.

„Die anfängliche Angst vor den Rechten ist einer Aufmerksamkeit und Sensibilität gewichen“, sagt auch er. Schon im Hamburger Party- und Alternativenviertel Sankt Pauli war ihm politisches Engagement wichtig. Er und seine Frau sympathisierten mit der Hausbesetzerszene, wehrten sich gegen Immobilienspekulanten. „Aber das hier ist schon noch etwas anderes.“ Eine Ahnung von dem, was das hier ist, erhält man auch einige Kilometer weiter, in der hübsch restaurierten Kleinstadt Grevesmühlen. Das sogenannte Thing-Haus mit Schulungsräumen, Grillplatz und NPD-Bürgerbüro ist von außen kaum einsehbar. Kameras filmen, wer sich ihm nähert. Das Plakat mit der Aufschrift „Wir sind für Sie da!“ hängt an einem Wachturm. Die Anlage erinnert an ein Konzentrationslager. „Happy-Holocaust-Grillen“ soll hier regelmäßig stattfinden.

Birgit und Horst Lohmeyer leben in einem idyllischen Forsthof in Mecklenburg-Vorpommern. Seit ihr Dorf zu einer Hochburg der rechten Szene geworden ist, leisten sie Widerstand.

Rena Lehmann

Hier am Ortsschild Jamel in Nordwestmecklenburg, eine gute Autostunde von Hamburg entfernt, beginnt nach der Vorstellung der Neonazis die „national befreite Zone“.

Rena Lehmann

Nazi-Kunst an einer Garage mitten in Jamel: Vater, Mutter, viele blonde Kinder. So stellt sich die „Dorfgemeinschaft“ die ideale deutsche Familie vor. In ihrem Dorf dulden sie keine Andersdenkenden. Die Lohmeyers sind in ihren Augen Nestbeschmutzer.

Rena Lehmann

Das Dorf Jamel liegt am Ende einer Sackgasse. Niemand kommt hier zufällig hin.

Rena Lehmann

Das Thing-Haus im nahe gelegenen Grevesmühlen ist Treffpunkt der rechten Szene. Die NPD hat hier ihr Bürgerbüro.

Rena Lehmann

Die Neonazi-Enklave ist umgeben von saftigen Wiesen und Kornfeldern. Im Sommer kommen viele Touristen her.

Rena Lehmann

Birgit und Horst Lohmeyer wissen inzwischen viel über die Szene. Es sei naiv zu glauben, man könnte überzeugte Rechte wie ihre Nachbarn von einer anderen Sicht auf die Welt überzeugen. „Sie sind rhetorisch geschult, ein ehrlicher Dialog ist gar nicht möglich“, sagt Birgit Lohmeyer. Ein einziges Mal waren Krüger und Streif zusammen bei ihnen auf dem Hof. Die Lohmeyers fühlten sich ausgefragt, taxiert. Eine Diskussion gab es nicht. Die Initiative Lobbi, die Opfer rechter Gewalt in Mecklenburg-Vorpommern berät, dokumentiert die Taten der Rechten in der Region. Wöchentlich passiert etwas: Zwei Rechte versuchen, den Pizzaimbiss eines Irakers anzuzünden. Das Auto eines ehrenamtlichen CDU-Bürgermeisters wird in der Nacht mutwillig beschädigt. Er hatte zuvor Mitgliedern der freiwilligen Feuerwehr das Tragen von Kleidung der unter Rechten beliebten Kleidermarke „Thor Steinar“ verboten.

In Grevesmühlen werden in derselben Nacht die Fensterscheiben der CDU-Kreisgeschäftsstelle eingeworfen. Ein grüner Wahlkämpfer wird von zwei Neonazis beleidigt und geschlagen. „Die Rechten üben Terror aus, deshalb haben die Menschen hier Angst vor ihnen“, sagt Birgit Lohmeyer. Sie glaubt, dass die NPD sich in Gegenden wie Jamel auch deshalb relativ unbehelligt ausbreiten kann, weil bürgerschaftliches Engagement hier keine Selbstverständlichkeit ist. „Es gibt hier schon noch so eine Wegduckhaltung, eine Folge der Diktatur der DDR.“ „Viele haben hier eine zutiefst unpolitische Haltung“, sagt Horst Lohmeyer.

Wenn sie solche Dinge sagen, werden er und sein Frau als „Besserwessis“ bezeichnet. Ihnen ist das inzwischen egal. Waren sie naiv anzunehmen, sie könnten an einem solchen Ort wie Jamel ein normales Leben führen? Sie haben es nicht bereut, hergezogen zu sein. Von draußen dringt das Zwitschern der Vögel in die urige Stube. „Viele Menschen, die hier einmal früher gelebt haben, sagen, dass die Zeit im Forsthof ihre schönste war“, sagt Birgit Lohmeyer. „Es ist ein Ort, an dem man wirklich glücklich sein kann.“ Jamel, das Nazidorf, ist trotz allem auch ihre Heimat geworden.

Informationen über den Forsthof und das Festival gibt es im Internet auf forsthof-jamel.de und auf forstrock.de