RZ-INTERVIEW: Alice Cooper, ein Rockstar zum Knuddeln

Alice Cooper ist der Schockrocker schlechthin. Im Interview mit unserer Zeitung zeigt er aber sein wahres Ich. Und das geht eher in Richtung Teddybär. Alice Cooper muss man einfach – ja: lieb haben!

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Gruselig, oder? Rockstar Alice Cooper.
Gruselig, oder? Rockstar Alice Cooper.
Foto: DPA

Manchmal muss man die Arbeit mit nach Hause nehmen. In diesem Fall tut man das sogar gern: Denn wegen der Zeitverschiebung ruft Alice Cooper gegen 23 Uhr bei uns an.

Ich bin gerade zu Hause, draußen ist es rabenschwarze Nacht, meine Frau und meine Tochter schlafen schon, und ich warte allein darauf, dass Alice Cooper mich anruft. Das hat was Gruseliges an sich, oder?

(lacht schallend) Hallo, hier ist Ihr Albtraum! Wissen Sie was? Hier in Arizona ist es gerade sonnig und knallig heiß. Aber wenn ich Anfang November zu euch nach Frankfurt komme, dann wird es dunkel, kalt und Halloween-Zeit sein, das passt doch hervorragend für ein Alice-Cooper-Konzert.

Mochten Sie die dunkle Nacht schon als Kind?

Ich mochte die Nacht, und ich mochte Horrorfilme. Wissen Sie, als ich klein war, da gab es nur drei Fernsehsender, und wir hatten keinen Videorekorder. Also gingen wir jeden Samstag ins Kino und liebten diese Schwarz-Weiß-Horrorfilme aus den 50er-Jahren. „Kreaturen der Nacht“, „Rückkehr der Werwölfe“ – und das Schöne ist: Obwohl ich sehr jung war damals, erkannte ich, wie viel Witz in diesen Filmen steckte. Und ich mochte es, erschreckt zu werden. Ich glaube, dass dieser siebenjährige Junge auch heute noch in mir steckt, auch wenn ich 65 bin und ich weiß, dass er auch heute noch gern erschreckt werden will.

Glaubten Sie, dass Monster unter Ihrem Bett wohnen?

Nicht direkt Monster unter meinem Bett, aber meine Fantasie ist schon ab und zu mit mir durchgegangen, als ich klein war. Und ehrlich: Dieser Teil von mir ist nie erwachsen geworden. Und als ich eine Rockband gründete und Künstler wurde, gefiel mir die Idee, all diese Horror- und Comedy-Elemente wiederzubeleben und mit Rockmusik anzureichern. So kreierte ich Alice Cooper als Horror-Comedian, wenn Sie so wollen.

Als Ihre Kinder klein waren: Wie konnten Sie sie beruhigen, wenn sie nachts angelaufen kamen, weil sie einen Albtraum hatten?

Das habe ich oft getan. Wie oft habe ich ihre kleinen Füße gehört, wie sie angetappst kamen, und dann kam: „Daddy, ich hatte einen bösen Traum.“ Das war bei uns wie bei allen anderen Familien auch. Ich habe sie dann immer in die Arme genommen und gesagt, dass der schlimme Traum nicht echt war. Dass alles nur geträumt war und jetzt vorbei ist.

Während Sie auf der Bühne ...

(lacht) Wissen Sie, mir war es immer wichtig, dass meine Kinder wissen, was ich tue. Ich habe sie also hinter die Bühne mitgenommen, wenn ich die Guillotine ausprobierte, wenn ich die Tänzer in Skelettkostüme gesteckt habe. Also verstanden meine Kinder auch von Anfang an, wie viel Humor in meinem Grusel steckte. Ihre Generation hatte ja eher Angst vor Freddy Kruger und all diesen modernen Monstern – meine Kinder hatten vor denen aber auch nie Angst. Sie lachten sie einfach aus.

Als Monster unter Ihrem Bett hat man echt keinen leichten Job.

Definitiv nicht. (lacht)

Das Spiel mit dem Tod – mal ernsthaft gefragt: „Tod“ und „Rockstar sein“ gehört ja viel häufiger zusammen, als man denken mag.

Das ist leider wahr. Das liegt vor allem daran, dass es kaum etwas Unnatürlicheres gibt, als ein Rockstar zu sein. Schauen Sie: Da ist man noch ziemlich jung, und urplötzlich ist man Millionär. Und noch schlimmer: Auf einmal gibt es unzählige Menschen, die Sie bewundern! Wir haben doch alle als ganz normale Menschen begonnen. Meine Eltern gehörten zur Mittelschicht, ganz normale, gewöhnliche Menschen. Ich war überhaupt nicht gewöhnt an Reichtümer, an ein großes Haus. Und dann war ich in einer Rockband – und von jetzt auf gleich war ich reich! Und ich wusste überhaupt nicht, wie ich damit umgehen sollte! Ich war bekannt, jeder wusste, wer ich war, ich war berühmt. Und das ist unnatürlich. So etwas ist nicht normal, und viele Jungs können damit nicht umgehen.

Sie konnten es auch nicht.

Ich konnte es auch nicht. Mich führte das Leben direkt in den Alkohol. Und es tötete mich fast so, wie es Jim Morrison oder Keith Moon und all die guten Jungs getötet hat. Wissen Sie, ich schaute auf einmal meinen Freunden zu, wie sie starben! Und ich spürte, dass ich eine Grenze setzen musste. Ich liebte Alice Cooper, aber ich spürte, dass Alice Cooper drauf und dran war, mich zu töten.

Aber er war Teil Ihres Lebens.

Ganz genau, aber er war zu meinem Leben geworden. Ich musste verstehen, dass Alice Cooper lediglich eine Figur war, die ich auf der Bühne spielte. Und ich merkte, dass ich überhaupt kein Interesse daran hatte, dass diese Figur die Bühne verließ und in die reale Welt hinüberging.

Wie konnten Sie diese beiden Figuren wieder trennen?

Das klingt so ein bisschen wie Jekyll und Hyde, nicht wahr, aber es trifft die Realität. Ich musste Alice Cooper, die Bühnenfigur, unter Kontrolle bringen, und so konnte ich wieder normal leben. Jim Morrison schaffte das nicht, er konnte sein Bühnen-Ich nicht mehr kontrollieren. Er wollte immer Jim Morrison sein. Und Keith Moon fand irgendwann den Ausschaltknopf nicht mehr an sich. Er musste immer ein Entertainer sein, sogar vor uns, vor seinen Freunden! Wir sagten: „Hey, Keith, es ist gut, du bist nicht auf der Bühne. Wir sind es nur, deine Freunde.“ Er konnte nicht aufhören. Er konnte nicht. Und er brannte aus. Von innen.

Gehen Sie manchmal mit der Sorge auf die Bühne, dass der Bühnen-Cooper wieder zu stark werden könnte?

Nein, diese Zeiten sind vorbei. Wenn ich jetzt nach Frankfurt komme, dann werde ich es lieben, wirklich von Herzen lieben, als Alice Cooper auf die Bühne zu gehen. Aber tagsüber werde ich einfach als ganz normaler Mensch durch Frankfurt laufen.

Shoppen gehen ...

Ja, genau! Ich werde durch die Einkaufsstraßen schlendern, ich werde irgendwo in einem netten Lokal zu Mittag essen, ich werde spazieren gehen, ich werde in ein Museum gehen, und ich werde nicht Alice sein. Aber wenn ich abends auf die Bühne gehen werde, dann werde ich Alice Cooper sein. Und nicht zu knapp, mein Lieber! (lacht) Ich habe es wirklich gelernt, die beiden zu trennen.

Was hat Ihnen dabei geholfen?

Ich hatte Menschen, die für mich gebetet haben, das war mir sehr wichtig. Ich bin in einer christlichen Familie aufgewachsen, und ich hatte mich damals meilenweit von Gott und der Kirche entfernt. Aber ich bin zurückgekommen. Es war für mich die Wahrheit, und das glaube ich noch heute. Gott ist die Wahrheit. Aber: Es steht nirgends in der Bibel, dass man kein Rockstar sein darf! Das Christentum ist Gott sei Dank eine freie Religion, es zwängt niemanden in eine Zwangsjacke und befiehlt: „Tu dies nicht, tu das nicht.“ Es gibt viele christliche Rockstars! Aber ja, das Beten rettete mein Leben. Das Beten bewahrte mich vor dem Alkoholismus.

Revanchieren Sie sich heute und beten Sie für andere?

Absolut, ja. Und nicht nur das, es kommen immer wieder Menschen zu mir und wollen Hilfe, weil sie vom Alkohol und von den Drogen nicht mehr loskommen. Und ich sage ihnen dann: „Die Hälfte hast du schon geschafft! Wenn du erkannt hast, dass du süchtig bist, dann hast du den halben Kampf schon gewonnen.“ Das macht sie sehr glücklich, aber es ist doch so: Ein Süchtiger gesteht sich selbst seine Sucht nie ein. Wenn er es doch tut und Hilfe sucht – das ist perfekt! Als man mir früher sagte, dass ich zu viel trinke, habe ich immer gesagt: „Quatsch, ich habe alles unter Kontrolle.“ Von wegen, nichts hatte ich unter Kontrolle! Und wenn jetzt jemand zu mir kommt, kann ich wirklich helfen; ihn mit den richtigen Leuten zusammenbringen, die ihn heilen können. Wissen Sie: Alkohol ist niemals das Problem, es ist nur ein Symptom. Man muss den Grund finden, warum man Alkoholiker geworden ist. Und ich kenne zum Glück viele Freunde, die der Alkohol nicht zerstören konnte, sondern die den Weg herausgefunden haben. Tja, die Jim Morrissons und Jimi Hendrixes dieser Welt haben uns gezeigt, wie man es nicht tun soll. Sie waren gute Freunde, sie waren Musikgötter – und ich habe erlebt, wie sterblich sie waren. Den Drogen und dem Alkohol ist es egal, wen sie umbringen können; die haben kein Gewissen und vergreifen sich auch an den Größten. Sie töten, wen sie nur töten können.

Schön, dass Sie überhaupt die Zeit haben, sich um andere zu kümmern.

Ich habe eine Organisation gegründet, die Solid Rock Foundation. Wir holen Kinder von der Straße, wir nehmen ihnen die Drogen und Waffen aus der Hand und geben ihnen stattdessen eine Gitarre. Sie sollen singen lernen, tanzen, Schlagzeug spielen – sie sollen den Lebensstil ablegen lernen, der sie sonst umbringen würde. Und so bekommen sie ein Ziel, für das es wert ist zu leben.

Achten wir auf unsere Kinder, das ist das Wichtigste, hm?

Oh ja. Sie sagten, dass Sie eine Tochter haben, die jetzt schon schläft? Wie alt ist sie denn?

Neun.

Das ist das schönste Alter überhaupt. Ich habe zwei Töchter, eine ist 30 und eine 19, aber für mich sind sie immer noch 9. (lacht) Grüßen Sie Ihre Kleine von mir!

Von unserem Redakteur Michael Defrancesco