Archivierter Artikel vom 16.10.2010, 10:53 Uhr

Ottfried Fischer im Interview über Gut und Böse

Er ist einer der beliebtesten deutschen Schauspieler, auch wenn er hin und wieder in die Schlagzeilen geraten ist: Ottfried Fischer. Als Pfarrer Braun begeistert er sein Publikum – also sprechen wir mit ihm über Gut und Böse.

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Ottfried Fischer im Interview über Gut und Böse
„Grüß Gott“: Als Pfarrer Braun hat Ottfried Fischer die Herzen der Fernsehzuschauer erobert.
Foto: ARD Degeto/Caro von Saurm

Warum sind Pfarrer die besseren Ermittler?

Wir Pfarrer kennen die Probleme und die Lösungen, deshalb helfen wir der Polizei gern. Mit der Kraft Gottes – wenn wir von der Dreifaltigkeit ausgehen: mit der dreifachen Kraft Gottes – schaffen wir schon mehr als ein normaler Polizist.

Die Pfarrer kennen ihre schwarzen Schäfchen.

Ja. Der Pfarrer hat ständig mit Gut und Böse zu tun, muss ständig zwischen Gut und Böse unterscheiden. Das eine wird gefördert, das andere heruntergebügelt. Und da hat er natürlich schon viel Ahnung, was läuft.

Ist Pfarrer Braun verschmitzt?

Das ist ein Wesenszug, den er manchmal hat, ja. Denn es gibt eine gewisse Form von Witzen, die der Pfarrer nicht machen darf, schweinische Witze zum Beispiel. Die darf der Bulle von Tölz machen, aber der Pfarrer nicht, deshalb muss er sich in die Verschmitztheit retten. Das ist ein leiserer Humor als der weltliche.

Haben Sie Heinz Rühmann im Hinterkopf, wenn Sie die Rolle spielen?

Nein, ich habe die Filme von ihm damals, als ich die Rolle übernommen habe, extra nicht angeschaut, um mich nicht beeinflussen zu lassen. Ich bin in einer Klosterschule aufgewachsen, ich kenne so viele Pfarrer und Vorbilder für diese Rolle ... Mein Pfarrer Braun ist übrigens auch katholischer als der von Rühmann.

Wie zeigt sich das?

Irgendwann habe ich die Filme ja dann doch angesehen, und Rühmann ruft nur einmal überhaupt den heiligen Augustinus an. Bei mir hagelt's Bibelsprüche.

Wer war denn Ihr Lieblingspfarrer in der Kindheit?

In der Kindheit war mir der Pfarrer eher suspekt, weil er als Vertreter der obersten Macht vorgestellt wurde. Da hatte ich immer einen heiligen Schauder vor ihm. Manchmal hatte ich sogar Angst vor ihm. Denn wenn ich einen Fehler gemacht habe, haben die Lehrer nur geschimpft, geprügelt aber hat der Pfarrer. Das lag meiner Meinung nach daran, dass die Pfarrer selbst einer Hierarchie ausgesetzt waren, mit der sie nicht klarkamen. Das ist das Problem bei Priestern; sie sind einer Hierarchie ausgeliefert. Deswegen habe ich in der Kindheit gar nicht die supertollen Erinnerungen an die Pfarrer. Aber jetzt, im Lauf des Lebens – nicht zuletzt durch die Arbeit an der Rolle – stellt sich etwas ein, das ich nie gedacht hätte: Ich habe großen Respekt vor dem Bodenpersonal Gottes. Die leisten eine Menge an der Front der Menschlichkeit.

Kann man heute noch guten Gewissens einen Pfarrer spielen?

Natürlich. Die Gesellschaft ist voll von Betrügern, Verbrechern, Mördern, Ackermännern – da dürfte ich ja überhaupt keine Rolle mehr spielen. Natürlich darf man einen Pfarrer spielen, und wenn man es dabei noch schafft, kritisch mit der Sache umzugehen, hat das auch noch einen Sinn.

Wann wird zum ersten Mal der Pfarrer der Gangster im Film sein?

Das wäre eine interessante Sache, weil der Pfarrer der Unverdächtigste ist, da wäre die Überraschung sehr groß! Nach Krimigesetzen wäre das prima, so ein richtig böser Pfarrer.

Pfarrer Braun ist ja nicht gerade für Gehorsam gegenüber seinen Oberen bekannt. Wem gehorchen Sie persönlich?

Meiner inneren Stimme. Und dann habe ich noch ein paar Leute, die ich befrage, wenn es um Entscheidungen geht. Auch wenn es schwere Entscheidungen sind. Aber ansonsten gehorche ich einfach mir; das ist manchmal gut, aber auch manchmal schlecht. Im Leben fällt man so viele Entscheidungen, da kann's auch mal danebengehen. Wichtig ist, dass man nicht mit dem Denken aufhört.

Wer gehorcht Ihnen?

Wenn ich das wüsste ...!

Wann ist Rebellion gegen die Oberen wichtig?

„Wenn Recht zu Unrecht wird, wird der Widerstand zur Pflicht“ – das ist ein Satz, den ich unterschreiben würde. Wobei der Widerstand verschiedene Klassen haben kann. Man muss nicht gleich ein Kaufhaus anzünden, um den Kapitalismus anzuprangern. Man muss erst mal anfangen, das, was man ändern will, selbst zu leben. Das war die Idee der Friedensbewegung: Wenn man in kleinen Fällen friedlich ist, wird es auch auf Nationenebene keinen Krieg geben. Das sind schöne Ideen – die leider noch nicht bewiesen haben, dass sie hinhauen. Aber es kann nur so gehen, dass sich alle gut benehmen! Man hat die Pflicht, erkannte Fehler anzuprangern und lautstark bekannt zu machen, dass die Leute wissen, dass etwas falsch läuft. Ob das was nützt, sei mal dahingestellt, aber es ist besser, als wenn man sich den Vorwurf machen müsste, man hätte nichts dazu gesagt.

Spricht da der Kabarettist oder der Privatmann Ottfried Fischer?

Das deckt sich.

Die Kraft des Wortes – verbindet das den Kabarettisten mit dem Pfarrer?

Ja, das stimmt. Das Wort ist dazu da, die Idee auf den Weg zu bringen. Und die Idee ist dazu da, die Veränderung auf den Weg zu bringen. Martin Luther hat mit dem Aushang von einigen Thesen eine Menge in Bewegung gesetzt – er war gar nicht Revolutionär, sondern der Wortführer. Man stellt sich da als Kabarettist oft die Frage, was man wirklich bewegen will. Man hat eine große Verantwortung, und es will schon überlegt sein, was man sagt und fordert. Will man wirklich einschneidende Veränderungen in einer Gesellschaft erreichen? Und: Wäre es vielleicht sogar richtig langweilig, wenn die ganze Menschheit nur noch gut wäre und der Dualismus fehlen würde? Gut und Böse bedingen einander, das eine gibt es nicht ohne das andere.

Betrifft Sie die aktuelle Glaubenskrise persönlich?

Ich sehe nicht so sehr eine Glaubenskrise. Was an Missbrauch in der katholischen Kirche stattgefunden hat, hat keine Auswirkungen auf den Glauben, sondern man hat ein Problem mit dem Verein, der den Glauben vertritt und lehrt. Das würde ich nicht gleichsetzen. Es hätte schon viele Dinge gegeben, bei denen man vom Glauben hätte abfallen können; dass man fragt: „Warum lässt Gott so etwas zu?“ Glaube und das Verhalten einer Institution sind zwei Sachen, die nicht unbedingt etwas miteinander zu tun haben müssen.

Wie kann man verlorene Glaubwürdigkeit wieder herstellen?

Man müsste sich um die Opfer kümmern. Das hat die Kirche leider zunächst versäumt, weil sie zuerst ihren guten Ruf wiederherstellen wollte – unter Missachtung der Interessen von Opfern, die darunter sehr zu leiden hatten. Andererseits finde ich aber auch, dass nicht jeder Pfarrer, der einem Kind über den Kopf streicht, das Kind missbraucht. Es gibt auch Formen von Zuneigung, die noch nicht sexuell motiviert sind.

Michael Defrancesco