Archivierter Artikel vom 01.01.2019, 19:21 Uhr
Berlin

Nicht nur das Festnetz verliert an Bedeutung: Stirbt das Telefonieren aus?

Im Berliner Museum für Kommunikation haben sie einen Spitznamen: die „grauen Mäuse“. Viele Besucher bleiben vor den Telefonen mit den Wählscheiben stehen. Die älteren werden da nostalgisch. Kinder fragen: Wie geht das? Und was ist das für eine komische Scheibe?

Caroline BockLesezeit: 4 Minuten

Ein Relikt aus anderen Zeiten der Kommunikation: ein Telefon mit Wählscheibe. Solche Geräte sind heute museumsreif, generell nutzen immer weniger Menschen einen Festnetzanschluss.  Fotos: doa
Ein Relikt aus anderen Zeiten der Kommunikation: ein Telefon mit Wählscheibe. Solche Geräte sind heute museumsreif, generell nutzen immer weniger Menschen einen Festnetzanschluss. Fotos: doa
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Die grauen Telefone gehörten im Westen Deutschlands zu den 70er-Jahren wie Helmut Schmidt und VW-Käfer. In großmütterlichen Haushalten bekamen sie eine Brokathülle verpasst. Auf der Wählscheibe standen ordentlich notiert die Nummern von Notruf und Feuerwehr. Was ein Display ist, wusste noch kein Mensch.

Es waren die Zeiten, als man noch nicht sehen konnte, wer anruft. Kinder lernten, sich mit Vor- und Nachnamen zu melden. Ein einfaches „Hallo“ war undenkbar. Hatte man es nicht rechtzeitig zum Telefon geschafft, musste man warten, bis sich der Anrufer wieder meldete: Chance verpasst!

Wenige Gegenstände erzählen so viel darüber, wie sich der Alltag verändert hat, wie Telefone. Heute sieht das graue Modell vorsintflutlich aus – ein Relikt aus der Zeit, als unverheiratete Frauen noch Fräulein hießen. Für DDR-Bürger waren Telefonanschlüsse wie so vieles Mangelware. Osttypisch: In den Büros wurde zur Begrüßung gern „Teilnehmer!“ ins Telefon gebellt.

Mit dem Zeitalter der Handys wurde vieles anders. Telefonzellen verschwanden: Waren es 2006 noch 110.000, so sind es mittlerweile nur noch um die 20.000. Auch die Zahl der Festnetzanschlüsse sinkt. Zählte die Deutsche Telekom 2010 noch 36 Millionen Anschlüsse, waren es vergangenes Jahr 27,9 Millionen.

Daheim klingelt es also immer weniger. Auch bei den Gesprächsminuten gehen die Kurven nach unten, besonders beim Festnetz, aber auch beim Mobilfunk. „Die Telefonkultur verschwindet“, schrieb das US-Magazin „The Atlantic“. Der Befund: Keiner nimmt noch ab, wenn es klingelt.

In der Fernsehserie „Das Pubertier“ erschrickt die Teenagertochter, als auf einmal ein Junge auf dem Handy anruft. Sie nimmt lieber erstmal nicht ab. Telefonieren, das ist für manche in Zeiten von WhatsApp, SMS und E-Mail zu etwas Intimem geworden. Eine Kolumnistin des Magazins „Edition F“ mag es lieber schriftlich: „Ein Anruf kommt mir oft vor wie ein Überfall aus dem Hinterhalt. Man weiß nie, wobei man den anderen gerade stört.“

Ist jetzt wirklich Funkstille? Ruft nur noch Mutti an? Ganz so drastisch ist es nicht, viele nutzen auch Internetdienste wie WhatsApp zum Telefonieren. Für 2018 sagte eine Studie der Unternehmensberatung Dialog Consult, dass im Schnitt in Deutschland 896 Millionen Minuten am Tag gesprochen wird. Das ist weniger als vor ein paar Jahren, aber deutlich mehr als noch 1998. Und durchschnittlich sind es täglich um die 13 Minuten pro Person ab 16 Jahren.

Es ist also nicht so, dass gar nicht mehr telefoniert wird. Es passiert eher auf anderen Drähten als früher. „Das würde ich so unterschreiben“, sagt der Studienautor Torsten Gerpott, er ist Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Duisburg-Essen. „Dass wir gar nicht miteinander reden, zeigen die Statistiken nicht.“ Denn: Die Textnachricht passt nicht für jede Lage. „Immer wenn es auf den Kontext und auf Zwischentöne ankommt, werden wir auch weiter das klassische Gespräch nutzen.“

Klar ist: Die Jüngeren kommunizieren anders als die Älteren. „Ich schreib dir noch mal“, sagt die Nichte – und meint damit die Textnachricht über WhatsApp. Torsten Gerpott kennt das von seinen vier Kindern. Die melden sich beim Papa fast nur über WhatsApp. „Dass mich einer anruft, kommt am Geburtstag vor.“ Beliebt sind bei den Nutzern von Messengerdiensten wie WhatsApp auch die Sprachnachrichten. Laut einer Studie des Digitalverbandes Bitkom verschickt mehr als die Hälfte diese gesprochenen Botschaften – bei den Jüngeren zwischen 14 und 29 Jahren sind es sogar rund drei Viertel. Auf der Straße sieht das fast so aus, als würden die Leute in ihr Handy beißen, wenn sie Nachrichten aufnehmen. Ein typisches Bild für den Telefonalltag unserer Tage.

Viele Smartphone-Nutzer schicken heute lieber Textnachrichten, als mit ihrem Handy zu telefonieren.
Viele Smartphone-Nutzer schicken heute lieber Textnachrichten, als mit ihrem Handy zu telefonieren.
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Und wie sieht die Zukunft aus? Bald könnte alles Mögliche zum Telefon werden – Brille, Kopfhörer, Kleidung –, heißt es bei der Telekom. Wichtig ist dabei die Sprache, zum Beispiel bei Lautsprechersystemen, die man über Sprachbefehle steuert. „Generell gehen wir davon aus, dass Kommunikation immer wichtig bleiben wird, denn sie ist ein menschliches Urbedürfnis“, erklärt Telekom-Sprecherin Verena Fulde. Nur die Art der technischen Unterstützung werde sich ändern. „Das Smartphone werden wir bald im Museum bewundern können.“

Wer sich richtig nostalgisch fühlen möchte, kann die Zeitansage anrufen. Die gibt es immer noch. An normalen Tagen werde diese „viele Hundert Mal“ angerufen, so die Telekom. Besonders gefragt ist sie an Silvester, um pünktlich auf den Jahreswechsel anstoßen zu können. Die Ansage klingt fast wie früher. Eine Frauenstimme wünscht einen guten Tag, sagt das Datum und dann: „Beim nächsten Ton ist es 16 Uhr 10 Minuten und 10 Sekunden.“ Piep.

Von Caroline Bock

Immer wenn es auf den Kontext und auf Zwischentöne ankommt, werden wir auch weiter das klassische Gespräch nutzen.

Der Wirtschaftswissenschaftler Torsten Gerpott hat eine Studie über die Telekommunikation in Deutschland geschrieben. Seine Erkenntnis: Auch wenn zunehmend über WhatsApp und Sprachnachrichten kommuniziert wird, klingelt hierzulande auch noch häufig das Telefon.