Archivierter Artikel vom 19.06.2015, 18:57 Uhr

Nachhaltigkeit: Vom Verreisen zum Fairreisen

Nachhaltig reisen und die Umwelt schonen: Schafft man das, wenn man mit dem Flugzeug aufbricht? Was versteht man überhaupt unter Nachhaltigkeit? Wir zeigen auf, was ein Holzofen in Ruanda und Bioschnitzel mit dem Thema zu tun haben und ob man als Urlauber ein schlechtes Gewissen haben muss, wenn man nach Mallorca fliegt.

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Von unserer Reporterin Agatha Mazur

In fünf Wochen fangen in Rheinland-Pfalz die Sommerferien an. Froh ist, wer einen günstigen Flug nach Mallorca oder Rhodos erwischt hat. Doch am Strand mischt sich bei dem einen oder anderen der Anflug eines schlechten Gewissens ein: Die ganze Fliegerei! Wie war das noch mal mit der CO2-Verschmutzung und dem Klimawandel? Schafft man es, trotz Fliegerei seinen ökologischen Fußabdruck nicht als Riesentreter in den Boden zu setzen?

Regine Gwinner lässt alle Illusionen von vornherein platzen: „Klimafreundlich zu fliegen, geht nicht. Das kann man sich noch so schönreden.“ Gwinner ist Chefredakteurin beim Magazin „Verträglich Reisen“, das der Fairkehr-Verlag in Bonn herausgibt. An- und Abreise machen den Großteil des Energieaufkommens bei Reisen aus, erklärt sie. Bei einer Fernreise können das bis zu 95 Prozent sein. „Dann ist es quasi egal, wie man sich vor Ort bewegt“, sagt Gwinner. Ist man in Deutschland unterwegs, sinkt der Anteil, den der Transport am Gesamtenergieaufkommen einer Reise hat, auf 50 bis 60 Prozent. Doch das sind nur Relationen, absolut ändert sich die Zahl nicht.

Gwinner bringt die Politik mit ins Spiel. Sie könnte Anreize für nachhaltiges Reisen setzen. Man sollte die Bahn als Wettbewerber zur Fliegerei in Stellung bringen, fordert sie und zählt auf: Die Infrastruktur der Flugbetriebe wird subventioniert und sie zahlen keine Kerosinsteuer. „Wenn reale Kosten eine Rolle spielen würden, wären die Billigflieger vom Tisch“, ist sich Gwinner sicher.

Wer auf den einwöchigen Urlaub auf Mallorca nicht verzichten, aber dennoch ruhigen Gewissens schlafen möchte, dem machen Organisationen wie Atmosfair, Myclimate oder Ecogood ein Angebot. Sie rechnen aus, wie viel Kohlenstoffdioxid man für seinen Urlaubsflug in die Luft pustet. Für diese Menge zahlt man einen Betrag und finanziert dadurch Umweltprojekte. Laut Atmosfair verschlingen Hin- und Rückflug von Frankfurt ins rund 2600 Kilometer entfernte Palma de Mallorca in der Economyklasse 450 Kilogramm CO2. Atmosfair rechnet aus, dass man 10 Euro zahlen muss, um die 450 Kilogramm wieder reinzuholen. Um das zu erreichen, verteilt das Unternehmen beispielsweise klimaschonende Öfen in Afrika.

Statt mit einer traditionellen Drei-Steine-Feuerstelle kochen Menschen in Ruanda nun mit einem „Save80-Ofen“. Der Topf schließt genau mit dem Ofen ab, sodass die Hitze optimal übertragen wird, preist Atmosfair den energiesparenden Kocher in seinem Geschäftsbericht an. Weniger Brennholz wird benötigt und schont so die Wälder. Mehr als 100 000 Tonnen CO2 sollen mit den Öfen allein in Ruanda in diesem Jahr eingespart werden. Auch in anderen Ländern wie Indien, Lesotho und Kamerun läuft das Projekt. In Thailand wird Biogas aus Abwasser gewonnen, in Bolivien Strom aus Paranussschalen. Insgesamt will Atmosfair dieses Jahr mehr als 250 000 Tonnen CO2 einsparen. Rein rechnerisch könnten dafür 557 Personen einmal nach Palma de Mallorca und zurück nach Frankfurt fliegen. Der Grund, warum Atmosfair die meisten Klimaprojekte in Entwicklungsländern durchführt, ist einfach: „In den Ländern sind die Menschen schon heute am meisten vom Klimawandel betroffen, und es ist oft relativ günstig, Treibhausgase einzusparen“, heißt es bei Atmosfair.

Der Deutsche fliegt also von Frankfurt nach Mallorca und finanziert ein Projekt in Ruanda. Ist das die Lösung des Problems? „Modernen Ablasshandel“ nennt es Knut Scherhag, Vizepräsident der Hochschule Worms. Die Hochschule kooperiert beim Weiterbildungsstudiengang Tourismusmanagement mit der Uni Koblenz. Prof. Scherhag leitet den Studiengang und forscht zu Leitbildern für touristische Ziele und Strukturentwicklung. Angebote wie Atmosfair zeigen ein gewisses Bemühen, räumt er ein. Auf der anderen Seite ist es aber eine Art, sein schlechtes Gewissen zu beruhigen: „Das CO2 wird nicht dort kompensiert, wo es anfällt, und das ist ein Problem“, sagt Scherhag. Das klimaschädliche Gas wird in großen Höhen ausgestoßen: Ein Flugzeug nach Mallorca ist auf 12 500 Meter Höhe unterwegs. Die Klimaprojekte hingegen finden am Boden statt. Und CO2 richtet nun einmal mehr Schaden an, wenn es oben in der Atmosphäre ausgestoßen wird als am Boden.

Eine große Rolle spielt auch das Bewusstsein der Reisenden, gibt der Professor für Tourismusmanagement zu bedenken. Wer ein gutes Gewissen hat, gönnt sich vielleicht umso mehr. Frei nach dem Motto: Jetzt habe ich was für meine Klimabilanz getan, jetzt darf ich wieder. Und hat beim nächsten Mal weniger Hemmungen. „Da muss man sich fragen: Was bringt das wirklich?“, sagt Scherhag.

Sind sich die Reisenden der Problematik bewusst? Oder spielt das Thema Nachhaltigkeit womöglich nur im Biomarkt oder an der Zapfsäule eine Rolle, nicht aber bei der schönsten Zeit des Jahres, die man sich ja verdient hat? Fragt man bei Koblenzer Reisebüros nach, hört man die Ratlosigkeit durch den Telefonhörer hindurch. Nein, nach nachhaltigen Reisen hätte noch kein Kunde gefragt. Teils bedauernd, fast schon entschuldigend hören sich die Mitarbeiter an. „Hoffentlich wird das mehr“, sagt eine. Es ist politisch korrekt, nachhaltig und ökologisch reisen zu wollen. Doch häufig bleibt es beim Lippenbekenntnis. Nicht umsonst wurde der Begriff „Nachhaltigkeit“ zum „Unwort des Jahres 2013“ gewählt. Grund für das Zaudern und Zögern der Urlaubssuchenden ist oftmals: der Preis.

„Es darf nicht teurer sein“, bestätigt Prof. Scherhag. Es gibt immer mehr Reiseunternehmen, die nachhaltige Angebote aufnehmen, sagt er, aber die Nachfrage zieht nicht mit: „Wenn es nicht mehr kostet, zu den Wünschen passt und die gleiche Leistung beinhaltet, dann: ja. Aber wenn es mehr kostet, heißt es: Ist nett, aber brauche ich nicht.“

Doch Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur, auf Umwelt und Natur zu achten, betont Prof. Scherhag: „Nachhaltigkeit wird in Deutschland und Europa stark auf Umweltverträglichkeit reduziert.“ Man muss auch die ökonomischen und sozialen Aspekte mit einbeziehen: „Sonst dürfte man auch nicht mehr dorthin reisen, wo das Einkommen aus dem Tourismus die Existenz sichert, so wie in vielen Entwicklungsländern.“ Auch das im Blick zu haben, ist Teil von Nachhaltigkeit.

Unabhängig vom Thema Transport: Kann man auch mit Essen seine Klimabilanz polieren? Wer lange geflogen ist, muss ja nicht noch zusätzlich sein Gemüse einfliegen lassen. Es gibt immer mehr Hotels und Resorts, die mit Bioprodukten und regionalen Lebensmitteln werben. Dieser Ansatz stößt bei Prof. Scherhag auf positive Resonanz: „Regionale Produkte nützen jedem: dem Anbieter und auch den Hotels.“ Die alleinige Reiseentscheidung darauf aufzubauen, wird nur ein verschwindend geringer Anteil der Urlauber machen. Das ist schließlich auch eine Frage des Portemonnaies. All-Inclusive-Angebote schaffen es aufgrund des engen Preisrahmens nicht, regionale Produkte auf den Teller zu bringen, sondern müssen auf Massenware setzen. Die Hotels kalkulieren mit ungefähr 14 bis 15 Euro am Tag, rechnet Scherhag vor: „Wenn man sich ein Bioschnitzel kauft, geht das Geld schon allein dafür weg.“

Nachhaltigkeit und Urlaub, das ist ein Paar, was auf den ersten Blick nicht immer gut zusammenzupassen scheint. Zwar muss sich kein Urlauber von der wohlverdienten Reise abhalten lassen. Doch es hilft, sich der Problematik bewusst zu sein. So lautet das Resümee von Regine Gwinner: „Emissionen zu vermeiden, ist immer die bessere Methode.“