Archivierter Artikel vom 29.06.2011, 20:00 Uhr
Monaco

Monaco vor der Fürstenhochzeit – Ein Blick hinter die glitzernde Operettenfassade

Draußen, auf der Place du Casino, wo Anfang Juli die fürstliche Hochzeitstafel stattfinden wird, scheint die Welt noch in Ordnung. Während unten im Hafen die Luxusyachten sanft im Wasser schaukeln, reihen sich vor dem weltberühmten Belle-Epoque-Bau die Maseratis, Ferraris und Alfa Romeos aneinander.

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Charlene und Albert
Prinz Albert und Charlene Wittstock mit Musiker Jean Michel Jarre (Mitte) in Monaco. Der französische Komponist und Musiker gibt ein spezielles Hochzeits-Konzert.
Foto: DPA

Monaco – Draußen, auf der Place du Casino, wo Anfang Juli die fürstliche Hochzeitstafel stattfinden wird, scheint die Welt noch in Ordnung. Während unten im Hafen die Luxusyachten sanft im Wasser schaukeln, reihen sich vor dem weltberühmten Belle-Epoque-Bau die Maseratis, Ferraris und Alfa Romeos aneinander.

Kate und William kommen – sicher nicht. Sie sind zwar eingeladen, haben aber abgesagt, weil sie in Kanada sein werden. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hat auch zugesagt, aber nur für die Trauung, nicht für die Party, und ohne seine Frau Carla, die etwa im sechsten Monat schwanger sein dürfte.
Kate und William kommen – sicher nicht. Sie sind zwar eingeladen, haben aber abgesagt, weil sie in Kanada sein werden. Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy hat auch zugesagt, aber nur für die Trauung, nicht für die Party, und ohne seine Frau Carla, die etwa im sechsten Monat schwanger sein dürfte.
Foto: dpa

Schon den russischen Großfürsten Nikolaus und Kaiser Franz Joseph II. von Österreich zog es einst die Freitreppe hinauf zum Roulette. Alles was in Europa einst Rang und Namen hatte, erspielte sich in Monaco sein Glück. Oder sein Unglück. So mach ein Ruinierter soll sich die silberne Pistole an die Schläfe gesetzt haben.

Heute ist mit so viel Extravaganz Schluss. Der letzte Selbstmordversuch liegt lange zurück. Und im Inneren des Casinos spricht der einstige Pomp nur noch von den goldstuckverzierten Wänden. Statt Smoking und Krawatte sind Jeans und Turnschuhe an der Tagesordnung. Statt brillantbewehrten Damen im Abendkleid sitzen russische, italienische und deutsche Touristen im bunten Hemd um die grünen Tische, während im Nebenraum die einarmigen Banditen rasseln. Knarzend raunt der Croupier sein „Rien ne va plus!“ in die Runde, bevor er unverhohlen gähnt.

Erst vor kurzem ging im Spielbetrieb von Monaco tatsächlich nichts mehr. Die Croupiers waren in den Streik getreten und forderten eine gut 50-prozentige Erhöhung ihrer steuerfreien Bezüge von über 6000 Euro Einstiegsgehalt. Die Betreibergesellschaft ‘Société des Bains de Mer‘ lehnte ab. Das schien selbst ihr zu viel, denn die Zeiten sind schwierig geworden. Im Zeichen der Finanzkrise muss sogar das Milliardärs-Paradies am Mittelmeer sparen. Die Ausgaben steigen, für dieses Jahr rechnet die Regierung mit einem voraussichtlichen Defizit von 94 Millionen Euro. Mit einer großen Werbekampagne versucht sie derzeit, das Image von Monaco wieder aufzupolieren. Denn hinter der Glitzer- und Glamour-Fassade bröckelt es.

War die Spielbank einst die Goldgrube des Jet-Set-Paradieses, finanziert das Glücksspiel heute nur noch etwa drei Prozent des Haushalts, und auch der Tourismus bringt lediglich 10 Prozent der Wirtschaftskraft. Der Großteil der Einnahmen stammt aus Steuern, so merkwürdig dies bei der Einkommensteuerfreiheit für Monegassen und die meisten Ausländer, wie auch die Deutschen, klingen mag: Es sind Mehrwert- und Umsatzsteueranteile aus Ereignissen wie der Formel-1, aus Bankgeschäften, dem Handel und dem Tourismus. An Immobilienverkäufen verdient der Staat kräftig mit, und auch Unternehmen zahlen Steuern.

5078 Firmen tummeln sich in dem Mini-Staat, der mit seinen knapp 2qm das zweitkleinste Land nach dem Vatikan ist. Insgesamt stellt die Wirtschaft gut 48.000 Arbeitsplätze – bei gerade mal 35.000 Einwohnern. Der Großteil der Arbeitnehmer sind ausländische Pendler, die von Frankreich und Italien tagtäglich nach Monaco fahren. Jeden Morgen schnellt die Bevölkerung Monacos um 35 Prozent an, um abends wieder abzunehmen.

Das wahre Herz von Monacos Wirtschaft schlägt heute in Fontvieille. Das Viertel wurde in den 70er Jahren fast vollständig dem Meer abgerungen und ist durch einen langen Tunnel abgetrennt. Die meisten Besucher kennen das Viertel daher nur von oben. Von der Aussichtsplattform nahe dem Fürstenpalast wirken die farbigen Fassaden ähnlich malerisch, wie alles andere hier. Doch aus der Nähe betrachtet, blättert vielfach der Putz. Hinter den Mauern verbergen sich Sozialwohnungen und Industriebetriebe. In den Fabriken werden Autoteile, Kosmetik und pharmazeutische Produkte hergestellt, ums Eck befinden sich ein McDonalds und der einzige große Supermarkt des Landes.

„Fontvieille hat die SBM als wichtigste Wirtschaftsquelle des Landes abgelöst“, sagt Pierre Abramovici. Der Journalist und Historiker hat mehrere Bücher und Filme über seine Heimat herausgebracht. „Hier zeigt sich auch, dass die Idee, in Monaco eine Mehrwert- und Umsatzsteuer einzuführen, genial war“. Hintergrund war eine Krise zwischen Monaco und der Schutzmacht Frankreich Anfang der 60er Jahre. Verärgert über die Privilegienpolitik für Millionäre, die Paris um wertvolle Steuereinnahmen brachte, ließ der damalige Präsident de Gaulle am 12. Oktober 1962 Monaco abriegeln und drohte mit Blockade. Fürst Rainier III, der Vater des heutigen Fürsten Albert II, lenkte ein.

In einem Abkommen einigte man sich, dass die in Frankreich geltende Mehrwertsteuer auf Monaco ausgedehnt wird. Bis heute wird diese in einen gemeinsamen Topf mit Frankreich einbezahlt und anschließend von Paris nach einem komplizierten Schlüssel zurückerstattet. „Wenn in Monaco Geld reinkommt, dann ist es vielfach Frankreich, das zahlt“, sagt Abramovici. Außerdem wurde vereinbart, dass die in Monaco lebenden Franzosen Einkommensteuer entrichten müssen, während die „echten“ Monegassen davon befreit bleiben.

Als „echte Monegassen“ gilt nur eine Minderheit: Gerade mal 8000 Einwohner besitzen die Staatsbürgerschaft Monacos, die mit dem Blut vererbt wird. Schätzungsweise 15.000 Einwohner, allen voran die in Monaco geborenen Franzosen werden dagegen als „enfants du pays“ betrachtet – als „Bastarde“, wie viele von ihnen selbst sagen. „Obwohl sie in Monaco zur Welt kamen, seit Generationen hier leben und arbeiten, haben sie keinerlei spezifische Rechte“, schimpft auch Daniel Boéri. Der Wirtschaftsberater und Politiker ist Monegasse von Bluts wegen. In seiner Kanzlei im Viertel Jardin Exotique hängt auch das Familienwappen, das seine Abstammung belegt. Doch dass es in seinem Land eine Art Zwei-Klassen-System gibt, will ihm nicht in den Kopf. „Kein Wunder, dass immer mehr enfants du pays abwandern, vor allem bei den Immobilien- und Mietpreisen.“

Bis zu 50.000 Euro kostet der Quadratmeter inzwischen, das kann sich selbst in Monaco ein Normalsterblicher kaum leisten. Die „echten“ Monegassen unterstützt daher der Staat: Entweder mit Sozialwohnungen oder er trägt bis zu 80 Prozent der Miete. Außerdem gibt es jede Menge Zuschüsse, für Familien, Behinderte, Pflegebedürftige sowie Stipendien für Studierende. Die Monegassen, so Boéri, „sind wohl die verwöhntesten Bürger der Welt“. Arbeitslosigkeit ist ein Fremdwort, die Einheimischen werden vorwiegend vom Staat im öffentlichen Dienst beschäftigt, während im Privatsektor vor allem Ausländer und enfants du pays arbeiten.

Letztere dürfen auch nicht wählen, selbst bei den Kommunalwahlen nicht. Das Recht, alle fünf Jahre den Conseil National, das Parlament, zu bestimmen, ist lediglich den Monegassen vorbehalten, und auch dieses Recht ist eher bescheiden, denn das Parlament hat fast nichts zu sagen. „Die einzige echte Befugnis ist die, den Haushalt zu blockieren, doch sollte es das einmal tun, wäre das ein großes Problem!“, so Boéri. Albert II, sein von ihm benannter französischer Staatsminister und dessen fünf Minister haben über jede Entscheidung immer das letzte Wort.

Der Fürst ist der starke Mann im Staat: Er ist der Souverän, nicht das Volk. Dennoch: Für die Abschaffung der konstitutionellen Monarchie spricht sich selbst der kritische Boéri nicht aus: „Letztlich ist der Fürst untrennbarer Bestandteil der Souveränität und ohne den Fürsten gäbe es auch kein Monaco“. So wird auch die anstehende Fürstenhochzeit als nationales Glück empfunden, zumal mit Alberts Amtsantritt ein neuer Stil eingezogen ist und dieser auf saubere Geschäfte achtet. Die Hochzeit, so hofft man hier, dürfte das Ihrige hinzutun, um das Image Monacos zu entstauben und neue Investoren anzulocken – besser als jede Werbekampagne.

Von unserer Korrespondentin Sylvie Stephan