Archivierter Artikel vom 17.09.2010, 15:24 Uhr

lobo_rezension

Ob die Wirtschafts- und Finanzkrise nun ausgestanden ist, oder uns das Schlimmste noch bevorsteht, darüber streiten die Experten. Dass es nicht die letzte Krise gewesen ist, darf allerdings als sicher gelten. Zumindest, wenn die Mitwirkenden dieser Krise sich als so lernresistent erweisen, wie Stefan und Thorsten, Chefs einer fiktiven Werbeagentur zu Zeiten des Neuen Markts und Hauptakteure in Sascha Lobos Debütroman „Strohfeuer".

Lesezeit: 3 Minuten
Sascha Lobo: Strohfeuer. erschienen bei Rowohlt.
Sascha Lobo: Strohfeuer. erschienen bei Rowohlt.

Von unserem Redakteur Moritz Meyer

Ob die Wirtschafts- und Finanzkrise nun ausgestanden ist, oder uns das Schlimmste noch bevorsteht, darüber streiten die Experten. Dass es nicht die letzte Krise gewesen ist, darf allerdings als sicher gelten. Zumindest, wenn die Mitwirkenden dieser Krise sich als so lernresistent erweisen, wie Stefan und Thorsten, Chefs einer fiktiven Werbeagentur zu Zeiten des Neuen Markts und Hauptakteure in Sascha Lobos Debütroman „Strohfeuer„.

Agenturen der heißen Luft

Aufstieg und Fall lagen um die Jahrtausendwende oft nur Monate auseinander. Nahezu täglich gründeten sich in dieser als „New Economy“ bezeichneten Episode der deutschen Wirtschaft neue Firmen in zukunftsträchtigen Branchen wie Telekommunikation, Biotechnologie oder erneuerbare Energien. Im Kielwasser dieser Firmen schwammen zahlreiche Agenturen, die die Versuchsballons der Jungunternehmer mit ausreichend heißer Luft befüllten.

Coole Webseiten, abgefahrene Firmenlogos und neue Vermarktungsstrategien sollten Investoren davon ablenken, dass die Substanz der neuen Firmen meist nur aus ein paar Büroräumen und einer vermeintlich unschlagbaren Idee bestanden.

Sascha Lobo, Internet-Bohemien, Meister der Selbstvermarktung und jüngst auch mal „Chefredakteur für einen Tag„ dieser Zeitung, kennt diese Scheinwelt nur zu gut. Bevor er vornehmlich als Blogger von sich reden machte, war er selbst Mitgründer einer Werbeagentur, die 2001 mit dem Ende des „Dotcom-Booms“ wieder verschwand. So schnell, wie die Spekulanten die Blase aufgepumpt hatten – im Frühjahr 2000 lag der Index am Neuen Markt „Nemax 50„ bei sagenhaften 9666 Punkten – so schnell platzte sie wieder.

Insofern ist der Weg von Stefan, Lobos Ich-erzählendem Protagonisten, vorgezeichnet. Auf einer Milleniums-Sylvesterparty lernt er Thorsten kennen, mit dem er ab diesem Moment auf fast schon faustische Weise verbunden ist. Thorsten ist dabei der Mephisto, dessen zunächst verheißungsvolle Geschäftsideen sich zunehmend als völlig wahnwitzige Vorhaben erweisen, deren Umsetzung nur gelingt, in dem man sich Lug, Aufschneiderei und Erpressung bedient. Doch Stefan fehlt in grenzenlosen Selbstüberschätzung der Durchblick, sich von Thorsten zu lösen. Ein ums andere Mal verfällt er dessen Versprechen vom großen Gewinn, bis letztlich der nur konsequente Gang ins Spielcasino bleibt, um die Agentur zu retten.

Sympathisch ist das Gebaren der beiden Hasardeure nicht. Schließlich schaden sie ja nicht nur sich selbst, sondern all jenen, die in ihren Dunstkreis geraten; angefangen bei Stefans Freundin Lena, die als einzige Außenstehende den wirtschaftlichen wie moralischen Niedergang ihres Partners hilflos mitansehen muss und endend bei den Angestellten der Agentur, denen ihr unermüdlicher Einsatz mit Massenentlassung gedankt wird.

Eine Identifikationsfigur werden die meisten Leser in Lobos Buch vergeblich suchen, so sie nicht ein Herz für halbkriminelle Angeber haben. Vielmehr greift das Prinzip der Büro-Satire „Stromberg“: Das permanente Angewidertsein von den Methoden der Hauptfiguren löst eine eigentümliche Faszination aus. Wer das aushält, wird Lobos Buch auch dann lesen können, wenn er die New Economy als Unbeteiligter verfolgt hat.

Warnung vor nächstem Crash

Wer damals zu denen gehörte, die einen Großteil ihres Vermögens an der Börse verzockten, wird danach zumindest keine Fragen mehr haben, wie es soweit kommen konnte – und für die Zukunft gewarnt sein, wenn das nächste, vermeintlich „große Ding"kommt.

  • Sascha Lobo: Strohfeuer. Rowohlt, 288 Seiten, 18.95 Euro

Moritz Meyer leitete eine Gesprächsrunde mit Sascha Lobo im Papierkeller unserer Zeitung. Den Mitschnitt gibt es hier.