Archivierter Artikel vom 11.04.2015, 07:00 Uhr

Leo Rojas: Deutschland ist Heimat

Der schnelle Erfolg ist Leo Rojas nicht zu Kopf gestiegen. So entschuldigt sich der Ecuadorianer vorab für sein „schlechtes Deutsch“, obwohl dafür, wie sich im Verlauf des Gesprächs zeigt, keine Notwendigkeit besteht. Unabhängig vom Aufstieg des Straßenmusikers zum Star genießt er das Leben in vollen Zügen und verspürt vor allem Dankbarkeit.

Sie haben als Musiker auf der Straße angefangen. Was ist denn die wichtigste Eigenschaft, die ein Straßenmusiker mitbringen muss?

Das ist eine gute Frage. Ich kann zumindest sagen, dass man als Straßenmusiker erfährt, wie das Leben wirklich ist. Man erfährt Gutes und nicht so Gutes, aber man lernt von beidem viel für die Zukunft. Ich habe immer davon geträumt, von meiner Musik anderen Leuten etwas zeigen zu können. Diese Chance habe ich bekommen. Und das, was ich auf der Straße gelernt habe, hilft mir sehr dabei.

Also waren die Erfahrungen, die Sie früher gemacht haben, enorm wichtig für Ihren Weg zum Erfolg?

Genau. Zum Beispiel gibt es ein Erlebnis mit einem meiner Titel, „Luchando por un sueño“ („Ich kämpfe für einen Traum“). Eigentlich sollte dieser Song „Luchando por las calles“, also „Ich kämpfe mich durch die Straßen“, heißen. Aber ich war der Meinung, dass ich mal etwas Eigenes machen muss, und habe mir gesagt: „Ich will nicht nur auf der Straße für irgendetwas kämpfen, sondern im Speziellen für meine Träume.“ Die Erfahrungen, die ich auf der Straße gemacht habe, haben mir diese Denkweise verpasst.

So richtig los ging’s für Sie erst durch eine Begebenheit im sächsischen Großenhain. Dort kam eine Frau auf Sie zu und meinte, dass Sie sich beim Supertalent bewerben sollten und dann zwei oder drei Anrufe von ihr sicher hätten. Haben Sie diese Frau jemals wiedergesehen?

Nein, leider nicht. Im vergangenen Jahr gab es den Tag der Sachsen in Großenhain. Ich war zu dem Zeitpunkt in der Nähe und hatte gehofft, sie dort wiederzusehen. Aber leider, leider nicht. Vielleicht war es damals einfach Schicksal, dass diese Frau in mein Leben gekommen ist. Ich würde mich auf jeden Fall wirklich freuen, wenn ich diese Frau irgendwann noch mal wiedersehen könnte.

Was würden Sie dieser Frau dann sagen?

Ich weiß es nicht. So, wie ich mich kenne, würde ich wohl Tränen in die Augen bekommen.

Weil sich dadurch auch ein Kreis für Sie schließen würde.

Auf jeden Fall.

Sie sind mit der Panflöte berühmt geworden. Spielen Sie noch weitere Instrumente?

Ich kann ein bisschen Gitarre, Mandoline, Charango oder ein bisschen Percussion. Aber auch verschiedene lateinamerikanische Instrumente, die der Panflöte ähnlich sind, zum Beispiel Sampoña, Sanja, Quena und auch Native American Flutes. Gelegentlich versuche ich mich auch am Keyboard.

Mal grob gefragt: Wie kamen Sie überhaupt zur Musik?

Das erste Interesse kam mit zehn, elf Jahren. Da habe ich zum ersten Mal so richtig lateinamerikanische Musik gehört aus Peru, Bolivien und Ecuador. Besonders beeindruckt hat mich eine in meiner Heimat bekannte Band aus Bolivien. Damals habe ich gedacht: Wow, das ist bestimmt eine Band von 10, 15 oder 20 Leuten. Umso überraschender war natürlich dann der Moment, als ich erfahren habe, dass diese Band aus nur zwei Leuten besteht. Das hat mich motiviert, und ich habe angefangen Gitarre, zu spielen. Mein erstes Lied, das ich gelernt habe, war „Dust in the Wind“ von Kansas – und so hat alles angefangen. Auch wenn meine Mama mich an manchen Tagen darum gebeten hat, es sein zu lassen, und ich manchmal auch Zweifel daran hatte, dass ich ein Musiker bin.

Wie ging es dann weiter? Wann haben Sie diese Zweifel überwunden?

Als ich die Möglichkeit bekam, ins Ausland zu gehen, habe ich mir eine kleine Flöte mitgenommen, ohne damit zu rechnen, dass ich mal als Musiker Geld verdiene. Als ich nach Europa gekommen bin, lief ich anfangs rum wie ein Hippie. Ich bin ein oder zwei Jahre lang mit meinem Rucksack umhergezogen und habe Armbänder und Schmuck verkauft und nur ab und zu Musik gemacht. Irgendwann habe ich dann gemerkt, dass die Leute sich für meine Kultur und die Musik interessieren, und mir gedacht: Daraus musst du etwas machen! Ich habe dann geübt, mit der Gitarre und der Panflöte zwei Instrumente auf einmal zu beherrschen. Meinen ersten Auftritt hatte ich in einer Fußgängerzone in Leipzig am 16. März 2001.

Ihre Musik klingt eher sanft und melodisch. Gibt es auch andere Musikrichtungen, die Sie gern hören?

Da gibt es einiges, wie zum Beispiel Modern Talking. Und das nicht, weil Dieter Bohlen meine ersten beiden Alben produziert hat. Ich kenne deren Musik schon seit den Neuveröffentlichungen von Hits wie „You’re My Heart, You’re My Soul“ oder „Cheri, Cheri Lady“ Ende der 90er-Jahre. Solche Musik, aber auch Metal, Salsa und vieles mehr höre ich gern.

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Apropos Dieter Bohlen: In der Supertalent-Jury saßen damals neben dem „Poptitan“ auch Sylvie Meis und Motsi Mabuse. Haben Sie zu einem von denen noch Kontakt?

Nein. Es ist nicht so, wie manche Leute denken, dass wir uns dort kennenlernen und auf einmal ständig miteinander zu tun haben. Es geht früher oder später wieder jeder seinen eigenen Weg. Genauso ist es bei Dieter Bohlen, auch wenn er meine ersten beiden Alben produziert hat. Er ist eben ein sehr beschäftigter Mann.

Könnten Sie sich vorstellen, einmal selbst in einer solchen Jury zu sitzen?

Natürlich könnte das ein tolles Erlebnis für mich sein. Aber ich glaube nicht, dass ich der Typ dafür bin. Es gibt da geeignetere Personen als mich.

Und wenn Dieter Bohlen morgen anruft und sagt: „Leo, ich will dich nächstes Jahr in der Supertalent-Jury haben“?

Ich weiß es nicht (lacht). Es wäre mit Sicherheit ein Angebot, bei dem nicht viele zweimal überlegen würden. Aber wie gesagt: Ich denke nicht, dass ich dafür geeignet bin.

Kommen wir zu Ihrer Heimat: Wann waren Sie zuletzt in Ecuador?

Das war letztes Jahr Ende Februar. Nach einer kleinen Tournee durch Deutschland habe ich mir eine Auszeit genommen und war mit meiner Frau und meinem kleinen Sohn für zwei Monate dort.

Was unterscheidet das Land – abgesehen vom Klima – am meisten von Deutschland?

Vielleicht die Harmonie, die Leute dort sind viel offener. Aber das Land hat sich in all den Jahren auch verändert und weiterentwickelt. Ich habe Ecuador vor rund 15 Jahren verlassen. Als ich dann nach fast neun Jahren das erste Mal wieder zurückgekehrt bin, war alles total anders.

Was fehlt Ihnen an Ecuador am meisten?

Vor allem die Familie. Aber auch, dass ich morgens einfach mal barfuß auf die Berge gehen kann, fehlt mir sehr, genauso wie das Essen und die Vielfalt an Früchten. Deshalb versuche ich auch hier in Deutschland, ein bis zweimal in der Woche ecuadorianische Gerichte zuzubereiten.

Mal andersrum gefragt: Wenn Sie zwei Monate in Ecuador verbringen, gibt es dann nach einiger Zeit auch Dinge, die Sie an Deutschland vermissen?

Frikadellen (lacht). Nein, ich muss ehrlich sagen, dass mir beim letzten Mal schon nach einem Monat mein geregelter Alltag hier in Deutschland gefehlt hat. Da hat man dann schnell Sehnsucht, obwohl man weiß, dass der Abschied aus Ecuador genauso schmerzen wird. Trotzdem wurde mir dadurch klar, dass Deutschland mittlerweile auch ein Stück Heimat geworden ist.

Was war die größte Panne, die Ihnen bei einem Ihrer Auftritte passiert ist?

Ich hatte jemandem meine Panflöte gegeben, damit er sie kurz festhält. Als ich dann auf die Bühne gehen wollte, ist mir etwas heruntergefallen und derjenige wollte mir zuvorkommen und es aufheben. Dabei hatte er die Panflöte zwischen Oberarm und Rumpf eingeklemmt, und beim Bücken sind dann die Maiskörner aus den Röhrchen gefallen, die für die einzelnen Tonlagen wichtig sind. Das Instrument war damit also völlig verstimmt.

Dadurch hat sich der Auftritt dann verzögert.

Nein. Ich habe einfach improvisiert und die Maiskörner noch schnell so aufgeteilt, wie ich es kurzerhand für richtig hielt – und es hat geklappt.

Das Gespräch führte Andreas Hundhammer