Archivierter Artikel vom 01.07.2011, 17:51 Uhr

Interview: Hemingway-Männer gibt es auch heute noch

Manfred Siebald (62) ist Literaturwissenschaftler am Institut für Amerikanistik an der Uni Mainz. Außerdem tritt er als christlicher Liedermacher auf. Im Interview spricht er mit uns über Ernest Hemingways Wirkung auf die heutige Generation.

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Manfred Siebald (62) ist Literaturwissenschaftler am Institut für Amerikanistik an der Uni Mainz. Außerdem tritt er als christlicher Liedermacher auf. Im Interview spricht er mit uns über Ernest Hemingways Wirkung auf die heutige Generation.

Herr Prof. Siebald, was hat uns Hemingway heute, 50 Jahre nach seinem Tod, noch zu erzählen?

Die Zeit, in der er lebte und schrieb, hat – wie ich finde – einige Parallelen zu unserer Zeit. Bei ihm waren es zu Beginn der Karriere die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg. Und auch wir sind eine Art von Postkriegsgeneration, haben zudem so viele Kriegsherde in der Welt – da hat Hemingway eine Art von Daueraktualität. Die Bewältigung von Kriegserlebnissen, wie Hemingway sie in vielen seiner Bücher dargestellt hat, kann für uns Anstoß sein, neu zu fragen, wie wir heute mit Kriegswirklichkeit umgehen.

Was ist mit Hemingway als Macho?

Das muss man aus der Zeit sehen – wir sind heute gendermäßig natürlich weiterentwickelt als in den 20er-Jahren. Ich halte es allerdings nicht für eine Programmatik bei Hemingway: Er wollte nicht unbedingt als Macho gelten, da lag vielmehr der Wille darin, ein Publikumsinteresse zu bedienen, und auch die persönliche Verarbeitung seiner Kriegserlebnisse. Das führte zu einer Männlichkeitsinszenierung, die heute vielleicht merkwürdig erscheint.

Hemingway war eben ein ganzer Kerl – das ist doch heute total unmodern, oder?

Na ja, schauen Sie sich einen Kerl wie Strauss-Kahn an – ich glaube nicht, dass man sagen kann, dass dieser Typ Mann wirklich verschwunden ist. Ich sehe nicht so viele Unterschiede zu den Männern in unserem heutigen Jetset – zumindest, was die Verhaltensmuster angeht. Interessant ist es zu schauen, was diese Hemingway-Männer, diese Sportfischer, Stierkampffans, Großwildjäger und Alkoholiker alles tun, um ihre Männlichkeit zu finden. Da gibt es von heute aus neue, andere Anknüpfungspunkte. Männlichkeit ist heute anders besetzt. Bei seinen Figuren ist es auch weniger ein nach außen gezeichnetes Bild von Machotum oder übertriebener Männlichkeit. Das sind eher Typen, die wiederum etwas verarbeiten, Jake Barnes in „Fiesta“ zum Beispiel, der ist im Krieg impotent geworden und versucht jetzt, damit umzugehen, mit dieser Einschränkung als Mann zu leben. In den Romanen ist es also selten der Fall, dass sich die Männer wirklich über die Frauen erheben. Es ist vielmehr so, dass die Männer im Mittelpunkt stehen und ihnen Frauen eigentlich gar nicht so viel bedeuten.

Würde Hemingway heute noch leben, sähe er, dass nach ihm Bars benannt werden und es Angelschnüre mit seinem Namen gibt...

In gewisser Weise hat er es doch damals schon darauf angelegt und es auch immer befördert – so wie er sich selbst als Mann inszeniert und stilisiert hat. hat. Ich glaube nicht, dass es ihn stören würde, eine Marke zu sein oder in der Werbung verwendet zu werden.

Wir haben inhaltlich und biografisch über Hemingway gesprochen – wie ist es stilistisch? Wie empfinden Ihre jungen Studenten heute seine Sprache?

Vor allem in Essay-Kursen, wenn es darum geht, englischsprachige Prosa zu schaffen, ist er immer noch ein Vorbild. Besonders für uns Deutsche, wir neigen ja dazu, immer zu viel in einen Satz zu packen. Da stehen dann bei Hemingway eben diese lakonischen, kurzen Sätze. Vielleicht ist das ein Ergebnis seiner Journalistenvergangenheit, die Forscher sind sich da nicht einig. Es wurde auf jeden Fall auch durch ihn zum Stilmittel des Modernismus. Und auch heute gibt es noch Autoren, die so ähnlich schreiben, Paul Auster beispielsweise zum Teil.

Also ist Hemingway nach wie vor aktuell.

Ich finde sogar, es wäre wertvoll, ihn neu zu entdecken. Das wäre eine Aufgabe für die Literaturwissenschaft, die grundsätzlichen Fragestellungen bei Hemingway neu zu betrachten. Auch zum Beispiel unter dem Gesichtspunkt der transatlantischen Literaturtradition: ein Amerikaner in Europa. Hemingway ist nach wie vor interessant.

Das Gespräch führte unser Redakteur Tim Kosmetschke