Archivierter Artikel vom 07.03.2015, 15:17 Uhr

„Ich bin nur ein kleiner Sänger“: Kümmert drückt die ESC-Taste

Fassungslosigkeit, wohin das Auge reichte. Mit einem solchen Finale des Vorentscheids zum Eurovision Song Contest (ESC) hatte in der TUI-Arena in Hannover niemand gerechnet. Gerade war Andreas Kümmert mit seinem Titel „Heart of Stone“ (Herz aus Stein) zum deutschen Sieger gekürt worden, als er das Mikro in die Hand nahm und jenen Satz aussprach, der über Stunden im Netz hoch- und runterdiskutiert werden sollte.

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ESC Vorentscheid – Andreas Kümmert
Andreas Kümmert verzichtete auf den Sieg.
Foto: Peter Steffen – dpa

„Ich bin überwältigt von euch allen. Ich bin aber nicht wirklich in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen, und gebe meinen Titel an Ann Sophie.“ Ob der Kommentar von Barbara Schöneberger („ein Coitus interruptus der schlimmsten Sorte“) in diesem Moment den Nagel auf den Kopf traf, sei mal dahingestellt. Fest steht aber, dass nach diesem Verzicht die Hamburgerin Ann Sophie mit „Black Smoke“ (Schwarzer Rauch) die deutschen Farben am 23. Mai in Wien vertreten wird.

Die Sängerin Ann Sophie vertritt Deutschland beim Eurovision Song Contest 2015 in Österreich. Foto: Peter Steffen – dpa

Conchita Wurst beim deutschen Vorentscheid «Unser Song für Österreich» in Hannover. Foto: Peter Steffen – dpa

Andreas Kümmert bedankt sich beim Publikum für seine Wahl. Daneben Moderatorin Barbara Schöneberger und die Zweitplazierte Ann Sophie. Foto: Jochen Luebke – dpa

Andreas Kümmert verzichtete auf seinen Sieg. Foto: Peter Steffen – dpa

Andreas Kümmert und die scheinbar sprachlose Barbara Schöneberger. Foto: Jochen Luebke – dpa

Sängerin Ann Sophie fährt nach Wien zum ESC. Foto: Jochen Lübke – dpa

Ann Sophie siegt für Deutschland. Foto: Peter Steffen – dpa

Siegerin Ann Sophie (l) mit Moderatorin Barbara Schöneberger. Foto: Jochen Luebke – dpa

„Fahr ich jetzt nach Wien? Wollt ihr das überhaupt?“ Die 24-Jährige war ebenso konsterniert wie viele in der Halle. Als sie den Titel noch einmal präsentierte, hatte sie längst nicht die ganze Aufmerksamkeit des Publikums für sich. Es wurde getuschelt, aber auch offen und hitzig diskutiert: Warum hat der 28-Jährige pfund- und stimmgewaltige Rock- und Soulsänger, der Ende 2013 die Castingshow „The Voice of Germany“ gewann, sich überhaupt diesem Wettbewerb gestellt, wenn er dann doch plötzlich und unerwartet das Handtuch wirft?

Der Franke war längst abgetaucht, ward weder auf der anschließenden Pressekonferenz noch bei der After-Show-Party gesichtet, blieb die Antwort auf diese Frage schuldig. Doch diese Antwort scheint auch vielschichtiger zu sein, und ein „Blackout“ als Erklärungsversuch ist sicher der falsche Ansatzpunkt. Fakt ist, dass Kümmert zu dem großen Medienzirkus stets ein, sagen wir es neutral, ambivalentes Verhältnis hatte. Nach seinem Sieg in der Pro7-Show mied er in der Regel das große Rampenlicht, vor allem, wenn dieses in Fernsehstudios strahlte. Und so hatte den einen oder anderen schon überrascht, als der NDR bekannt gab, dass der Franke mit dem Zottelbart bei der deutschen Vorentscheidung antreten wird.

Als Kümmert dann bei der offiziellen Pressekonferenz im Vorfeld der Show nicht erschien und auch die letzte Probe ausfallen ließ, zweifelte mancher an der 40-Grad-Fieber-Erklärung, mutmaßte vielmehr, dass er gar nicht mehr teilnehmen will. Das wurde von NDR-Seite natürlich nicht bestätigt, auch nicht, dass man ihm den Auftritt nahegelegt habe.

Und dieser Auftritt war mehr als überzeugend. 78,7 Prozent der Zuschauer votierten im entscheidenden Durchgang für seinen stimmgewaltig präsentierten Song, nur 21,3 Prozent gaben weißen Rauch für die gebürtige Londonerin Ann Sophie. Und dann das: Kümmert drückt die ESC-Taste, beschert der deutschen Vorentscheidung ein noch nie da gewesenes „Ich bin dann mal weg“ und heizt eine Debatte an, die kontroverser nicht geführt werden kann.

„Ich höre mir nie wieder seine Musik an“ oder „Ich bin maßlos enttäuscht“, liest man auf der einen Seite. „Lasst den Mann doch“ oder „Endlich zeigt es den Fernsehmachern mal einer“, sind Äußerungen derer, die Verständnis für den Schritt zeigen. Beim Kurznachrichtendienst Twitter macht sogar das Schlagwort #kuemmertgate die Runde.

Für den ESC-Experten Jan Feddersen muss Deutschland durch diesen kleinen Eklat aber seine Chancen beim Finale im Mai nicht geschmälert haben. „Ann Sophie wird mit prima Erfolgsaussichten nach Wien fahren“, rückt der Buchautor die Sängerin in den Mittelpunkt, die zunächst keine Siegerin war, auf der aber jetzt die deutschen Hoffnungen ruhen.

Markus Kratzer