Archivierter Artikel vom 15.05.2013, 15:34 Uhr

Frank Turner im Interview: Die Angst davor, ein Außerirdischer zu sein

Frank Turner sitzt an einem Tisch im Tourbus. Er kommt gerade vom Briefmarkenkaufen und sieht etwas übernächtigt aus. Vielleicht hat er gefeiert, dass sein neues Album „Tape deck heart“ in den britischen Charts auf Platz zwei eingestiegen ist.

Frank Turner
Frank Turner
Foto: DPA

Frank Turner sitzt an einem Tisch im Tourbus. Er kommt gerade vom Briefmarkenkaufen und sieht etwas übernächtigt aus. Vielleicht hat er gefeiert, dass sein neues Album „Tape deck heart“ in den britischen Charts auf Platz zwei eingestiegen ist.

Von unserem Redakteur Volker Schmidt

Vielleicht liegt es aber auch am Leben auf Tour. An diesem Abend spielt er in der Kölner Kulturkirche sein 1385. Konzert. Seine Gäste empfängt er sehr höflich, setzt sofort ein breites Grinsen auf und beginnt zu plaudern:

„Eben ist mir etwas Verrücktes passiert. Plötzlich fuhr ein Polizist auf einem Motorrad ganz langsam an mich heran. Ich sagte ihm, dass ich keinen Ärger haben wolle und auch gar nicht gut Deutsch spreche. Da hat er gestoppt, seinen Helm ausgezogen und nur gesagt: Ich weiß, ich komme heute Abend, um deine Show zu sehen. Er hat mich auf den Arm genommen – und das ist ihm auch gelungen. Ich habe nur gedacht: Bitte, sperr mich nicht ein.“

Für das Kaufen von Briefmarken ...

Ja, ich dachte wegen der Tätowierungen oder so was ... Aber, wie auch immer. Sie hatten Fragen.

Stimmt. Erst mal: Sie haben im vergangenen Jahr in der Londoner Wembley Arena gespielt und hatten einen Auftritt bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele. Heute Abend spielen Sie vor gerade mal 500 Zuschauern. Warum machen Sie das? Sie könnten in einer weitaus größeren Halle spielen.

Wir wollten erst mal in ein paar kleinen Klubs spielen, um das neue Material so draufzubekommen, dass wir uns damit wohlfühlen. Ich weiß, die Shows waren sehr schnell ausverkauft, und wir hätten deutlich mehr Karten verkaufen können. Das bringt mich auch in Gewissenskonflikte, denn ich wünsche mir, dass jeder, der will, zu meiner Show kommen kann. Aber wir kommen ja im September wieder und spielen dann im E-Werk. Das hier heute ist ganz ungezwungen.

Ihre Texte spiegeln das ganz normale Leben wider. Glauben Sie, dass dies ein Grund Ihres Erfolges ist – dass sich die Menschen mit Ihnen identifizieren können?

Das ist vielleicht richtig. Ich versuche, mir keine Gedanken darüber zu machen, warum das, was ich mache, erfolgreich ist. Zum einen, weil es ziemlich dekadent wäre, den ganzen Tag über so etwas zu sinnieren – so zu sein, ist völlig bescheuert. Zum anderen, weil es auch darum geht, dass man etwas kaputt machen kann, indem man es auseinandernimmt. Man seziert den Frosch und tötet ihn dann. Ich will das nicht analysieren. Das müsste jemand anderes beantworten. Wie wäre es mit Ihnen?

Ja, ich glaube, dass das so ist.

Ich hoffe, dass sich Leute mit dem, was ich tue, identifizieren. Es geht viel um Einfühlungsvermögen. Das läuft ungefähr so: Du schreist deine Probleme in die Welt hinaus und hoffst, dass jemand zurückschreit. Und wenn nicht, denkst du: Mist, ich bin ein Außerirdischer. (lacht)

Je berühmter Sie werden, umso härter muss es sein, ein ganz normales Leben zu führen.

Ich glaube nicht, dass das hier ein ganz normales Leben ist. Ich bin 1998 das erste Mal auf Tour gegangen – eigentlich ohne Pause bis 2004. Irgendwann haben mir Leute gesagt, meine politische Meinung sei nichts wert, weil ich durch das viele Touren gar nicht mehr wisse, wie das normale Leben sei. Da habe ich nur gesagt: Ihr könnt mich mal. Das ist das normale Leben für mich. Was ist schon normal? Euer Leben ist nicht normal für mich, es ist fremd für mich. Welches gilt mehr und warum? Natürlich machen nicht viele Leute das, was ich mache. Aber ich denke, dass es eine Gemeinsamkeit in allen Leben gibt, die sich aber nicht daran bindet, was man tut, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wann man aufsteht oder ins Bett geht. Wie auch immer: Seit ich mehr Erfolg habe, haben sich einige Dinge geändert. Und das ist gut so. Ich mag Veränderungen. Ich bin nicht daran interessiert, mich zu wiederholen und langweilig zu werden. Manchmal kommen alte Fans oder Freunde und sagen: Hey Mann, du hast dich verändert. Dann sage ich: Ja, das versuche ich.

Darum geht es auch auf ihrem neuen Album – um Veränderung.

Ja, absolut. Es geht um Veränderungen, die man erwartet hat, und um welche, die man nicht vorhersehen konnte.

Sie haben mal gesagt, dass Musik Gefahr läuft, ihre Seele zu verlieren, wenn man sich zu viele Gedanken darum macht, wie man seine Fans zufriedenstellt. Hatten Sie das bei den Aufnahmen zum neuen Album im Kopf?

Dabei geht’s ja weniger darum, dass man den Bezug zum normalen Leben verliert, sondern, dass man nicht das Herz der Hörer berührt. Man schreibt einen Song, den 1000 Leute mitsingen. Beim nächsten Mal versucht man, es wieder so zu machen. Man denkt über die 1000 Leute nach: Was kann ich tun, damit sie wieder mitsingen? Oh, das sollte ich nicht sagen, weil sie das nicht singen können. Diese zusätzlichen Einflüsse stören beim Schreiben eines Songs. Deswegen sind die ersten Alben von Bands meistens so gut, weil man sich dann noch einfach in ein Zimmer setzt – mit einer Gitarre, einem Stift, einem Stück Papier – und es einfach passieren lässt. Und so habe ich es auch diesmal wieder versucht.

In „Good & gone“ singen Sie nicht sehr nett über Mötley Crüe. Steht diese Band symbolisch für den Musiker, der Sie nie sein wollen?

Ich fühl mich mittlerweile echt schlecht deswegen. (lacht) Die Leute glauben, ich bin im Krieg mit Mötley Crüe. Dabei interessieren die mich gar nicht. Ich bin mir sicher, die Bandmitglieder schicken ihren Eltern Weihnachtskarten. Das Aushängeschild für den Musiker, der mich anwidert, ist ohnehin Axl Rose. Was ich nicht leiden kann, sind Leute, die glauben, dass für sie die Regeln sozialer Verpflichtung nicht gelten – nur weil sie Gitarre spielen. Was ist das für eine absurde Idee? Das deprimiert mich und widert mich an. Ich habe meine Art des Lebens gefunden. Ich reise viel, bin glücklich, versuche, nett zu den Leuten zu sein, sie zu respektieren.

Einige Songs handeln davon, Freunde zu verlieren. Haben Sie Angst davor, weil Sie lange auf Tour sind?

Ja, das ist schon schwierig und der Grund dafür, warum ich diese Postkarten hier schreibe – um meine Freunde daran zu erinnern, dass ich existiere. Meine Freunde, die ich heute habe, können aber damit umgehen, dass ich immer weg bin.

Einige Ihrer Idole findet man in Ihren Texten wieder. Gab es den Moment, an dem Sie festgestellt haben, dass sich Ihre Rolle gewandelt hat – von der Person, die ein Fan ist, zu der Person, die Fans hat?

Es hat eine Weile gedauert – und ich kann nicht sagen, dass ich mich damit wohlfühle. Ja, aber ich habe realisiert, dass es Leute gibt, die das mögen, was ich mache, meine Platten kaufen, die sich Textzeilen tätowieren lassen und dem, was ich sage, viel Beachtung schenken – was albern ist. Ich verbringe dagegen viel Zeit damit, mir Interviews mit Tom Petty anzusehen. (lacht) Ich werde nie aufhören, selbst ein Musikfan zu sein.

Ihre Musik hat sich gewandelt. Resultiert das aus bewussten Entscheidungen, logischen Entwicklungen, oder ist es einfach passiert?

Die letzten beiden. Ich mache das, was sich gut anfühlt. Ich setze mich hin, spiele Gitarre und schreibe. Rückblickend ist es interessant für mich zu sehen und mich zu wundern, in welche Richtung es sich entwickelt hat – ohne bestimmten Grund. Ich will meinen Liedern folgen und sie nicht lenken.

Sie haben Ihr eigenes Bier kreiert.

Es gibt ja Musiker, die bringen ihr Parfüm heraus. Das ist nix für mich. Irgendwann habe ich eine E-Mail bekommen, in der ich gefragt wurde: Willst du dein eigenes Bier? Da habe ich mir gedacht: Ich bin ein Mann, ich bin Engländer. Yeah. Dann bin ich zu dieser unabhängigen Brauerei gefahren und habe mich mit dem Braumeister getroffen. Ich habe versucht, mich auf die unterschiedlichen Geschmacksrichtungen zu konzentrieren und nicht betrunken zu werden. Und letztlich schmeckt das Bier gut. Ein Freund von mir hat eine Bar, und er hat es auf der Karte. Und jeder hasst mich, weil ich immer, wenn ich reinkomme, mein Bier bestelle und sage: Das muss ich ja wohl nicht bezahlen, da steht mein Name drauf. (lacht) Und sie sagen immer: Du kannst mich mal, bezahl gefälligst für deine Drinks.

Ihr Album ist gerade Nummer zwei in Großbritannien ...

Ja, Nummer eins ist Michael „Fuckin’“ Bublé. Nebenbei: Das kann doch nicht sein wirklicher Name sein. (lacht ... später: wieder ernst) Ja, es ist manchmal hart, da ist schon viel Druck – besonders, wenn man noch jung, so Anfang 20, ist. Aus dem Hinterland, wo ich herkomme, haben sie das für einen Witz gehalten. Meine Mutter ist hin und weg. Aber das ist nicht, warum ich das hier mache. Es ist toll, dass so viele Leute die Platte gekauft haben, aber es wird nichts daran ändern, was ich tue.