Archivierter Artikel vom 23.01.2014, 17:12 Uhr
Mainz

Dschungelcamp: Promis haben die Show kapiert

An der RTL-Show „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ kommt man nicht vorbei. Man liebt sie, man hasst sie – man redet über sie. Wir reden auch – mit Leonard Reinecke, Juniorprofessor für Publizistik an der Mainzer Universität.

Das "Dschungelcamp" ist gesellschaftsfähig geworden. Leonard Reinecke, Juniorprofessor für Publizistik in Mainz, erklärt warum. Fotos: RTL, Christof Mattes
Das „Dschungelcamp“ ist gesellschaftsfähig geworden. Leonard Reinecke, Juniorprofessor für Publizistik in Mainz, erklärt warum. Fotos: RTL, Christof Mattes
Foto: dpa

An der RTL-Show „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ kommt man nicht vorbei. Man liebt sie, man hasst sie – man redet über sie. Wir reden auch – mit Leonard Reinecke, Juniorprofessor für Publizistik an der Mainzer Universität.

Früher wurde man schief angeschaut, wenn man das „Dschungelcamp“ geschaut hat. Inzwischen muss man sich fast rechtfertigen, wenn man es nicht sieht. Warum?

Am Anfang gab es ein Bekennerdefizit, die Show selbst war immer schon erfolgreich. Aber in den vergangenen Jahren ist die Sendung auch durch die Feuilletons gewandert, und man kann ihr ja einen ironischen Ton nicht absprechen. In dieser prominentenkritischen Dimension fühlen sich auch Intellektuelle wohl, und dadurch ist die Akzeptanz des Formates sehr gewachsen.

Ist es also Qualitätsfernsehen?

Leonard Reinecke
Leonard Reinecke

Es ist ja so, dass Unterhaltung in Deutschland keine Lobby hat, obwohl sie wichtige Funktionen hat. Unterhaltung ist gesund, positiv und trägt zu unserem Wohlbefinden bei. Insofern tut man der Unterhaltung unrecht, wenn man ihr das Prädikat Qualitätsfernsehen verweigert – auch wenn sich Formate wie das Dschungelcamp dem klassischen bildungsbürgerlichen Qualitätsempfinden entziehen.

Im Moment schimpft Deutschland ja auch mehr über Markus Lanz und „Wetten, dass ..?“.

„Wetten, dass ..?“ ist ein typisches Familienunterhaltungsformat, sehr harmlos und sehr brav. Das kann auch den Niedergang dieses Formats erklären, weil es nicht mehr dem Zeitgeist entspricht. „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ kombiniert geschickt verschiedene Unterhaltungselemente, die gesellschaftlich eigentlich nicht anerkannt sind. Das Format spielt mit Sex, mit Voyeurismus, mit Extremsituationen, starken Emotionen, Ekel, Actionelementen – das genießt alles kein hohes gesellschaftliches Ansehen. Aber wir haben als Zuschauer so die Gelegenheit zum Eskapismus, denn das, was die Promis im Dschungelcamp umtreibt, hat mit unserem Alltag und mit unseren Sorgen maximal wenig zu tun. Darin liegt der Reiz dieses Formats, es löst große Emotionen aus – im positiven wie im negativen Sinn.

Und dann kommt 2013 auf einmal die Grimme-Preis-Jury und nominiert dieses Format. Ist das Fernsehen der Zukunft?

Das ist zu hoch gegriffen, auch das Dschungelcamp wird sich irgendwann überlebt haben. Es ist ein aktuelles Phänomen, das uns jetzt gerade umtreibt und in ein paar Jahren wieder vergessen sein wird. Ich glaube nicht, dass es wirklich dauerhaft trägt, auch wenn es jetzt schon seit zehn Jahren läuft. Die Zuschauer stumpfen irgendwann ab, und es passiert jedes Jahr dasselbe. Meine Prognose ist, dass das Format mittelfristig entweder verschwinden wird oder dass die Produzenten sich neue Elemente einfallen lassen müssen, damit das Format sich nicht alt anfühlt.

Für neue Elemente sorgen diesmal die Promis selbst: Der Wendler will mal aus dem Camp raus und mal wieder rein, und Larissa verweigert eine Dschungelprüfung und trinkt stattdessen Champagner.

Ja, auch die Prominenten verstehen inzwischen die Funktion des Formats und die damit verbundenen Aufmerksamkeitsmechanismen. Auf so eine Sendung lässt sich ja niemand mehr naiv ein, die Abläufe sind allseits bekannt. Also nutzen die Promis die Show als Bühne für sich selbst, und ihre Arbeit an der eigenen Marke wird immer besser.

Ist das gut für den Zuschauer?

Im Moment leidet der Unterhaltungswert darunter nicht. Aber auf längere Sicht kann das Format dadurch seinen Reiz verlieren, wenn es nicht mehr authentisch wirkt, sondern wenn der Zuschauer spürt, dass dort Rollen präsentiert werden, die man sich vorher strategisch ausgedacht hat.

Das Gespräch führte Michael Defrancesco