Archivierter Artikel vom 23.08.2010, 16:38 Uhr

Das Beatles-Wunder begann in Hamburg

50 Jahre Beatles: In Hamburg erlebte vor fünf Jahrzehnten ein Pop-Phänomen seinen Urknall, das die Menschen bis heute fasziniert. John, Paul, George und Ringo eroberten die Welt. Hier erzählt einer die Geschichte der frühen Beatles, der den vier nähersteht als viele andere.

Eigentlich sind die Beatles eine deutsche Band. Das mag vermessen klingen angesichts einer längst ins Weltkulturerbe eingebrannten Mega-Ikone namens „Die vier Pilzköpfe aus Liverpool“. Und doch haben alle vier, vor allem John, Paul und George, immer wieder betont, dass sie erst in Hamburg zu jener mitreißenden, charismatischen Rock-’n’-Roll-Einheit geworden sind, als die das Quartett schließlich und buchstäblich „4-ever“ die Welt eroberte.

John Lennon ist noch weiter gegangen – wenn auch erst in den vom Streit vergifteten letzten Bandjahren, als er Ende der 60er, Anfang der 70er wenig Heiles am Mythos der größten Band aller Zeiten lassen wollte. Damals verstieg sich der Gründer der „Fab Four“ zu der Aussage, die beste Musik der Beatles sei ja niemals auf Platte gebannt worden. Die hätten sie damals in der wilden Zeit auf der Reeperbahn in Hamburg gemacht, als sie nächtelang durchhalten mussten und dabei halbstündige Versionen der damals angesagtesten Rock-’n’-Roll-Klassiker vom Stapel ließen, Chuck Berrys „Johnny B. Goode“ oder Little Richards „Long Tall Sally“. Damals, vor 50 Jahren, als die Band erstmals unter dem Namen „The Beatles“ auftrat. Im „Indra“ geschah dies am 17. August 1960 zuerst, in Hamburg, Germany. Für viele ist das die Geburtsstunde der Beatles.

Schon mit 16 Jahren hat mich, lange bevor ich mit Lucy In The Sky eine der ersten Beatles-Coverbands der Republik gründete, diese Hamburger Phase der vier fasziniert. Wild und mehr als ungeschliffen muss ihr Sound damals aus den Kellern und von den Bühnen, aus dem „Indra“, dem „Kaiserkeller“, dem „Top Ten“ und dem „Star Club“ gescheppert haben, oft mit verstimmten Gitarren und rau geschrieenen Kehlen, rebellisch, vom Rock ’n’ Roll besessen, fast mehr Punk als Beat. „Die Zeit der Dorfmusik ist vorbei!“, prophezeit in diesen Tagen das berühmte Plakat des „Star Club“. Wohl wahr: Mit Dorfmusik hatte ihre Musik wenig zu tun.

Dennoch: Obwohl sie zuvor in Liverpool in den unterschiedlichsten Läden gespielt hatten, gab es diesen eigenen Sound, den typischen Beatles-Sound, noch nicht. Unter anderem auch deshalb, weil sie da noch zu fünft waren: Den Bass spielte John Lennons Studienfreund von der Kunstakademie, Stuart Sutcliffe. Der beherrschte sein Instrument so schlecht, dass es nicht nur deswegen Stress mit dem anspruchsvollen McCartney gab (der neben John und George die dritte Gitarre spielte), sondern auch weil sich Stu hinter einer Sonnenbrille versteckte und die meiste Zeit mit dem Rücken zum Publikum spielte.

Pete Best und seine humorlose Coolness passten nicht dazu

Am Schlagzeug saß in Hamburg Pete Best, der zwar den Beat draufhatte, aber in seiner fast humorlosen Coolness letztlich nicht zu jener frech-fröhlichen, stets respektlosen wie selbstironischen Truppe passen wollte, die später mit Ringo Starr auch mental so perfekt – und fruchtbar – harmonierte. Diese Harmonie war wiederum Voraussetzung dafür, dass die vier später, in den Zeiten der Beatlemania, als eine unverbrüchliche, von Respekt und Freundschaft geprägte Einheit mitten „im Auge des Orkans“ (wie George Harrison sagte) aus hysterisch schreienden Fans durchhielten statt durchzudrehen, sich treu blieben und – das eigentliche Wunder – trotz des kaum ertragbaren Drucks von außen fortschritten in einem künstlerischen Prozess, der von Album zu Album immer neue Höhen des Pop-Himalaja eroberte. Höhen, auf denen bis dato kein Popmusiker war.

Die Metapher ist durchaus nicht überzogen: Das letzte Album der Beatles, „Abbey Road“, der Schwanengesang von vier erwachsen gewordenen Musikern, die nun eigene Wege jenseits ihrer „Jugendgang“ beschreiten wollten – es sollte eigentlich „Everest“ heißen. Da wollten sie zunächst auch hinfliegen, zum höchsten Berg des Globus, um Fotos fürs Plattencover zu machen. Doch der Elan der vier reichte nicht mehr für solche Gipfelstürme, und Lennon, in seiner unnachahmlich schlagenden Art, schlug die buchstäblich nächstliegende Alternative vor: „Lasst uns einfach vors Studio gehen und da die Fotos machen.“ So gingen sie aus der Tür des Londoner EMI-Gebäudes und draußen über den Zebrastreifen. Der Rest ist Geschichte.

Doch zurück zum Anfang, vom Everest in die Niederungen Hamburgs, ins schmuddelige Rotlichtviertel, wo es nur fünf völlig unbekannte Halbstarke waren, Harrison nicht mal 17, die hier Matrosen, Zuhälter, Prostituierte trafen.

In diesen Hamburger Tagen kamen die meisten entscheidenden Faktoren zusammen, die die Beatles zu den Beatles machen sollten: Hier lernten sie erstens Ringo Starr kennen, spielten dann und wann mit ihm, freundeten sich an. Ihr später so bezeichnender Humor fügte sich zusammen, wie wenn die letzten Teile in ein fast fertiges Puzzle gesteckt werden. Zweitens: Bassist Stu Sutcliffe verließ die Band nach einigen Monaten, weil er die Liebe seines Lebens getroffen hatte, die Fotografin Astrid Kirchherr. Und Lennon ließ drittens wieder eins seiner typischen Verdikte vom Stapel: „Einer muss den Bass spielen – und ich bin es nicht.“ „Alle schauten in diesem Moment mich an“, hat McCartney oft erzählt. Also übernahm er den Bass, wurde bekanntlich zu einem der bedeutendsten Basser des Rock. Und: Jetzt waren sie zu viert ...

Viertens blieb ihnen in Hamburg nichts anderes übrig, als besser auf ihren Instrumenten zu werden. Sie übten sich – auch zwischen den zahllosen Gigs – die Finger wund, machten sich an jedes Stück heran, das die Spelunkengäste hören wollten, von „Besame Mucho“ bis „Twist And Shout“. Sie waren eine Coverband, spielten ihre Idole nach: Ihre Lehrjahre verbrachten sie in Hamburg bei Elvis, Gene Vincent, Carl Perkins, Leiber/Stoller, Buddy Holly. Sie arbeiteten im Wortsinn: unermüdlich – mit Aufputschmitteln – an neuen Coversongs, an Satzgesängen, differenzierteren Gitarrenakkorden, dem ultimativen Beat. „Sie beherrschten damals an die 1000 Titel“, hat mir einmal Klaus Voormann erzählt, Beatles-Freund aus Hamburger Tagen, später Bassist auf John Lennons ersten Solo-LPs, guter Freund Harrisons bis zu dessen Tod 2001 und heute noch eng verbunden mit „Macca“.

Denn jene Band, die später mit den gewagtesten Harmonieverbindungen Bekanntheit erlangte; die schillerndste Satzgesänge kreierte; die Songstrukturen erfand, die man bis dahin im Pop für unmöglich gehalten hatte; die im Tonstudio Tore aufstieß und Sounds schuf, die – wie wieder Lennon erklärte, bevor sie mit der epochalen LP „Sergeant Pepper’s Lonely Heart Club Band“ begannen – „noch kein Mensch auf Erden gehört hat“ – genau diese Band war es, die in Liverpool Ende der 50er-Jahre quer durch die ganze Stadt pilgerte, um einen erfahrenen Musiker zu fragen, wie der neben E und A dritte Akkord im E-Blues-Schema heißt: H 7. Vieles, was heute für jeden Gitarrenanfänger zum kleinen Einmaleins gehört, das wussten sie noch nicht.

Fünftens lernten die Beatles in Deutschland, was „Mack Schau!“ heißt. Und das war sicher nicht die unwesentlichste Voraussetzung der dann beginnenden Weltkarriere. „Mack Schau!“ hatte ihnen Bruno Koschmieder, der Impresario des „Kaiserkeller“ immer zugerufen, wenn sie während ihrer bis zu acht Stunden langen Konzerte einzuduseln drohten.

„Mack Schau!“ Sie tobten über die Bühne, Lennon trat mit Klobrille um den Hals auf – und last but not least bekamen sie hier von ihren deutschen Freunden erstmals jene Frisuren gezeigt, aus denen später die „Pilzköpfe“ wurden. Verrückt, aber wahr: Als sie von Hamburg nach Liverpool zurückkehrten, waren sie dort plötzlich „die“ Sensation, wurden die begehrteste Band im „Cavern Club“. Und hier entdeckte sie ihr späterer Manager Brian Epstein.

1000 Coversongs – und dann schrieben sie ihre eigenen Lieder

„Mack Schau!“ – eine Schau, die „in eine ermattete Umwelt hineinexplodierte“ (schrieb die „Sunday Times“) und die diese Welt schließlich verändern sollte, musikalisch wie kulturell. 1000 Coversongs in Hamburg – erst dann begannen die Beatles, eigene zu schreiben. Mindestens vier Zutaten gehören zu ihrem Rezept: ihre Genialität (wer will es bezweifeln?). Ihr Fleiß (unfassbar, wie viele Tourneen, Konzerte, Aufnahmen sie in einem Jahr erledigten und nebenbei noch einen Klassiker nach dem anderen schrieben). Ihre Freundschaft (Ringo sagt heute noch und bekommt feuchte Augen dabei: „Wir hatten uns lieb wie Brüder.“ Es gilt also auch für den Erfolg: All You Need Is Love). Und viertens ihr eigener in Hamburg geformter Stil mit all der Covermusik, die sie ein- und ausgeatmet hatten.

Ja, ich weiß, da ist auch noch Liverpool: Hier ist 1957 Paul McCartney Lennons Band, den Quarrymen, beigetreten. Sicher ist dies einer der Geburtstage der Band. Doch der moderne Mythos, zu dem die Beatles wurden, das Mysterium hatte seinen Anfang in Hamburg. Ja, sie waren auch eine deutsche Band.

1966 gaben sie in San Francisco ihr letztes Live-Konzert, weil sie das Gekreische der Fans nicht mehr ertragen konnten. Wohl auch, weil sie Angst hatten vor dem Orkan, in dessen stiller Mitte sie hockten – vier gefangene, kaum 25-jährige Multimillionäre und Superstars. Am 10. April 1970 lösten sie sich auf, im Streit. Mit dem Tod Lennons am 8. Dezember 1980 starben die letzten Hoffnungen auf eine Reunion – und auf neue Werke des wohl fruchtbarsten Songschreiberduos der Rockgeschichte: Lennon/McCartney.

Doch ihre Wirkmacht ist ungebrochen. Eine weltumspannende Community zelebriert das „Yeah! Yeah! Yeah!“-Erbe weiter. Nicht nur die Fans daheim an Plattenspielern und CD-Regalen. Auch Hunderte von Bands rund um den Globus kopieren diese Musik heute, interpretieren sie zuweilen auch.

Dazu gehört „meine“ Band, Lucy In The Sky. Man muss uns heute eine „Tributeband“ nennen. Den Begriff gab es Mitte der 90er noch gar nicht, als ich „Lucy“ aus der Taufe hob. Wir waren damals mit die ersten dieser Gattung. Heute gerate ich ins Taumeln und Schwärmen, wenn ich mit den „Lucys“ irgendwo in der Welt Teil eines der zahllosen Beatles-Festivals bin und Beatles-Bands von allen Kontinenten, aus Japan, Brasilien, USA, England of course, Frankreich, Skandinavien und, und, und sehe. Oft denkt man beim Blick auf die Bühne: Das Original ist auferstanden. Oder fragt sich, ob man soeben in ein Wurmloch und durch die Zeit geplumpst ist, zurück ins Jahr 1964. Bei all diesen Festivals – ob in England, Schottland, Frankreich, den USA, ja selbst in Weißrussland und nördlich des Polarkreises, im russischen Murmansk – ist uns immer wieder der lebendige Beweis begegnet, dass der Ruhm, der Charme und die musikalische Einmaligkeit der Beatles so frisch sind wie ehedem. Die Fans feiern Song für Song, singen mit, freuen sich an den „Live-Kopien“ ihrer Hits ebenso wie an neuen Interpretationsversuchen.

Und die Bands? Es sind Musiker, die an ihren Instrumenten den Originalen in vielerlei Hinsicht überlegen sein mögen. Doch sie alle vereint eines: Sie verbeugen sich vor dem, was die Beatles ausmachte, was diesen Planeten und die Musik auf ihm verändert hat. Man mag es Genialität, Esprit, Schöpferkraft nennen. Ich nenne es auch Unverfrorenheit, Querdenken, neue Wege ausprobieren, aus der Reihe tanzen. Und das haben die fantastischen vier immer getan – in Hamburg, in Liverpool und in London.

Peter Seel