Archivierter Artikel vom 22.08.2010, 15:14 Uhr

Christoph Schlingensiefs Kampf ist vorbei

Alle haben das Spiel der Verdrängung und des Hinauszögerns mitgespielt: Theater engagierten Christoph Schlingensief für neue Projekte, er wurde sogar noch zur künstlerischen Gestaltung des deutschen Pavillons der Biennale in Venedig für 2011 berufen. Dabei war lange schon klar, dass der Filme- und Theatermacher den Kampf gegen den Lungenkrebs nicht würde gewinnen können. Am Samstag ist er im Alter von 49 Jahren gestorben.

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Es kommentiert Claus Ambrosius
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Von unserem Redakteur Claus Ambrosius

Alle haben das Spiel der Verdrängung und des Hinauszögerns mitgespielt: Theater engagierten Christoph Schlingensief für neue Projekte, er wurde sogar noch zur künstlerischen Gestaltung des deutschen Pavillons der Biennale in Venedig für 2011 berufen. Dabei war lange schon klar, dass der Filme- und Theatermacher den Kampf gegen den Lungenkrebs nicht würde gewinnen können. Am Samstag ist er im Alter von 49 Jahren gestorben.

Der Tod gehört zum Theater dazu, genau wie zum Leben. Und trotzdem tun sich die Menschen im Theater wie im Leben schwer damit, wenn das Unaufschiebbare auf einmal greifbar wird, ein Gesicht bekommt. Man kann es tragisch nennen oder nur folgerichtig, dass Christoph Schlingensief einem sehr großen Publikum erst 2008 bekannt wurde, als ihn seine Krebserkrankung und sein offensiver Umgang damit in die Schlagzeilen brachten.

Statt zu schweigen und sich zu fügen, verarbeitete er seine auf Tonband festgehaltenen Erlebnisse seit der Lungenkrebs-Diagnose in einem Buch – und in großartigen Inszenierungen, die er seinem geschwächten Körper noch abringen konnte. Da schwebte ein versehrter Lungenflügel vom Bühnenhimmel herab, da trat Schlingensief selbst in „Mea Culpa“ im Wiener Burgtheater auf die Bühne und sprach ins Mikrofon darüber, wie schön es doch auf Erden ist und dass er noch nicht gehen will: Theater und Leben, Theater und Sterben – aufs Untrennbarste verknüpft.

Nach vielen Jahren, in denen der 1960 in Oberhausen geborene Schlingensief nur als Provokateur vom Dienst gehandelt wurde, galt er zuletzt als einer der einflussreichsten deutschen Künstler der Gegenwart. Schon als Schüler hatte Schlingensief mit dem Medium Film experimentiert, war zwei Mal an der Aufnahmeprüfung der Filmhochschule in München gescheitert. Nach Assistenzen und weiteren Projekten in einer eigenen Filmfirma arbeitete er in den 80er-Jahren auch als Aufnahmeleiter der Fernsehserie „Lindenstraße“ – um „Verbindlichkeiten abzutragen“, also Schulden abzubauen, wie es Schlingensief auf seiner Homepage betont.

Doch schon früh werden Förderinstitutionen und Kulturkritiker auf seine Arbeiten aufmerksam, loben Schlingensief als interessanten Neutöner der Aktions- und Filmkunst. Was er anfasst, erlangt Aufmerksamkeit, seine politisch-gesellschaftkritischen Projekte erregen harschen Widerspruch und glühende Verehrung. Er wird an bedeutende Theater berufen, ist in den 90er-Jahren einer der Hausregisseure Frank Castorfs an der Berliner Volksbühne, erregt die Wiener Gemüter 2000 mit dem Containerprojekt „Ausländer raus – Bitte liebt Österreich!“, das auf lokale Befindlichkeiten ebenso abhebt wie auf Fernsehformate wie „Big Brother“. Er selbst legt mit „U3000“ das vielleicht spektakulärste TV-Projekt dieser Jahre vor: Die acht auf dem Musiksender MTV ausgestrahlten Folgen verwursten genial die Seh- und Betäubungsrituale des Unterhaltungsfernsehens. Da singen in der U-Bahn die völlig echauffierten Maria und Margot Hellwig mit Fahrtgästen zum Playback, während Schlingensief mal eben blank zieht und ein Rateteams bestehend aus Sozialhilfeempfängern befragt. 2004 hatte Schlingensiefs ganz spezielle Deutung von Richard Wagners „Parsifal“ in Bayreuth Premiere: ein zusammengetragener Kosmos aus Versatzstücken des Schlingensief-Werkkastens mit dem Opernensemble und seiner Darstellerfamilie aus Laien und behinderten Darstellern, das von Jahr zu Jahr neue Schichten, Überblendungen, Dimensionen gewann. Es durfte gestritten werden wie seit Jahrzehnten nicht mehr in Bayreuth, doch der Passion dieses Nachdenkens über Leben, Tod und Wiedergeburt hat sicher noch kein Regisseur so schmerzhaft gründlich nachgegeben.

Es bleibt viel von Schlingensief: Zahllose Filme, sein Archiv, das er vor Kurzem der Berliner Akademie der Künste übergab und das schon bald präsentiert werden soll. Seine Biografie, an der er bis zuletzt fieberhaft arbeitete. Und es bleibt ein großes Loch. Denn in der aktuellen Kunstszene ist ein derart brennender Verfechter rigoroser Ideen nicht auszumachen.