Archivierter Artikel vom 14.08.2015, 13:21 Uhr

Brandstiftung bei Künstlerpaar in Jamel: Neonazis in Verdacht

Jamel/Schwerin (dpa) – Dass sie im Dorf nicht willkommen sind, wurde den Eheleuten Birgit und Horst Lohmeyer schon vor Jahren immer wieder deutlich zu verstehen gegeben: Eine tote Ratte im Briefkasten, Schmähungen, Anzeigen, Nötigungen durch abrupt bremsende Autos auf der Dorfstraße. Doch nun ging in der Nacht zum Donnerstag auf ihrem Forsthof in Jamel (Mecklenburg-Vorpommern) die 150 Jahre alte, reetgedeckte Scheune in Flammen auf. Das rund 240 Quadratmeter große Gebäude brannte bis auf die Grundmauern nieder.

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Das Künstlerehepaar Lohmeyer vor ihrer abgebrannten Scheune.
Das Künstlerehepaar Lohmeyer vor ihrer abgebrannten Scheune.
Foto: dpa

Polizei und Staatsanwaltschaft gehen von Brandstiftung aus und vermuten einen rechtsextremistischen Hintergrund der Tat. Denn Jamel wird von einer Gruppe um einen bekannten und vorbestraften Neonazi dominiert, die sich in ihrer «nationalen Dorfgemeinschaft» nicht stören lassen will.

Als «Störenfried» wurde das aus Hamburg stammende Künstlerehepaar Lohmeyer ausgemacht, das 2004 den alten Forsthof bezog und für sich herrichtete. Schon bald darauf hätten die Anfeindungen durch die offenbar gezielt in Jamel angesiedelten Neonazis begonnen. «Doch der Brand jetzt, das ist eine völlig neue Dimension. Da geht es um Leib und Leben», sagte der Musiker Horst Lohmeyer am Morgen nach dem Brand vor den Resten der einstigen Scheune. Er ist sicher, dass der Brand gelegt wurde und eine direkte Reaktion auf die kürzliche Zuerkennnung des Georg-Leber-Preises für Zivilcourage an das Paar ist.

Dass nichts Schlimmeres passierte und die schnell herbeigerufene Feuerwehr ein Übergreifen der Flammen auf das nur etwa sechs Meter entfernte Wohnhaus verhindern konnte, ist wohl nur einem Zufall geschuldet. «Ein Gast, der mit seiner Familie in unserer Ferienwohnung Urlaub macht, war mit seinen Kindern noch spät draußen, um nach Sternschnuppen Ausschau zu halten. Er hat die Flammen bemerkt und Alarm geschlagen», berichtet Lohmeyer. Der Mann habe kurz zuvor auch einen Unbekannten bemerkt, der zügig das Grundstück verließ.

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Das Künstlerehepaar Lohmeyer vor ihrer abgebrannten Scheune.

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Dass trotz hellen Feuerscheins und lauter Sirenen dann um Mitternacht in keinem der anderen, von Rechtsextremen bewohnten Häuser ein Licht angegangen sei, wertet Birgit Lohmeyer als Indiz dafür, dass man dort von dem Feuer offenbar nicht überrascht wurde. Bei dem Brand wurde niemand verletzt. Das Gebäude war zur Brandzeit leer.

Am Donnerstag suchten Polizisten den Brandort nach Spuren ab. Ein Brandsachverständiger wurde hinzugezogen und der Staatsschutz wegen möglicher politischer Motive eingeschaltet. «Wir gehen nach bisherigen Erkenntnissen von einem rechtsextremistischen Anschlag aus. Es hat in der Vergangenheit ja schon Angriffe aus dieser Richtung gegeben. Diese Brandstiftung stellt aber eine neue Qualität dar, eine hohe Eskalationsstufe», sagt Polizeisprecher Heiko Tesch. Deshalb habe die Kripo eine Sonderermittlungsgruppe eingerichtet.

Als Reaktion auf die fortwährenden Anfeindungen hatten Birgit und Horst Lohmeyer 2007 das Festival für Toleranz und Demokratie «Jamel rockt den Förster» ins Leben gerufen. Die 9. Auflage des nichtkommerziellen Musiktreffens ist für den 28./29. August auf dem alten Forsthof geplant. Dann soll auch der mit 10 000 Euro dotierte Georg-Leber-Preis für Zivilcourage der Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt überreicht werden.

Birgit Lohmeyer ließ bereits am Donnerstag keine Zweifel aufkommen, dass das Festival trotz des mutmaßlichen Anschlags stattfinden wird. «Wir waren uns noch in der Nacht sofort einig, dass der Förster auch in diesem Jahr rocken wird. Wir lassen uns nicht einschüchtern und sagen: Jetzt erst recht», betonte die Krimi-Autorin.

Birgit und Horst Lohmeyer leben in einem idyllischen Forsthof in Mecklenburg-Vorpommern. Seit ihr Dorf zu einer Hochburg der rechten Szene geworden ist, leisten sie Widerstand.

Rena Lehmann

Hier am Ortsschild Jamel in Nordwestmecklenburg, eine gute Autostunde von Hamburg entfernt, beginnt nach der Vorstellung der Neonazis die „national befreite Zone“.

Rena Lehmann

Nazi-Kunst an einer Garage mitten in Jamel: Vater, Mutter, viele blonde Kinder. So stellt sich die „Dorfgemeinschaft“ die ideale deutsche Familie vor. In ihrem Dorf dulden sie keine Andersdenkenden. Die Lohmeyers sind in ihren Augen Nestbeschmutzer.

Rena Lehmann

Das Dorf Jamel liegt am Ende einer Sackgasse. Niemand kommt hier zufällig hin.

Rena Lehmann

Das Thing-Haus im nahe gelegenen Grevesmühlen ist Treffpunkt der rechten Szene. Die NPD hat hier ihr Bürgerbüro.

Rena Lehmann

Die Neonazi-Enklave ist umgeben von saftigen Wiesen und Kornfeldern. Im Sommer kommen viele Touristen her.

Rena Lehmann

Das Ehepaar Lohmeyer war für seinen unerschrockenen Einsatz für Demokratie und Toleranz vor wenigen Jahren auch mit dem Bürgerpreis der deutschen Zeitungen und mit dem Paul-Spiegel-Zivilcourage-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland geehrt worden.

Die frühere Präsidentin des Zentralrats, Charlotte Knobloch, reagierte entsetzt: «Sollte sich diese Tat als eine politisch motivierte Aktion von Rechtsextremisten herausstellen, so wäre das ein erneuter fürchterlicher Beweis dafür, wie brandgefährlich im wahrsten Sinn des Wortes alte und neue Nazis sind.»