Archivierter Artikel vom 09.09.2014, 12:21 Uhr
Berlin

Berlin: Pergamonmuseum wird zur Dauerbaustelle

Lange Schlangen vor dem Pergamonmuseum in Berlin: Bis zu vier Stunden warten die Menschen, um einen letzten Blick auf den weltberühmten Altar von Pergamon zu werfen. Vom 29. September an wird der mächtige Steinkoloss, eines der Hauptwerke der Antike, für mindestens fünf Jahre hinter einer „Einhausung“ verschwinden.

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Ab in drei Wochen wird der weltberühmte Pergamonaltar, eines der Hauptwerke der Antike, für fünf lange Jahre nicht mehr zu besichtigen sein.
Ab in drei Wochen wird der weltberühmte Pergamonaltar, eines der Hauptwerke der Antike, für fünf lange Jahre nicht mehr zu besichtigen sein.
Foto: dpa

Von Nada Weigelt

Grund ist die seit 2013 laufende Sanierung des Museums: Jetzt ist der Mitteltrakt dran, der den Altar beherbergt. Berlin verliert damit auf Jahre hinaus eine seiner wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Allein 2013 zählte das Pergamonmuseum auf der Museumsinsel fast 1,3 Millionen Besucher.

„Im Louvre, im Prado und in der Eremitage greifen sie sich an den Kopf“, kritisierte der Schriftsteller Gerhard Falkner („Pergamon Poems“) unlängst in einem Beitrag für den „Tagesspiegel“. „Die fünf Jahre sind länger, als eine aus dem Ruder gelaufene Menschheit brauchte, um den Ersten Weltkrieg abzuwickeln und das alte Europa zum Einsturz zu bringen.“

Sanierung ist unumgänglich

Doch die verantwortliche Stiftung Preußischer Kulturbesitz verteidigt das Langzeitprojekt. „Der Bau ist in einem so schlechten Zustand, die technische Ausrüstung so veraltet, dass die Sanierung dringend notwendig ist“, sagt Stiftungspräsident Hermann Parzinger.

Sein Haus habe schon vor einigen Jahren prüfen lassen, ob der Altarsaal während der Arbeiten offengehalten werden könne, so der Bauherr. „Aber das ist aus konservatorischen Gründen und aus Sicherheitsgründen sowohl für die Besucher wie auch für die Kunst nicht zu verantworten.“ Und so müssen denn die Besucher auf das faszinierende Erlebnis verzichten, buchstäblich in die untergegangene Metropole Pergamon zurückversetzt zu werden. In dem riesigen Saal ist die gesamte Westfront des über 35 mal 33 Meter großen Altars mit der mächtigen Freitreppe und dem umlaufenden Säulengang in voller Pracht nachgebaut.

Der deutsche Ingenieur Carl Humann hatte die Anlage auf dem Burgberg von Pergamon, heute das türkische Bergama, in den 1880er-Jahren ausgegraben. Bei der – in der Türkei später umstrittenen – Fundteilung wurden alle Fragmente der Altarfriese der deutschen Seite zugesprochen. Für die in mühseliger Puzzlearbeit restaurierten Steinbilder entstand zunächst ein kleines, bis 1930 dann das monumentale heutige Museum, das nun der Sanierung bedarf.

Das Projekt läuft im Rahmen des Masterplans für die von der Unesco als Welterbe geschützten Museumsinsel. Von der Schließung betroffen sind zunächst der nördliche und mittlere Trakt des Pergamonmuseums.

Südflügel wird ab 2025 umgebaut

Der Südflügel mit weiteren Touristenattraktionen wie dem Markttor von Milet, der Mschatta-Fassade und dem Ischtar-Tor bleibt zunächst geöffnet. Der Südflügel soll in einem zweiten Bauabschnitt bis 2025/26 ebenfalls grundlegend saniert werden. Zudem ist nach dem Konzept des inzwischen verstorbenen Architekten Oswald Mathias Ungers der Neubau eines vierten Flügels geplant.

Die Kosten trägt komplett der Bund, zunächst sind 385 Millionen Euro veranschlagt. Das ausführende Bundesamt für Raumordnung und Bauwesen hat aber bereits gewarnt, der festgelegte Kostenrahmen könne „voraussichtlich nicht eingehalten werden“.

Hinzu kommen die Einnahmeausfälle durch ausbleibende Besucher. Und auch der Zeitplan mit der Wiedereröffnung des Pergamonaltars 2020 ist nicht in Stein gemeißelt. „Bei einer Sanierung im historischen Bestand ist man auch bei guter Planung vor Überraschungen nicht gefeit“, sagt Parzinger.

Der Deutsche Museumsbund, der sich sonst nicht zu Einzelfällen äußert, wirbt gleichwohl um Verständnis für das Mammutprojekt. „Wichtige Kunstschätze bedürfen einer besonderen Pflege, um sie auch für spätere Generationen zu erhalten“, sagt Präsident Eckart Köhne. „Bei der Restaurierung der Sixtinischen Kapelle waren die Fresken von Michelangelo auch zum großen Teil jahrelang nicht sichtbar.“