Archivierter Artikel vom 09.07.2010, 16:45 Uhr

Auf Ihr Wohl, Mister Pigott! – Weinkenner im Interview

Stuart Pigott muss genial sein. Wie sonst könnte der britische Weinjournalist Bücher schreiben mit Titeln wie „Kleiner genialer Weinführer“? Der 49-Jährige gilt als einer der besten Kenner des deutschen Weins. Er hat eine klare Meinung und genug Profil, um zu polarisieren.

Auf Ihr Wohl, Mister Pigott!
Nein, Stuart Pigott ist nicht nur ein Brite mit einer Tendenz zu gewagter Herrenkleidung. Er ist auch ein glänzender Wein-Erzähler.
Foto: Werner Dupuis

Einstiegsfrage an den Briten: Wann waren Sie zuletzt im Pub?

(stockend) Im Pub? Bei meiner letzten England-Reise im vergangenen Sommer natürlich!

Wie kommt bitte schön ein Brite auf das Thema Wein?

Na ja, der Deutsche ist ein Biertrinker und Wurstesser, der Lederhosen trägt, oder? Diese Stereotypen gibt es doch überall, unseres ist eben, dass wir im Pub hocken und keine Ahnung von Sachen wie Wein und gutem Essen haben. Aber wir haben eine ganz andere Tradition, als wahrgenommen wird. England hat eine bedeutende Geschichte als Weinimportland, das machen wir schon seit dem Ende des 100-jährigen Krieges im 14. Jahrhundert, als wir unsere Weinanbauflächen in Frankreich verloren haben. Weil wir über die Jahrhunderte ständig mit diesen und jenen Krieg geführt haben, mussten wir auch ständig die Quelle wechseln. So haben wir ein großes Händlerwissen aufgebaut.

So viel also zu England. Wie kam Mister Pigott zum Wein?

Ich bin Künstler, und während meines Studiums der Malerei und Kulturgeschichte in London musste ich jobben. Viele dieser Jobs waren sehr langweilig – ein Job war aber sehr glücklich für mich. Trotz null Wissens wurde ich zum Weinkellner in einem erstklassigen Restaurant mit einer herausragenden Weinkarte ernannt. Gott sei Dank konnte ich eine Woche lang mit meinem Vorgänger arbeiten, der mir gezeigt hat, wie der Weinservice funktioniert.

Sie sagen, dass der Wein Sie entdeckt hat. Gibt es da ein konkretes Beispiel?

Die Begeisterung wuchs während dieses Jobs von Woche zu Woche. Nach und nach habe ich mich durch den ganzen Keller gekostet. Wir hatten dort manche sehr freundliche Stammgäste, die gesagt haben: „Mr. Pigott, dieses Glas ist für Sie!“ 1959er Pichon Lalande, 1961er Leoville Las Cases. Das war nicht das Schlechteste für mich.

Nun haben Sie heute doch viel weniger mit den großen Rotweinen aus dem Bordeaux zu tun als mit deutschem Riesling. Wie kam das? Erst als Sie Ende der 1980er für vier Jahre nach Bernkastel-Kues an die Mosel gezogen sind?

Nee, nee. Das war einer dieser besonderen Weine im Restaurant, ein deutscher Riesling. Es gab damals ganz viele Leute, die sich mit den Themen Bordeaux und Burgund auseinandergesetzt haben. Der Riesling war damals eine Nische – und er hat mir geschmeckt. Also habe ich begonnen, dazu journalistisch zu arbeiten.

Heute sehen Sie die Bordeaux-Spezialisten auch ziemlich kritisch.

Ich habe das Problem festgestellt, dass viele Weine auf den Chateaus aus dem Fass probiert und auf dieser Basis bewertet werden. Der Wein schmeckt aber nach der Abfüllung in die Flasche ganz anders. Diesen Leuten ist einfach nicht zu trauen, und trotzdem bestimmen ihre Bewertungen den Markt. Ich beschäftige mich deshalb nur mit abgefüllten Weinen.

Das klingt fast schon nach einer grundsätzlichen Lebenseinstellung. Sie haben geschrieben, dass Sie in Ihrer Jugend zu feige waren, um Punk zu werden. Holen Sie das Aufsässige heute etwas nach?

Es geht bei meinen Büchern und meiner Meinung nicht um Provokation. Ich bin nicht glücklich, weil ich provoziere. Provokation muss einen Sinn haben, sie muss zweckmäßig sein. Die meisten Provokationen ergeben sich bei mir aus dem Inhalt. Die Welt des Weins gibt da einige Themen her, die provozieren können.

Die Weinwelt ist also gar nicht so nett und weinselig?

Sie ist ein Teil der normalen Welt. Sie hat genauso ihre menschlichen Schwächen diverser Art. Es ist wie überall: Umso mehr Geld auf dem Spiel steht, desto heftiger wird’s.

Also ist das Bordeaux moralisch betrachtet eine fragwürdige Region?

Im Bordeaux habe ich mal exemplarisch nachgewiesen, wie die Gewinnspanne bei einem berühmten Chateau ist. Das war beim 2005er Haut Brion. Ich habe bewiesen, dass es mindestens 200 Euro Gewinn für den Erzeuger waren – allein für den Erzeuger 200 Euro pro Flasche! Und da kam die Gewinnspanne für den Negociant, den Zwischenhändler, noch hinzu: noch mal mindestens 200 Euro pro Flasche. Und dann obendrauf noch die Gewinnspanne für den Endverkäufer. Eine Flasche 2005er Haut Brion kostet ja meistens über 600 Euro. Die Erzeugungskosten inklusive aller Nebenkosten wie Verpackung und Marketing lagen aber bei etwa 18 Euro pro Flasche. Das ist nur ein Rechenbeispiel aus dem Bordeaux – und damit habe ich ein Problem.

Ist der deutsche Markt diesbezüglich ehrlicher?

Ja, in puncto Vermarktung ist es hier um eine ganze Dimension zahmer. Unter den meisten führenden Erzeugern gibt es eine ganz klare moralische Vorstellung. Aber es gibt auch hier einen trockenen 100-Euro-Riesling. Mir persönlich ist das zu teuer. Wenn ihn jemand anderes bestellt, trinke ich natürlich sehr gern mit. Er schmeckt ja auch sehr gut, dieser G-Max vom Weingut Keller aus Rheinhessen.

Wo liegt denn Ihr ganz persönliches Preislimit?

(überlegt lange und wedelt dabei lächelnd mit seinem bunten Stoffportemonnaie) Oh, das ist eine Frage, wie viel in diesem Ding hier drin ist. Wenn ich nicht viel Geld habe, sackt die Grenze schlagartig ab. Aber sie kann auch nach oben schnellen.

Also, raus jetzt, wo liegt die Grenze des Weinkenners Pigott?

60, 70 Euro für eine Flasche Wein zu bezahlen, das ist schon die Schwelle, bei der ich mir stark überlegen muss, ob es wirklich sinnvoll ist. Bei einer einzigen Flasche kann mich die Neugier schon mal ausnahmsweise über diese Grenze treiben.

Wie viele Flaschen Wein kaufen Sie denn pro Jahr ein?

Im vergangenen Jahr hatten wir zu Hause einen absoluten Einkaufsstopp. Durch die Medienkrise habe ich einige Aufträge verloren, es gab eine große Steuerprüfung, und meine Frau und ich hatten die Befürchtung, dass uns eine riesige Rechnung vorgelegt würde. Aus diesen Gründen haben wir ganz klar gesagt: Wir kaufen keine CDs, keine Bücher, keinen Wein. Und neue Kleidung habe ich auch nicht gekauft.

Sie gelten als einer der wichtigsten Weinjournalisten, seit wann sind Sie damit wirtschaftlich richtig erfolgreich?

(lacht laut auf) Im vergangenen Jahr habe ich befürchtet, bankrott zu machen. Gute Zeiten, schlechte Zeiten – wer weiß denn schon, was kommt? Ich mache meine Sachen sehr konsequent und investiere alles wieder, was ich einnehme.

In den privaten Weinkeller?

Nein, der ist sowieso schon zu voll. Es geht mir um die Recherche, ich bin neugierig, ich will einfach alles wissen. Und wenn bei diesen Projekten die Kosten explodieren, dann explodieren sie halt. Nur diese Bedingungslosigkeit garantiert mir, dass die Projekte auch erfolgreich werden. Wenn das Thema gut ist, lasse ich mich von meiner Neugier treiben.

Das heißt bei Ihnen dann auch, sehr günstige Weine positiv zu beschreiben und nicht nur renommierte Standards?

Ich sehe Wein demokratisch. Jeder hat mit seinem Geschmack recht. Feuilletonisten schießen dann gern auf mich, weil sie glauben, dass ich das nicht ernst meinen würde. Ein Chateau Lafite sei doch viel besser als alles andere und gehöre zu einer anderen Welt als der günstige Wein aus dem Discounter. Das ist Bullshit. Wir leben alle in einer Welt. Grenzen, Mauern und Distanz werden nur dazu aufgebaut, um manche Leute bedeutender darzustellen als andere. Den Kollegen, die sich in dieser Blase befinden, wünsche ich viel Glück dabei.

Noch etwas anderes aus der Welt der Politik. Was halten Sie als früherer Wahl-Moselaner eigentlich vom Hochmosel-Übergang und der geplanten Mittelrheinbrücke?

Ich sehe vor allem den Hochmosel-Übergang hochkritisch. Nicht nur wegen der Landschaftsverschandelung und der Auswirkungen auf die Weinlandschaft. Die Form dieser Brücke erinnert ganz extrem an die bombastischen Betonbrücken der 1960er-Jahre. Es scheint, dass manche Menschen in der Verwaltung und Politik nichts gelernt haben, das hat mit Ökologie nichts zu tun. Wenn Herr Beck über die bessere Anbindung zum Flughafen Hahn durch den Übergang spricht, dann ist das doch Quatsch. Er will ein Monstrum bauen, um einen maroden Flughafen zu retten. Das soll der Kurt-Beck-Flughafen werden, wie bei JFK in New York. Die geplante Mittelrhein-Brücke ist wenigstens architektonisch graziler.

Volker Boch