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    Pecht-Serie zum Welterbe: Die Chancen unserer Kandidaten

    Vier Welterbestätten gibt es in Rheinland-Pfalz. 1981 erhielt der Dom zu Speyer den begehrten Unesco-Status, es folgten 1986 die römischen Monumente nebst Dom und Liebfrauenkirche in Trier sowie 2002 das Obere Mittelrheintal. Zuletzt kam 2005 der obergermanisch-raetische Limes hinzu. In einer kleinen Serie stellen wir die drei Projekte vor.

    Spektakulärer Prototyp des Industriebaus: Die Sayner Hütte in Bendorf gehört zur Vorschlagsliste des Landes für das Unesco-Welterbe.
    Spektakulärer Prototyp des Industriebaus: Die Sayner Hütte in Bendorf gehört zur Vorschlagsliste des Landes für das Unesco-Welterbe.
    Foto: Stefan Sämmer

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    Rheinland-Pfalz. Vier Welterbestätten gibt es in Rheinland-Pfalz. 1981 erhielt der Dom zu Speyer den begehrten Unesco-Status, es folgten 1986 die römischen Monumente nebst Dom und Liebfrauenkirche in Trier sowie 2002 das Obere Mittelrheintal. Zuletzt kam 2005 der obergermanisch-raetische Limes hinzu. Im Sommer 2012 ist die Landesregierung ins offizielle Verfahren zur Anerkennung weiterer rheinland-pfälzischer Denkmäler als Welterbestätten eingetreten. Es sind Anträge auf den Weg gebracht für die Dome Mainz und Worms, für die jüdischen „SchUM“-Städte Speyer, Worms und Mainz sowie für das Industriedenkmal Sayner Hütte in Bendorf.

    Das Verfahren ist langwierig. Zuerst musste man sich innerhalb von Rheinland-Pfalz einigen. Nun gilt es, die deutsche Kultusministerkonferenz (KMK) zu überzeugen, einen, zwei oder alle drei der Mainzer Wünsche in die nationale Vorschlagsliste (Tentativliste) aufzunehmen, auf deren Basis nachher die Anträge bei der Weltorganisation gestellt werden. Der KMK liegen 30 Vorschläge aus 14 Bundesländern vor. Die werden 2013 von einer Expertenkommission geprüft, bevor 2014 die Kultusminister über eine Auswahl für die deutsche Tentativliste befinden. Frühestens 2016 kann dann der erste Antrag bei der Unesco gestellt werden, 2017 entschieden sein.

    Eigentlich ist Europa beim Thema Welterbe gar nicht dran

    Ob und wenn ja welche der rheinland-pfälzischen Vorschläge überhaupt bis zur Unesco vordringen, ist demnach völlig offen. Ob und wann die Unesco über einen entscheidet, ebenfalls. Das kann 2017 sein oder erst 2022 oder eben gar nicht. Die Konkurrenz ist groß, und „Europa zurzeit eigentlich nicht dran“, wie Beobachter mit Blick auf das Übergewicht europäischer Denkmäler in der Welterbeliste meinen.

    In Mainz glaubt man jedoch, nicht nur die deutschen Kultusminister, sondern nachher auch die Unesco-Delegierten aus aller Welt von der Bedeutung der vorgeschlagenen Denkmäler für das Menschheitserbe überzeugen zu können. Man wird sehen, ob die Entscheider aus anderen Ländern, gar von anderen Kontinenten zu gewinnen sind. Denn was man am Rhein womöglich aus Regionalstolz für weltbedeutend hält, wird aus afrikanischem oder australischem Blickwinkel vielleicht ganz anders gewichtet. Und der Wunsch nach Tourismusförderung durch einen Welterbetitel war zu Recht sowieso nie Auswahlkriterium der Weltorganisation.

    Im Fall der Dome Worms und Mainz zielt der Antrag darauf, den Welterbestatus des Speyerer Doms auf die beiden anderen Sakralbauten auszudehnen. Dabei geht es nicht um zahlenmäßige Erweiterung, vielmehr um das Verständnis der drei Dome als quasi zusammengehöriges Ensemble: als Trias fast zeitgleich in nur je 50 Kilometer Entfernung voneinander entstandener Monumentalkirchen. Schon zur Bauzeit hatte der auch machtpolitisch begründete Wettbewerb zwischen den drei Domen architektonische und künstlerische Innovationen motiviert, die in summa als stilbildend für die romanische Baukunst gelten.

    Ein besonderes Erbe verbindet sich mit dem Begriff „SchUM“-Städte. SchUM resultiert aus den Anfangsbuchstaben der hebräischen Worte für Speyer, Worms, Mainz. Bezeichnet werden damit die ebendort im Mittelalter größten und geistig-religiös bedeutsamsten Gemeinden des europäischen Judentums. Geblieben sind davon nach Verfolgung und Zerstörung zwar keine monumentalen Bauten, aber in ihrer kulturhistorischen Zeugenschaft doch vielsagende Relikte jüdischen Lebens als immanentem Teil der hiesigen Zivilisation: Synagogen oder deren Überreste, Ritualbäder, in Worms der älteste erhaltene Judenfriedhof Europas, im Mainzer Landesmuseum der älteste jüdische Grabstein des Kontinents und manch anderes.

    Die Sayner Hütte könnte aussichtsreicher sein als die Dome

    Schließlich der Antrag, die Sayner Hütte in die Welterbeliste aufzunehmen. Eigentlich sind jedem Bundesland nur zwei Vorschläge gestattet. Ausnahmen kann es aber geben, wenn ein Vorschlag zu einer Kategorie gehört, die bisher auf der Welterbeliste unterrepräsentiert ist. Und eben das gilt besonders für Industriedenkmäler. Weshalb Rheinland-Pfalz das historische Industrieensemble am Ausgang des Saynbachtals nachträglich als Zusatzantrag einbrachte. Gar nicht abwegig sind nun Spekulationen, dass angesichts der Seltenheit industrieller Welterbestätten die Chancen der kleinen Hütte besser sein könnten als die der gewaltigen Dome.

     Zumal der Sayner Gebäudekomplex Zeugnis für einschneidende Weichenstellungen im Zuge der industriellen Revolution ist. Unter preußischer Ägide wurde die vormalige kurfürstliche Hütte 1830 mit der damals modernsten Gießhalle Europas ausgerüstet: einem dreischiffigen Baukörper, montiert aus vorgefertigten Eisengussteilen. Heute ein alter Hut, war diese Bauweise seinerzeit völlig neu – mithin die Sayner Hütte der Prototyp für den bald allüberall gebräuchlichen Industriebau des 19. Jahrhunderts.

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