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    KoblenzZweimal Musiktheater: Zwischen Realität und Fiktion

    Opern mit einem uns zeitlich so nahen Uraufführungsjahr wie 1987 finden sich relativ selten in Spielplänen der Theater – und 2014 geht geradezu als brandneu durch. Am Koblenzer Theater besteht jetzt die Möglichkeit, Werke aus beiden Jahren in unmittelbarer zeitlicher und ästhetischer Nachbarschaft zu erleben – und das ist nicht etwa Zufall, sondern Konzept.

    Der Niedergang des „House of Usher“ trifft jetzt indirekt auf „Glare“, eine Geschichte von Menschen und Robotern.  Fotos: Matthias Baus
    Der Niedergang des „House of Usher“ trifft jetzt indirekt auf „Glare“, eine Geschichte von Menschen und Robotern. Fotos: Matthias Baus
    Foto: Frei/Matthias Ba

    Von unserem Kulturchef Claus Ambrosius

    Den Anfang macht am Freitag „The Fall of the House of Usher“ des Komponisten Philip Glass, am Samstag gelangt die Oper „Glare“ des Komponisten Søren Nils Eichberg zu ihrer deutschen Erstaufführung: „Es geht in beiden Stücken um große Sehnsüchte und große Ängste – die Vorgabe für uns lautete von Anfang an, diese beiden Abende verbunden zu bauen, aber doch so, dass beide Stücke auch für sich allein gesehen verstanden werden können. Das ist uns hoffentlich gelungen!“, sagt Regisseurin Waltraud Lehner im Vorgespräch. Sie und ihr Team haben am Theater Koblenz Inszenierungen von Schostakowitschs „Nase“ und Saint-Saëns „Samson et Dalila“ realisiert – bildstarke, eindrucksvolle Abende, auf die sie heute noch in der Stadt angesprochen werden.

    Wie aber darf man sich zwei miteinander verbundene Abende vorstellen? Gibt es die große Klammer, die für die beiden so unterschiedlichen Handlungen und Musiken eine gemeinsame Richtung und Interpretation vorgibt? Da winkt Lehner ab: „Ich mache seit mehr als 20 Jahren Musiktheater, habe sicher Tausende Vorstellungen betreut, und in den Pausen höre ich immer genau hin, was die Zuschauer damit anfangen. Je länger ich das mache, desto mehr habe ich den Eindruck: Wenn wir etwas machen, sollten wir versuchen, Räume zu öffnen und Assoziationen Raum zu geben, als direkte Antworten zu geben.“

    Mögliche Verbindungen finden sich dann von ganz allein: „Beide Stücke handeln von der Selbstermächtigung des Menschen. In ,Fall of the House of Usher' nimmt man ein Leben, jemand wird lebendig begraben, in ,Glare' spendet man scheinbar Leben, indem ein Android erschaffen wird“, erläutert die Regisseurin. „Bei diesen neuen Stücken werden Themen verhandelt, die Menschen heute beschäftigen: Was ist real, was Fiktion? Warum erscheinen Menschen, die anders sind, oft weniger wert? Diese Fragen wollen wir stellen, dieses Feld wollen wir öffnen.“

    Das Bühnenbild wird an beiden Abenden auf einer Hauskonstruktion fußen, die aber unterschiedlich genutzt wird, die Kostüme werden die unterschiedlichen Epochen der Vergangenheit und der Gegenwart deutlich abgrenzen. Und deutlich unterschiedlich sind ja auf jeden Fall auch die beiden Kompositionen: Mit einem Ausschnitt der beinahe hypnotisch wirkenden Minimal Music von Philip Glass bei der Kostprobe zum Spielzeitbeginn wurden viele Besucher neugierig auf die Oper, die am Freitag Premiere feiert. Eine Musik, so der musikalische Leiter Leslie Suganandarajah, die in der Probenphase sehr anstrengend ist – beim Durchspielen, bei den Vorstellungen aber eine große Sogwirkung nicht nur auf die Zuhörer, sondern auch auf die Musiker ausüben kann: „Man muss aufpassen, dass man sich nicht wegtreiben und regelrecht in Trance versetzen lässt!“

    Ein gänzlich anderes Klangbild erwartet die Besucher dann am Samstag in „Glare“: „Dieses Stück war ja für uns alle Neuland“, erinnert sich der musikalische Leiter der Produktion, Karsten Huschke, an den Probenstart. Und lobt die Komposition sogleich: „Das ist hochpoetisch, eine echte Opernmusik, eine traditionell verwurzelte Theatermusik, die aber auch in der Klangwelt der heutigen Zeit verankert ist.“ Das Spannungsfeld in „Glare“ entsteht für Huschke durch den Kontrast aus „über weite Strecken durchaus tonaler Musik“ und atonaler Musik; „dazu kommt der kompositorische Effekt, den man früher Liveelektronik nannte und mit viel Aufwand in Tonstudios herstellte.“ Für „Glare“ hat der Komponist selbst die Klänge per Computer beigesteuert, die sich mit dem Orchesterklang zusammenfinden: „Das ist eine permanente Irritation, die auch sehr poetisch ist“, rühmt Karsten Huschke das vor gerade einmal knapp drei Jahren in London uraufgeführte Werk, dass in Koblenz seine deutsche Erstaufführung erleben wird.

    Zwei ganz unterschiedliche Zugehensweisen unserer Zeit zum Thema Musiktheater, beide Male mit Musik, die keine Überforderung darstellen muss, verbunden durch ein Produktionsteam, das für die Besucher beider Abende einen Mehrwert verspricht: Es klingt nach einem nicht nur aufwendigen, sondern auch ziemlich einmaligen und dazu noch spannenden Projekt, das in Kürze auf die Koblenzer Bühne Inhalt:

    „The Fall of the House of Usher“: Oper von Philip Glass¶
    Inhalt:
    Roderick Usher bittet seinen Jugendfreund William um einen Besuch auf seinem Anwesen. Es liegt in einer gespenstischen Umgebung an einem düsteren See und ist von einer Aura aus familiären Altlasten eines degenerierten Adelsgeschlechts umgeben. William trifft auf den jüngsten Nachfahren der Familie, der offenbar an einer Geisteskrankheit und stark überreizten Nerven leidet. Im Haus wohnt auch Rodericks Schwester, Lady Madeline, die ebenfalls in ärztlicher Behandlung ist. Von Albträumen heimgesucht, wird William Zeuge von unheimlichen Vorgängen zwischen Realität und Wahnvorstellungen, die im mysteriösen Tod Madelines gipfeln. Roderick und William begraben sie im unterirdischen Gewölbe des Hauses. Noch bevor William sich und seinen Freund aus dem Grauen befreien kann, erscheint ihnen abermals die blutüberströmte Madeline.

    Leitungsteam:
    Leslie Suganandarajah (musikalische Leitung),
    Waltraud Lehner (Regie), Ulrich Frommhold (Bühne), Katherina Kopp (Kostüme), Georg Lendorff (Video), Christian Mayer (Dramaturgie)

    Mit:
    Elly Tyran/Irina Marinas, Juraj Hollý
    Nico Wouterse, Junho Lee, Jongmin Lim
    Statisterie
    Staatsorchester Rheinische Philharmonie
    Premiere: Freitag, 10. März, 19.30 Uhr, Großes Haus. Karten unter Tel. 0261/129 28 40

    „Glare“: Kammeroper von Søren Nils Eichberg, Deutsche EA
    Inhalt: Auf den ersten Blick scheinen Lea und Alex ein perfektes Paar zu sein. Die Beziehung bekommt allerdings einen Riss, als Alex feststellt, dass Lea seine alltäglichen Abläufe und Handlungen mechanisch reproduziert und immer nach den gleichen Mustern nachahmt. Michael, Alex' bester Freund, offenbart ihm, der Schöpfer von Lea zu sein, einem „Learning Exposed Android”. Trotz der idealisierten und vollkommenen Nachbildung einer Frau gerät Alex in einen Gewissenskonflikt. Kann man eine Frau lieben, die einen Mikrochip als Herz trägt? Was macht Lea, wenn sie allein ist? Schaltet sie sich ab, oder geht sie menschlichen Tätigkeiten nach?
    Leitungsteam:
    Karsten Huschke (musikalische Leitung),
    Waltraud Lehner (Regie), Ulrich Frommhold (Bühne), Katherina Kopp (Kostüme), Georg Lendorff (Video), Anna Drechsel (Dramaturgie)

    Mit: Hana Lee, Martin Shalita, Haruna Yamazaki, Christoph Plessers, Statisterie
    Staatsorchester Rheinische Philharmonie
    Premiere: Samstag, 11. März, 19.30 Uhr, Karten unter Telefon 0261/129 28 40

     

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