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    Mainz

    Uraufführung: Tanz die Reformation – für Gläubige und Nichtgläubige

    Die Tanzkompagnie des Staatstheaters Mainz hat für ihre aktuelle Premiere eine besondere Örtlichkeit in der Landeshauptstadt ausgesucht. Mit zehn Akteuren bringt sie ein „Shift” (Wechsel, Umschaltung) betiteltes Werk in der Christuskirche zur Uraufführung.

    Die Christuskirche in ungewohnter Funktion: als Spielstätte für zeitgenössischen Tanz (hier mit Mattia de Salve)  Foto: Andreas Etter
    Die Christuskirche in ungewohnter Funktion: als Spielstätte für zeitgenössischen Tanz (hier mit Mattia de Salve)
    Foto: Andreas Etter

    Von unserem Autor Andreas Pecht

    Das Tanztheaterstück hat der Portugiese Rui Horta eigens für den Altarraum unter dem Kuppelturm dieses evangelischen Gotteshauses choreografiert. Die Produktion ist Teil der gemeinsamen Veranstaltungsreihe „Im Anfang war das Wort” von Staatstheater und Evangelischem Dekanat Mainz anlässlich des Jubiläums „Luther 2017 – 500 Jahre Reformation”.

    Alles ist eine Baustelle

    Am Anfang des einstündigen Abends steht allerdings nicht das Wort, sondern das Ausrollen einer Plastikplane. Das passt zu einem Bühnenraum, in dem Gerüstelemente herumstehen und ein Haufen Pflastersteine liegt. Wir sehen eine Baustelle. Sie ist womöglich Metapher auf die Unfertigkeit, die stete Wandelbarkeit des Menschen und seiner Lebenswelt. Und/oder sie ist Symbol für seinen Drang, sich ständig neue äußere Monumente seiner vermeintlich irdischen Allmacht und Großartigkeit zu schaffen.

    Solchen Schluss legt ein kleiner Text nahe, der später von Tänzerin Gili Govermann mehrfach vorgetragen wird und einen Bogen schlägt von Großbauten weltweit zur Mainzer Christuskirche. Architektonisch groß und prächtig im Stile des italienischen Hochbarock erbaut, hatten die Protestanten anno 1903 im katholischen Mainz damit ein mächtiges Außenzeichen ihres Glaubens gegen den Dom setzen wollen. Heute steht die Kirche fast verloren inmitten einer urbanen Hauptverkehrsader, nachdem Menschenwahn sie im Krieg zerstört und Menschenhand sie nachher als Ort der geistigen Einkehr wieder aufgebaut hatte.

    „Shift” lässt Spielraum für viele Interpretationen. Für wen steht Tänzer Thomas Van Praet, der zu Beginn einsam in ruckartig verkrümmtem, hektischem, jedes Ebenmaß brechendem Tanzen mit sich selbst ringt? Der von einer gewalttätigen Horde niedergewalzt wird, in der zugleich jeder jeden bekriegt und aufzufressen versucht. Wer ist dieser Mann, den später eine orientierungslose Gemeinde erwartungsvoll umringt, der dann schweigend den Steinhaufen abträgt und so den gemeinsamen Abbau der Gerüste initiiert? Jesus, Augustinus, Martin Luther? Oder einfach nur ein ewiger Gott- oder Halt- und Sinnsucher schlechthin – der sich zwischendurch der Versuchungen und Überwältigungsbemühungen eines Teufels aus Bauplane erwehren muss?

    Es gibt eine hintergründige Ordnung in Hortas Choreografie: Bis zu Govermanns ebenso erschütterndem wie erhellendem Satz „Ich bin stark, aber bitte geh' nicht weg” strahlt das Ensemble im Kollektiv wuchtige Aggressivität, wilde Entschlossenheit, blindwütige Tatkraft aus, während die Tänzer in solistischen Passagen vor Verzweiflung vibrieren. Dann der kathartische Zusammenbruch aller in Schwäche, im Weinen. Aus dem gehen der Gerüstabbau hervor sowie eine völlig veränderte tänzerische Ausdrucksweise: Einander tragen, heben, helfen, stützen, fangen verdichtet sich zum vielgestaltigen, aber geschmeidig harmonischen Bewegungsfluss.

    Stück stellt eine sehr gute Frage

    „Shift” gehört tanzkünstlerisch wohl nicht zu den herausragenden Produktionen von tanzmainz. Doch für Ort und Anlass passt diese Choreografie mit ihren Bezügen, Anrührungen, Denkanstößen ausgezeichnet. Und die Frage, ob das eigentlich Menschliche unter dem Streben nach äußerlicher Größe aus Stein, Stahl, Geld nicht verschüttet wird, ist eine sehr gute – für jedweden Gläubigen wie auch Nichtgläubigen.

    Termine und Tickets unter Tel. 06131/285 12 22

     

     

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