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Koblenz

Neue mobile Produktion des Theaters: Frage des Mitspielens muss geklärt sein

Tänzerische Intervention: Mit der neuesten mobilen Produktion der Theaterpädagogik des Koblenzer Theaters gastieren Balletttänzer in der Schule. Im Max-von-Laue-Gymnasium sorgte das Stück jetzt für Irritationen.

„Über Tische und Bänke“ bringt Tanz ins Klassenzimmer, wie hier in einer Probensituation des Stücks zu sehen.
„Über Tische und Bänke“ bringt Tanz ins Klassenzimmer, wie hier in einer Probensituation des Stücks zu sehen.
Foto: Theater Koblenz

Von unserer Redakteurin Melanie Schröder

Raus aus dem Theater, rein ins Klassenzimmer lautet die Devise, mit der die Theaterpädagogik des Koblenzer Theaters mit mobilen Produktionen in den Schulen des Landes gastiert. Das Prinzip: Theater in der Schule erlebbar zu machen und so eine ganz direkte Begegnung zwischen Bühnenakteuren und Schülern zu ermöglichen. Die neueste Produktion widmet sich nun erstmals dem Ballett und sorgte am Dienstag am Max-von-Laue-Gymnasium für Irritation.

Tanztheaterpädagogin Cornelia Bühne hat die Choreografie „Über Tische und Bänke“ für drei Tänzer erarbeitet, die sich mit dem Motiv des Fremdseins auseinandersetzt. Dabei treffen gesetzte Szenen auf improvisierte Tanzpassagen, die die Tänzer zugeschnitten auf den jeweiligen Raum jedes Mal neu kreieren. Und auch die Schüler können das Stück mitgestalten, wie aus der Ankündigung hervorgeht: „Sie können im Moment der Begegnung mit den Tänzern interaktiv Einfluss auf das Geschehen nehmen: Wie reagiere ich? Mit Ablehnung, Wut, Angst, Verständnis, Offenheit, Annahme, Unterstützung, Freude.“ Diese Aufforderung haben einige Zwölftklässler am Dienstag wörtlich genommen. Zu wörtlich, wie Bühne am Ende erklärt.

Körperliche Offensive

Unter einer Art Burka verborgen, betreten Lisa Gottwik, Tim Leonard und Nathaniel Yelton eng aneinandergedrückt den Raum. Sie winden sich, versuchen, sich aus dem Stoff zu befreien. Als dies nach langem ergebnislosen Kämpfen letztlich doch gelingt, zerschlägt sich das Kollektiv. Vereinzelt loten die Tänzer nun die Grenzen des Raumes aus, springen von Tisch zu Tisch, klettern auf Fensterbänke, verschwinden in einem kaum sichtbaren Spalt zwischen Wand und Schultafel oder arbeiten sich durch den schmalen Gang, der zwischen Stühlen und Wand noch bleibt. Die Begegnung ist körperlich offensiv und beinahe bedrückend nah. Zum Beispiel dann, wenn einen von hinten ein Windstoß erfasst, weil Tim Leonard Pirouetten im Rücken des Publikums dreht.

Die Tänzer gehen an ihre Grenze, spielen mit Nähe und Distanz auf faszinierende, aber auch gefährliche Weise. Das wird klar, als Leonard im Bruchteil einer Sekunde den Abstand zu einer Schulbank unterschätzt, weit mit dem Bein ausholt und in der Bewegung an dem Tisch hängen bleibt. Zwar ist ihm nichts anzumerken, als Außenstehender beißt man sich jedoch auf die Lippen und fragt sich, ob diese Choreografie für die Enge des Raumes nicht zu angriffslustig konzipiert wurde.

Die Schüler reagieren zunächst altersgemäß; warten ab, mal kichernd, mal betont lässig. Was sie eint: ihre Affinität zum Theater. Die Jugendlichen bilden einen Kurs für Darstellendes Spiel und verfügen über praktische Theatererfahrung – zum Beispiel in Sachen Improvisation. Das erklärt, warum aus Passivität Aktion wird.

Schüler in Aktion

Vor allem ein Junge fühlt sich von den Tänzern animiert. Erst springt er mit von Tisch und Tisch und beginnt dann auch, Tische im Raum zu verschieben. Als die Tänzer seine Aktion rückgängig machen wollen, duldet er das nicht, geht voll im Spiel auf. Sein energisches Eingreifen führt jedoch dazu, dass Leonard ihn sich schnappt und minutenlang im Klammergriff am Rand des Geschehens hält.

Wie der Tänzer im Nachhinein erklärt, hatte er Angst, der Junge könnte einen seiner Kollegen verletzen, seine Unberechenbarkeit habe ihn verunsichert. Der Schüler wiederum ist von ganz anderen Umständen ausgegangen: „Ich dachte, wir können interagieren, ich hatte auch das Gefühl, dass wir zum Spielen aufgefordert werden, aber dann habe ich gemerkt, dass ich gerade anscheinend eine Szene kaputt mache.“ Inwiefern Interaktion überhaupt zu diesem Stückprinzip passt, fragt er im Anschluss Pädagogin Bühne. „Die Teilhabe ist zum Beispiel so gedacht, dass Schüler ihre Position im Raum verändern können“, erklärt sie.

Das muss jedoch eindeutig kommuniziert werden. Denn tatsächlich kann die Ankündigung Missverständnisse provozieren. Einem theaterpädagogischen Angebot sollte solch ein Fehler nicht unterlaufen, besteht dessen Aufgabe doch gerade auch darin, Kommunikationsbarrieren zwischen Theater und Publikum abzubauen. Im Interesse der Schüler, vor allem aber auch im Interesse der Tänzer müssen Rahmenbedingungen vorab explizit geklärt werden. Da die Tänzer mit Hingabe ihre Aufgabe meistern, erreicht ihr Tanz zwar auch diesmal einen Großteil der Schüler. Ihr Erfolg sollte aber nicht auf Kosten ihrer Gesundheit gehen.

  • Ab Klassenstufe 5, Infos zu „Über Tische und Bänke“ unter Telefon 0261/129 28 65.

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