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Immer mehr Sekten in Rheinland-Pfalz

Wenn der Alltag überfordert und die Zukunft Angst macht, können die Heilversprechen selbst ernannter Gurus plötzlich sehr vielversprechend klingen. Experten beobachten, dass immer mehr Menschen dafür empfänglich sind.

Selbst ernannte Gurus leiten ihre Anhänger auf dem vermeintlichen „Weg ins Licht" an. Doch ihre Heilsversprechen können gefährlich sein. Viele Menschen werden in der Gruppe psychisch abhängig.
Selbst ernannte Gurus leiten ihre Anhänger auf dem vermeintlichen „Weg ins Licht" an. Doch ihre Heilsversprechen können gefährlich sein. Viele Menschen werden in der Gruppe psychisch abhängig.
Foto: Fotolia

Von unserer Redakteurin Rena Lehmann

Rheinland-Pfalz – Wenn der Alltag überfordert und die Zukunft Angst macht, können die Heilversprechen selbst ernannter Gurus plötzlich sehr vielversprechend klingen. Experten beobachten, dass immer mehr Menschen dafür empfänglich sind.

In Rheinland-Pfalz scharen immer häufiger selbst ernannte Gurus zahlreiche Anhänger auf Sinnsuche um sich. Experten gehen davon aus, dass es inzwischen bereits einige Hundert dieser Kleinstsekten gibt. In Bayern oder Nordrhein-Westfalen, wo dieses Phänomen schon länger beobachtet wird, sollen jeweils rund 600 solcher spiritueller Gruppen und Mini-Sekten existieren. Noch wird dieses Phänomen nicht statistisch erfasst, präzises Zahlenmaterial fehlt also. Aber ein stabiler Trend ist erkennbar. "Es entstehen ständig neue kleine Gruppen", sagt Susanne Kros, Ansprechpartnerin für neureligiöse Gruppen beim Landesjugendamt in Mainz. Ein Indiz für den Sekten-Boom ist die steigende Zahl der Beratungsfälle. Sowohl Kros als auch ihre Kollegen bei den kirchlichen Beratungsstellen haben vermehrt Anfragen zu Kleinstsekten. Die Unsicherheit bei Betroffenen oder Angehörigen wächst, die jeweiligen Gruppen einzuschätzen.

In dem Esoterik-Trend spiegelt sich offenbar ein gesellschaftliches Bedürfnis. "Es gibt insgesamt eine starke Suche nach dem Spirituellen", sagt Matthias Neff, Ansprechpartner für Religions-, Weltanschauungs- und Sektenfragen beim Bistum Trier. Große Sekten wie Scientology sind längst nicht mehr der "Normalfall". Stärkeren Zulauf haben andere.

Auf den ersten Blick ist oft nicht erkennbar, was die Mini-Sekten genau tun. "Menschen suchen dort vor allem nach Gemeinschaft, haben Gesundheits-Probleme oder stehen beruflich unter erheblichem Druck." Eine Fülle von Anbietern verspricht Lösungen für solche Sorgen. So hatte etwa die im Maifeld entstandene "Academy For Future Health" angefangen. "Die Gruppe hat sich erst später radikalisiert", so Neff.

Unübersichtlich ist die Szene auch deshalb geworden, weil die Esoterik-Branche insgesamt boomt. 10 bis 15 Prozent der Deutschen stehen esoterischen Praktiken laut einer Studie der Uni Hohenheim offen gegenüber. "Das ist ein riesiger Markt", sagt der Heidelberger Trendforscher Eike Wenzel. Er hat errechnet, dass in Deutschland jährlich bis zu 25 Milliarden Euro mit Esoterik umgesetzt werden – Tendenz steigend.

Esoterik-Gurus greifen den Trend auf. Der Wunsch vieler nach individueller Betreuung kommt ihnen dabei entgegen, meint Sabine Riede, Leiterin der Sekteninfo Nordrhein-Westfalen, die bundesweit Hilfe und Aufklärung leistet. "Viele Menschen haben Zukunftsängste, vor allem Frauen fühlen sich oft mit dem Spagat zwischen Beruf und Familie überfordert. Esoterik-Kuschelgruppen befriedigen die Sehnsucht danach, dass alles viel einfacher sein müsste. Und sie gehen auf die Gefühlswelt ein."

Vorsicht ist geboten, wenn es in der Gruppe eine starke Führungsfigur gibt, zu der die Mitglieder eine enge Bindung aufbauen. Wie im Fall einer Krankenschwester aus dem Westerwald, die Tausende Euro für Seminare bei ihrem Guru investierte und psychisch abhängig wurde.

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