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Berlin

Studie: Politik ist den Studenten heute ziemlich schnuppe

Die deutschen Studenten sind meist zufrieden mit den Bedingungen an ihren Hochschulen. Das ist der positive Teil einer Studie, die Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) jetzt vorgestellt hat. Andererseits scheint viele eine Art politische Lethargie befallen zu haben.

Foto: picture alliance

Von unserem Berliner Korrespondenten Florian Rinke

Zum zwölften Mal seit 1982 haben Forscher der Universität Konstanz im Auftrag des Bildungsministeriums Studenten befragt. Aber so desinteressiert an der Politik hat sich die Jugend bislang noch nie gezeigt. So sagt inzwischen nur noch rund ein Drittel, starkes Interesse an Politik zu haben. Zum Vergleich: 2001 waren es noch 45 Prozent. Noch bedenklicher ist, dass 29 Prozent der Befragten Politik inzwischen sogar für "völlig unwichtig" halten.

Wanka schockieren diese Zahlen. Schließlich würden an Unis und Fachhochschulen im Land die Führungskräfte der Zukunft für Verwaltungen und Unternehmen ausgebildet. "Gerade zum 25. Jahrestag des Mauerfalls möchte ich eindringlich an die junge Generation appellieren, die politische Freiheit in unserem Land zu nutzen", erklärte die Bildungsministerin.

Mit dem Bildungsstand erhöht sich nicht die politische Partizipation

Schon 2013 war eine Umfrage der Meinungsforscher von TNS Infratest zu dem Ergebnis gekommen, dass sich mehr als die Hälfte der befragten Studenten wenig bis gar nicht für Politik interessiert. Die Umfrage hatte das Bundespresseamt in Auftrag gegeben, aber erst veröffentlicht, nachdem der Grünen-Politiker Malte Spitz es einforderte. Damit heben sich Studenten kaum von der Gesamtbevölkerung ab. Ein vergleichsweise hoher Bildungsstand bedeutet somit nicht automatisch mehr politische Partizipation.

Im Gegenteil: Langwierige Parteitagssitzungen, Plakatekleben oder Diskussionen im Studentenparlament passen anscheinend nicht mehr ins Weltbild der auf Effizienz getrimmten Generation von Bachelor- und Masterstudenten. Für eine politische Haltung erhält man eben keine Kreditpunkte (Credit Points), die es inzwischen für jede Vorlesung und jedes Seminar gibt. Zwar gehen 83 Prozent der Studenten wählen. In einer Partei oder Jugendorganisation sind aber nur 5 Prozent, gerade mal 3 Prozent arbeiten in einer politischen Studentengruppe mit – genauso viele sind Mitglieder in einer Studentenverbindung.

Ähnlich lassen sich auch die Zahlen der Studie deuten, die jetzt von der Bildungsministerin präsentiert wurden. Die Zeiten, in denen die Universitäten linke Hochburgen waren, sind demnach vorbei. Heute bezeichnet sich nur noch ein Fünftel der Studenten als "extrem oder stark" links. Zum Vergleich: 1993 waren es noch 33 Prozent. Heute sind Hochschüler zwar noch ein bisschen links oder konservativ, verorten sich aber im Großen und Ganzen in der Mitte der Gesellschaft. Und dort herrscht Konsens: Rund 90 Prozent sind gegen Gewalt, genauso viele sind für das Demonstrationsrecht – auch wenn fast keiner von ihnen mehr davon Gebrauch macht.

Warum auch. Denn eigentlich sind die Studenten mit ihrem Leben ja ganz zufrieden: Klar, der Praxisbezug im Studium könnte verbessert werden. Und auch die Dozenten sollten besser erreichbar sein – aber sonst? Alles super. 73 Prozent der Befragten haben angegeben, gern zu studieren. 67 Prozent sind mit Aufbau und Struktur des Studiums zufrieden. Die Bologna-Reformen, gegen die die Studenten noch vor einigen Jahren auf die Straße gegangen sind, werden mittlerweile längst akzeptiert – und geschätzt. Das Studium ist nach wie vor sehr attraktiv, verspricht es doch auch die Aussicht auf ein gutes Einkommen.

Und das ist den jungen Männern und Frauen heute wichtiger als früher. Inzwischen hoffen 58 Prozent der Befragten auf ein üppiges Gehalt nach ihrem Studium. Das sind 16 Prozent mehr als noch im Jahr 2001. Die TNS Infratest-Studie zeigt auch, dass die angehenden Akademiker wesentlich ehrgeiziger sind: 86 Prozent wollen beruflich erfolgreich sein und vorwärts kommen, 73 Prozent wollen sich in Zukunft "schöne Dinge leisten können".

Sind die heutigen Studenten also profitorientierte Selbstoptimierer? Sind sie deswegen zufrieden mit der Situation an den Universitäten, weil sie längst aufgehört haben, an linke Weltverbesserungstheorien zu glauben? Und meistern sie stattdessen ganz pragmatisch das Leben in schlecht ausgestatteten Hörsälen an unterfinanzierten Universitäten?

Politisches Desinteresse ist bedenklich für die Parteien

"Nein", sagt der Konstanzer Hochschulforscher Tino Bargel, einer der Studienleiter. Denn obwohl es den Studenten wichtig ist, gutes Geld und einen attraktiven Job zu bekommen, hoffen 43 Prozent mit dem, was sie im Studium gelernt haben, später zur Verbesserung der Gesellschaft beitragen zu können. Für diese Generation sei das nicht widersprüchlich, sagt Bargel, da sie Allgemeinwohl nicht mit politischem Engagement gleichsetzen. Politisches Desinteresse und Weltverbessern schließt sich für die heutige Generation nicht mehr aus. Eine Lösung, wie sich die Welt ohne politische Prozesse verbessern lässt, scheinen die jungen Eliten aber noch nicht gefunden zu haben. Das kann man optimistisch nennen – oder naiv. Für die Parteien ist beides bedenklich.

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