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Berlin

Lampedusa-Flüchtlinge dürfen nur warten

Joe Amiyo Gboyega ist 30 Jahre alt und darf in Deutschland weder arbeiten noch eine Wohnung haben. Er dürfte genau genommen nicht einmal hier sein.

Joe lebt mit mehr als hundert anderen Flüchtlingen in Zelten auf dem Oranienplatz mitten im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Foto: Rena Lehmann
Joe lebt mit mehr als hundert anderen Flüchtlingen in Zelten auf dem Oranienplatz mitten im Berliner Stadtteil Kreuzberg.
Foto: Rena Lehmann

Von unserer Berliner Korrespondentin Rena Lehmann

Er sagt: "Man wird verrückt, weil man nichts tun und nur grübeln kann." Er sagt auch, dass er aus Libyen kommt, dass er eine Bootsfahrt über das Mittelmeer zur italienischen Insel Lampedusa überlebt hat. Er habe geweint, als er die Bilder der toten afrikanischen Flüchtlinge in der vergangenen Woche sah, die wie er in der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Europa wollten. "Ich bin gerettet worden", sagt er.

Joe lebt mit mehr als hundert anderen Flüchtlingen in Zelten auf dem Oranienplatz mitten im Berliner Stadtteil Kreuzberg. Die meisten von ihnen kommen aus Afrika, viele von ihnen haben vernarbte Gesichter, sie haben Kriege gesehen, Schmerzen und Armut erfahren. Vor einem Jahr kamen die ersten von ihnen nach Berlin. Es war gedacht als Protestaktion gegen die europäische Flüchtlingspolitik, gegen die Residenzpflicht, die ihnen verbietet, sich im Land frei zu bewegen, gegen die Unbeweglichkeit, die ein ungeklärter Aufenhaltsstatus bedeutet. Doch die Demonstration ist für viele Flüchtlinge ein Dauerzustand geworden, das Camp ein fragiles Zuhause auf Zeit. Immer wieder war eine Räumung im Gespräch. Nur so lange der Bezirk sie duldet, können die Flüchtlinge bleiben. Im Kreuzberger Camp wird das ganze Ausmaß der ungelösten Flüchtlingspolitik Europas sichtbar.

Seit einem Jahr leben Afrikaner ohne Aufenthaltsrecht in Zelten mitten in Berlin. Foto: Rena Lehmann
Seit einem Jahr leben Afrikaner ohne Aufenthaltsrecht in Zelten mitten in Berlin.
Foto: Rena Lehmann

Joe ist verbittert. Seine Geschichte erzählt er nur noch ungern. "Das ändert doch nichts", sagt er. Er ist allein nach Europa gekommen, hier im Camp hat er keine Freunde, wie er sagt. Jeder hier ist misstrauisch. Weil es so schwer ist, ein Bleiberecht zu bekommen, erfindet man Geschichten oder erzählt lieber nichts. Joes Blick verfinstert sich, wenn man ihn danach fragt, wie er es bis hierher auf den Kreuzberger Oranienplatz geschafft hat. Seit sechs Monaten ist er schon hier. "Meine Familie denkt sicher, dass ich auch tot bin", sagt er leise in brüchigem Englisch. Den Kontakt zu ihr hat er verloren, als er mit nichts als einer Hose und einem Hemd am Leib in einem Fischerboot von Libyen nach Europa flüchtete. 290 Menschen waren mit ihm an Bord. Mitten in der Nacht habe es einen heftigen Sturm gegeben, das Schiff wurde zerstört, ein größeres Schiff kam und nahm ihn vor Lampedusa an Bord. In Italien lernte Joe schnell, dass er nicht erwünscht ist. Nach einem halben Jahr im Flüchtlingscamp landete er auf der Straße, in der Tasche nichts als ein Papier, das ihm die Weiterreise in ein anderes Land im Schengen-Raum ermöglichte.

Italien sah sich angesichts einer Flüchtlingswelle aus Libyen 2011 mit dem Problem alleingelassen und drängte die Flüchtlinge, in andere EU-Länder weiterzuziehen. Joe hat zwar einen anerkannten Status als humanitärer Flüchtling. In Deutschland aber gilt EU-Recht, wonach Asyl nur in dem Land beantragt werden kann, in dem der Flüchtling ankam, also in Italien. Menschen wie Joe werden in Europa deshalb hin- und hergereicht. Fuß fassen und ein neues Leben anfangen können sie nirgends.

Ein älteres Ehepaar bringt einen Topf mit gebratenen Hähnchenschenkeln ins Camp. "Wir sind so ein reiches Land", sagt die Frau, "es kann nicht sein, dass Flüchtlinge hier hungern müssen". Als das Camp vor einem Jahr aufgeschlagen wurde, war die Anteilnahme noch größer. Inzwischen aber gibt es immer häufiger Tage, an denen die Flüchtlinge nicht wissen, wo sie die nächste Mahlzeit herbekommen. Am Info-Stand des Camps hängt eine Stromrechnung von mehr als 6000 Euro, die hier niemand bezahlen kann.

Grünen-Politikerin Taina Gärtner kümmert sich auf dem Zeltlager um das Nötigste. Foto: Rena Lehmann
Grünen-Politikerin Taina Gärtner kümmert sich auf dem Zeltlager um das Nötigste.
Foto: Rena Lehmann

Joe schaut auf seine kräftigen Hände. "Ich möchte arbeiten mit meinen Händen", sagt er. "Ich möchte ein guter Bürger sein, ich möchte mein Leben anfangen." Hier im Camp aber drehten sich seine Gedanken immer nur weiter um die Vergangenheit und die ungewisse Zukunft. Joe kann nicht vor und nicht zurück. In den Nächten wird es in Berlin jetzt manchmal schon sehr kalt. Joe schläft mit 15 weiteren Flüchtlingen in einem Bettenlager aus Paletten in einem weißen Zelt. Eine alteingesessene Kreuzbergerin schläft aus Solidarität manchmal auch hier bei ihnen. Taina Gärtner kümmert sich um das Nötigste, geht mit Flüchtlingen zum Arzt, vermittelt Interviews, sucht das Gespräch mit Politikern.

Wenn der Bezirk die Duldung des Camps beendet, wird es geräumt werden. Joe würde dann wohl zurückgeschickt werden nach Italien, wieder in ein anderes Camp. "Wir können als Bezirk nicht die Folgen eines Kriegs in Afrika lösen", sagt Taina Gärtner. Aber die Flüchtlinge sind jetzt ihre Nachbarn. Sie meint, dass es doch nicht sein kann, dass "niemand in Europa sich für sie zuständig fühlt".

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