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    Berlin

    Feier zum Mauerfall: Noch einmal Gänsehaut und Tränen

    Etwas von der Freude, die in der Nacht des Mauerfalls vor 25 Jahren in der Luft gelegen haben muss, ist plötzlich wieder da. Hunderttausende flanieren an diesem 9. November 2014 an der früheren Grenze entlang, die Berlin 28 Jahre lang teilte und seine Bewohner voneinander trennte.

    Mehr als eine Million Menschen feierten in Berlin den 25. Jahrestag des Mauerfalls. Höhepunkt war ein Bürgerfest am Abend vor dem Brandenburger Tor.
    Mehr als eine Million Menschen feierten in Berlin den 25. Jahrestag des Mauerfalls. Höhepunkt war ein Bürgerfest am Abend vor dem Brandenburger Tor.
    Foto: dpa

    Von unserer Berliner Korrespondentin Rena Lehmann

    Ein Band von 7000 Ballons erinnert zum Jubiläum noch einmal an deren Verlauf. Als die weißen Ballons am Abend in den Himmel steigen, ist die Begeisterung der Bürger am Boden schier grenzenlos. Ein Gänsehautmoment.

    Eine bewegende Feier in Berlin

    Die heute 52-jährige Martina Musslick ist am Mittag spontan aus Neustadt in Sachsen mit ihrer Familie nach Berlin gereist. „Es ist ein so schöner Tag. Wir mussten einfach heute dabei sein“, sagt sie. Sie steht mit Mann, Tochter und ihren Eltern nahe dem Grenzübergang Bornholmer Straße. Hier ging am 9. November 1989 der Schlagbaum hoch, und die Menschen strömten zum ersten Mal einfach so nach Westberlin.

    Martina Musslick war damals hochschwanger mit ihrem Sohn, aber sie wollte unbedingt nach Berlin, die Grenzöffnung mit eigenen Augen sehen. Ein netter Herr aus dem Westen habe sich damals um sie und ihren Mann gekümmert, sie hätten endlose Gespräche geführt, zusammen den Sehnsuchtsort Kurfürstendamm erkundet. Ihr Sohn ist heute 25 Jahre alt und studiert in den USA. „Ist das nicht wundervoll?“

    Ihre Mutter ist glücklich, dass sie bei der Jubiläumsfeier in Berlin dabei sein kann. „Wir freuen uns so. Seither haben wir so unglaublich schöne Länder bereist. Das hätte ich mir nie erträumt“, sagt die ältere Dame. Sie erzählt, dass es von jeder Reise ein dickes Fotoalbum gibt. Hinter ihr stoßen gerade mehrere Männer und Frauen mit Piccolo-Sektflaschen der Marke Rotkäppchen an. Sie treffen sich heute hier, weil sie alle in der Nähe des Grenzübergangs Bornholmer Straße aufgewachsen sind.

    Kreatives Gedenken: Ein Mann fährt mit einem als Trabbi verkleideten Fahrrad den ehemaligen Mauerverlauf entlang. Und an der East Side Gallery überwinden 100 Jugendliche die Mauer symbolisch mit Jonglage und Akrobatik.
    Kreatives Gedenken: Ein Mann fährt mit einem als Trabbi verkleideten Fahrrad den ehemaligen Mauerverlauf entlang. Und an der East Side Gallery überwinden 100 Jugendliche die Mauer symbolisch mit Jonglage und Akrobatik.
    Foto: dpa


    Ein junger Vater kann sich noch daran erinnern, dass seine Eltern ihn damals allein zu Hause ließen, weil sie mit eigenen Augen sehen wollten, ob es wirklich wahr ist, dass man jetzt rüber kann. Seiner älteren Freundin steigen beim Gedanken an den 9. November 1989 noch immer die Tränen in die Augen. „Für mich ist das ein so bewegender Tag“, sagt sie. Sie freut sich, dass heute noch einmal so viele Leute bei dem Fest auf den Beinen sind. „Es ist doch auch vor allem ein Fest des Volkes“, sagt sie. Was Politiker heute sagten, ist da in ihren Augen „nicht so wichtig“.

    Jeder nimmt die Feierlichkeiten auf eine andere Weise wahr

    An anderen Tagen ist der frühere Grenzverlauf in der Stadt kaum noch sichtbar. Heute aber fotografieren sich Familien unter den Ballons, Menschen flanieren durch die Stadt und sehen sie aus einer neuen, alten Perspektive. Den ganzen Tag herrscht Verkehrschaos, mit dem Auto ist schon am Samstag kein Durchkommen mehr durch die Stadt. In Berlin herrscht noch einmal Ausnahmezustand, fast wie vor 25 Jahren.

    Eine ironische Randnotiz der Geschichte: Am Abend ist am Brandenburger Tor von Ost nach West kein Durchkommen mehr. „Wegen Überfüllung geschlossen“, haben die Veranstalter behelfsmäßig auf Schilder geschrieben. Die meisten nehmen das heute mit Humor. Auf der großen Bühne am Tor singen die Fantastischen Vier, Clueso und Udo Lindenberg.

    Im Hotel Adlon unweit des Brandenburger Tors ist der frühere sowjetische Regierungschef Michail Gorbatschow während seines Besuchs der Feierlichkeiten untergebracht. „Gorbi, Gorbi!“, rufen die Menschen vor dem Adlon im Sprechchor. Jeder feiert heute auf seine Weise, manche jubeln laut, andere sind mit Angehörigen und Freunden unterwegs, wie damals.

    Am Brandenburger Tor erinnert sich heute Edmund Döhren noch an den Mauerbau. Er war Mitglied einer DDR-Betriebskampfgruppe, die im August 1961 helfen musste, den Bau der Mauer abzusichern. „Schön zu sehen, dass manche Bauwerke nicht mehr gebraucht werden“, sagt er heute.

    Auch viele internationale Gäste sind fasziniert von der überwundenen Teilung. „Mitten in Europa solch ein Märchen“, schwärmt Eckhardt Klandt aus Winterthur in der Schweiz. Jetzt, so meint er, müssten die Deutschen nur noch lernen, „mit ihrer pädagogischen Haltung andere Völker nicht immer zum vermeintlich Guten zu erziehen“. Dann könnte man sie endgültig sehr lieb haben, sagt der Schweizer lächelnd.

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