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    BerlinExperte spricht von Defiziten im Schulsystem: Lehrer werden Einzelkämpfer

    "Das Land muss seinen Reformstau überwinden", mahnt Pisa-Chef Andreas Schleicher. Der Bildungsexperte und Koordinator der Pisa-Studien spricht von Defiziten des deutschen Schulsystems und fordert mehr Hilfen für Lehrer.

    Die Arbeitsbedingungen für Lehrer in Deutschland und damit die Unterrichtsqualität müssen verbessert werden. Zudem sollten sie verstärkt fächerübergreifend denken und arbeiten. So lauten Forderungen des Bildungsexperten und Pisa-Chefs Andreas Schleicher.
    Die Arbeitsbedingungen für Lehrer in Deutschland und damit die Unterrichtsqualität müssen verbessert werden. Zudem sollten sie verstärkt fächerübergreifend denken und arbeiten. So lauten Forderungen des Bildungsexperten und Pisa-Chefs Andreas Schleicher.
    Foto: dpa

    Der oberste OECD-Bildungsforscher sieht die jüngsten Studien zwar nicht als Schock für das deutsche Schulsystem an wie vor 15 Jahren. Aber doch als Dämpfer - bei den Reformen habe "die zweite Raketenstufe nicht gezündet". Schleicher spricht sich dafür aus, die von Deutschland erzielten Ergebnisse im Vergleichstest nicht kleinzureden, betont aber auf der anderen Seite nachdrücklich, Deutschland müsse an der Unterrichtsqualität arbeiten und die Arbeitsbedingungen der Lehrer verbessern.

     

    Herr Schleicher, müssten Sie der deutschen Bildungspolitik eine Schulnote geben, welche wäre das?

    Andreas Schleicher
    Andreas Schleicher
    Foto: dpa

    Das muss ich differenziert beantworten. Insgesamt und vor allem in der Vergangenheit betrachtet, würde ich von einem guten Ergebnis sprechen, also einer Zwei. Was aber die Veränderungsdynamik seit einigen Jahren betrifft, schneidet Deutschland nicht besser als "befriedigend" ab.

     

    Woran machen Sie das fest?

    In den Jahren nach der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000 hat sich in der Bundesrepublik wirklich viel bewegt. Es gab einen Schock, ein Aufwachen. Ganztagsschule, kompetenzorientierte Bildungsstandards, frühe Förderung, da hat sich viel bewegt. Aber jetzt sehe ich kaum noch Reformbereitschaft.

    Bei den diesjährigen Pisa-Ergebnissen attestierten die Forscher deutschen Schülern stagnierende oder gar schlechtere Leistungen.

    Ja, das ist leider wahr. Und es ist eben auch Ausdruck einer schleppenden Entwicklung in der Bildungspolitik. Wir brauchen jetzt, mehr als 15 Jahre nach der ersten Pisa-Studie, eine Bildungsreform 2.0. Nur dann können wir wieder neue Verbesserungen erreichen.

    Wie muss diese Reform aussehen?

    Dabei geht es mir vor allem um eine Verbesserung der Unterrichtsqualität und der Arbeitsbedingungen für Lehrer. Ich meine damit nicht die Gehälter, die sind in Deutschland meist sehr gut. Was es aber hierzulande noch viel zu wenig gibt, ist ein Arbeitsumfeld, in dem Lehrer viel mehr Möglichkeiten für die gemeinsame Entwicklung und Umsetzung von Unterrichtskonzepten haben. In Singapur haben Lehrer 100 Stunden für Weiterbildung pro Jahr zur Verfügung. Und zwar mit Kollegen zusammen und nicht abgehoben an den Universitäten wie hier. Es gibt da also einen Zusammenhang mit den Pisa-Ergebnissen in Deutschland.

    Wie meinen Sie das?

    Bei der Wiedergabe von Fachwissen sind deutsche Schüler relativ gut. Wenn es aber darum geht, dieses Wissen kreativ auf neue Zusammenhänge zu übertragen, scheitern viele Schüler in der Bundesrepublik. Dabei ist genau das eine der Schlüsselkompetenzen in der Zukunft - schließlich spuckt einem Google binnen Millisekunden das Fachwissen der gesamten Welt aus. Wie gut die Schüler abstrahieren können, hat damit zu tun, wie sehr Lehrkräfte fächerübergreifend denken oder arbeiten. Da ist die Politik gefragt, mehr Freiräume für die Schulen zu schaffen. Vor allem müssen Anreize her, dass gute Arbeit der Lehrer Anerkennung findet.

    Machen das denn andere Länder, die Sie in der Pisa-Studie untersucht haben, besser?

    Eindeutig ja. Nehmen Sie das Beispiel Schanghai. Da gibt es eine digitale Arbeitsplattform, auf der Lehrer ihre Unterrichtskonzepte hochladen können. Der Trick besteht nun darin: Je mehr andere Lehrer ihre eigenen Konzepte nutzen, umso größer ihre eigene Bedeutung und Rolle im Bildungssystem, desto reger ist der Austausch über die besten Methoden und desto größer ist auch der Lerneffekt für die Lehrer selbst.

    Kritiker könnten dahinter mehr Leistungsdruck und negativen Wettbewerb fürchten ...

    Das Gegenteil ist der Fall. Es geht um konstruktiven Wettbewerb. Die besten Ideen finden Anerkennung, die anderen erhalten gute Ideen und einen fächerübergreifenden Einblick. Und: Es wird dort nicht nur gefragt, wie gut die Lehrer ihre Schüler unterrichtet haben, sondern auch, welchen Beitrag sie zur Verbesserung des Bildungssystems geleistet haben. Das ist der Geist, den ich in Deutschland vermisse. Hier werden Lehrer nach der Erstausbildung alleingelassen und verkommen zu Einzelkämpfern ohne viel Unterstützung - das ist insbesondere bei der Mammutaufgabe der Integration von Zuwandererkindern falsch.

    In Deutschland haben die Länder Hoheit über die Bildung. Sorgt das für Blockaden bei derlei Reformen?

    Es macht wenig Sinn, dass die Lehrpläne in den Bundesländern so unterschiedlich sind, dass Schüler nach einem Umzug teils erhebliche Anpassungsschwierigkeiten haben. Auch die Lehrerausbildung ist oft so verschieden, dass Lehrer zwischen den Bundesländern kaum mobil sein können. Dabei bietet der Föderalismus viele Möglichkeiten.

    Woran scheitert es dann? Vielleicht wäre ja ein Durchgreifen des Bundes mal ganz hilfreich?

    Das sehe ich nicht so. Ein zentralistisches Bildungssystem ist keinesfalls die bessere Alternative. Richtig ist, dass Denk- und Kooperationsverbote hinderlich sind. Aber die besten Ideen entstehen in den Klassenzimmern selbst. Dort weiß man, welcher Unterricht funktioniert und welcher nicht. Dort müssen die Talente entdeckt und gefördert werden. Es braucht dringend mehr Austausch. Stattdessen gibt es gerade bei vielen Bildungspolitikern noch immer ein vorzeitliches Denken: Auf Ministerebene wird man schon wissen, wie ein guter Unterricht auszusehen hat, und in den Schulen wird das dann bitte umgesetzt. Dieses System ist mittlerweile völlig überholt.

    Wie stehen Sie zur Debatte um G8 und G9?

    Im Zeitalter des lebensbegleitenden Lernens ist es aus meiner Sicht gleichgültig, ob Schüler nun acht oder neun Jahre auf der weiterführenden Schule verbringen. Fatal ist nur, wenn eine Landesregierung wie jetzt in Nordrhein-Westfalen auf die Idee kommt, die Reformen in kurzen Abständen aufeinander folgen zu lassen. Viel wichtiger ist, dass man sich über die Schüler selbst mehr Gedanken macht und die Übergänge zwischen den Schulstufen erleichtert.

    Das Gespräch führte Jan Drebes

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