Archivierter Artikel vom 19.04.2019, 16:45 Uhr
Koblenz

Leitartikel: Wie Madeira und Paris uns erschüttern

Der strahlendblaueste Himmel seit Jahren kann nicht darüber hinwegtäuschen: Das Osterfest 2019 wird überschattet von zwei dramatischen Ereignissen, die die Menschen in Deutschland, Portugal und Frankreich im Besonderen, spürbar aber auch auf der ganzen Welt, innehalten und traurig werden lassen. Karfreitag und Ostern, die höchsten kirchlichen Feiertage unserer beiden großen christlichen Konfessionen, stehen schlussendlich für den Sieg des Lebens über den Tod. Ein Fest der Freude also!? Die Ereignisse von Madeira und Paris in dieser Karwoche machen fassungslos, betroffen. Sie erschüttern und lassen uns zweifeln.

Peter BurgerLesezeit: 2 Minuten
RZ-Chefredakteur Peter Burger.
RZ-Chefredakteur Peter Burger.
Foto: Jens Weber

Chefredakteur Peter Burger zu Ostern

Madeira, diese wunderschöne Blumeninsel Portugals im Atlantik, hat sich den Nimbus des ruhigen, unaufgeregten, ganzjährig grünen Urlaubsidylls bewahrt: kein Ballermann, keine Exzesse. Stattdessen Wandern, Wein und Wohlfühlklima. Ein Urlaubstraum für „Best-Ager“, wie es auch die meisten der Todesopfer waren. Doch dieser Urlaubstraum mutiert mitunter zum Albtraum – auch auf Madeira: 2010 etwa, als Schlammlawinen nach einem Unwetter mindestens 40 Menschen das Leben kosten. Oder 2016, als rund um die in einem Kessel gelegene Inselhauptstadt Funchal heftige Waldbrände toben und zahlreiche Häuser in den steilen Hanglagen vernichtet werden. Bewundernswert, wie die Madeirer trotz solcher Schicksalsschläge nicht ihren Mut verlieren. Ja, darin spiegelt sich die „Saudade“ wider, jene im portugiesischen Fado musikalisch kristallisierte Mischung aus Melancholie, Sehnsucht und Weltschmerz. Es ist jedoch vor allem Ausdruck einer tiefen Gläubigkeit der Insulaner an Gott – an den Tod und die Auferstehung.

„Mein Gott, warum in der Karwoche?“ Selbst der Domdekan von Notre-Dame, Patrick Chauvet, findet keine Antwort auf das Warum bei einer der größten Brandkatastrophen in europäischen Gotteshäusern. Das Flammeninferno von Paris entsetzt weltweit die Menschen, ob Franzosen oder nicht, Christen ebenso so wie Muslime oder Atheisten. Und sie zeigen es offen! Mit Tränen in den Augen am Ufer der Seine. Wir alle spüren, dass mit Notre-Dame mehr in Flammen aufgeht als ein prachtvoller Kirchenbau, schon gar kein profaner Touristenmagnet. Ganz Frankreich, unsere durch viele Terroranschläge der vergangenen Jahre leidgeprüfte und so tief gespaltene Nachbarnation, muss zur Kenntnis nehmen, dass möglicherweise nur ein technischer Defekt oder Unachtsamkeit bei Bauarbeiten ihr um ein Haar das Herz aus dem Leib gerissen hätte. Und nicht nur ihr, sondern der gesamten europäischen Familie, die Notre-Dame als Teil ihres gemeinsamen Kulturerbes zu begreifen beginnt. Über Grenzen, Religionen und Weltanschauungen hinweg.

Von den beklemmenden Bildern der Brandkatastrophe von Paris, wird mir eines in besonderer Erinnerung bleiben: Am Morgen nach dem Feuer fällt im Innern der ausgebrannten Kathedrale ein Sonnenstrahl durch die zerstörte Dachkonstruktion und lässt das goldene Kreuz am Hochaltar in den abziehenden Rauschwaden heller erstrahlen als je zuvor. Die Szene erinnert an die Osterbotschaft – und tröstet gläubige Christen: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben.“

Allen Leserinnen und Lesern ein gesegnetes Osterfest!