Archivierter Artikel vom 24.12.2019, 07:00 Uhr

Leitartikel unseres Chefredakteurs: „... und Friede den Menschen auf Erden“?

Das Klima wird rauer. Unsere Gesellschaft ist zunehmend polarisiert. Respekt und Achtung – gerade vor der Meinung Andersdenkender – schwinden. Die Absolutheit wird zum Maß aller Dinge. Toleranz wird als Schwäche ausgelegt, ein Kompromiss als Kapitulation. Befördert wird eine resignative Sprachlosigkeit und der Mangel an offenem Diskurs ausgerechnet von jenen Medien, die sich selbst als „sozial“ definieren – und dabei Hass und Hetze Tür und Tor öffnen.

Peter BurgerLesezeit: 2 Minuten
RZ-Chefredakteur Peter Burger.
RZ-Chefredakteur Peter Burger.
Foto: Jens Weber

Chefredakteur Peter Burger zum Weihnachtsfest 2019

Der Angriff an jenem 22. Dezember 1944 beginnt um 18.53 Uhr: 168 Lancaster-Bomber der Royal Air Force entladen ihre tödliche Fracht, 929,2 Tonnen Sprengbomben, westlich der Koblenzer Innenstadt. Das Ziel: der Güterbahnhof Lützel, wichtiges Nachschub-Drehkreuz nach Beginn der Ardennen-Offensive. Doch die Bomben treffen vor allem Güls, Rübenach und Moselweiß. Zwei Tage vor Weihnachten sterben dabei 154 Menschen, 88 allein in meinem Heimatort Güls. Heiligabend setzen die Amerikaner das Bombardement auf Lützel und die Koblenzer Altstadt fort. Welch ein Zynismus: Es regnet „Christbäume“ vom Himmel – zur Zielmarkierung eingesetzte Leuchtmunition.

Seit nunmehr 75 Jahren gedenken die Gülser der Opfer jener Bombennacht Weihnachten 1944, die sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt hat. Und Jahr für Jahr berichten immer weniger Augenzeugen ergreifend von der Apokalypse jener Nacht, in der ganze Familien ausgelöscht wurden. Nach fast 75 Jahren Frieden verliert der Krieg zunehmend seine Bilder und Gesichter, nicht aber seine Namen. Die Gülser stemmen sich dem entgegen, nennen jeden Einzelnen, halten die Erinnerung an sie wach – und an das, wozu Menschen fähig sind, gleich welcher Nation. Und dennoch: Verliert der Krieg auch seine Mahnung?

Ein Blick auf die Weltkarte zeigt, dass die Menschheit offenbar nichts gelernt hat: Von Afghanistan, über Syrien, den Jemen, den Irak, die Ukraine, Südsudan, Nordmali flammen derzeit rund 20 Kriege und Konflikte immer wieder auf – einschließlich der Drogenkriege in Mexiko und auf den Philippinen. Weltweit, so schätzen die Vereinten Nationen, werden im neuen Jahr 168 Millionen Menschen in mehr als 50 Ländern Hilfe und Schutz brauchen – Tendenz schnell steigend.

Und hierzulande? Das Klima wird rauer. Unsere Gesellschaft ist zunehmend polarisiert. Respekt und Achtung – gerade vor der Meinung Andersdenkender – schwinden. Die Absolutheit wird zum Maß aller Dinge. Toleranz wird als Schwäche ausgelegt, ein Kompromiss als Kapitulation. Befördert wird eine resignative Sprachlosigkeit und der Mangel an offenem Diskurs ausgerechnet von jenen Medien, die sich selbst als „sozial“ definieren – und dabei Hass und Hetze Tür und Tor öffnen. Wie nah es aber von verbaler Entgleisung im Netz bis zu vollendeten Gewalttaten und Terror auch bei uns ist, haben wir mit den Terroranschlägen auf den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und die Menschen vor und in der Synagoge von Halle leidvoll erfahren müssen. Fast 75 Jahre nach Krieg und Nazidiktatur scheint die Erinnerung zu verblassen und der Boden für Gewalt und Hass wieder bereitet werden zu können. Damals wie heute gilt: Tat und Tätern eilen Hass und Hetze voraus.

„Friede ist nicht Abwesenheit von Krieg. Friede ist eine Tugend, eine Geisteshaltung, eine Neigung zu Güte, Vertrauen, Gerechtigkeit“, mahnte im 17. Jahrhundert der niederländische Philosoph Baruch de Spinoza. Ein jeder bleibt aufgerufen, verbal abzurüsten und immer wieder für diese Tugend und Geisteshaltung einzutreten! Nicht nur an Weihnachten, dem Geburtstag des „Friedensfürsten“.

Ich wünsche Ihnen ein friedvolles und frohes Weihnachtsfest!