Archivierter Artikel vom 21.10.2014, 15:07 Uhr

Dennis' Geschichte vom Sturm

Dennis Kempis ist 28 Jahre alt, arbeitet als Friseur sowie als Eventorganisator und lebt in Dulag, genauer im Barrangay Rawis, dem Nachbardorf von Victory. Seine Mutter ist schon vor dem Taifun, den die Philippinos Yolanda nennen (international: Haiyan), mit drei Kindern nach Manila gegangen. Er hätte folgen können, ist aber zusammen mit seinem Vater geblieben.

Von unserem Redakteur Ulf Steffenfauseweh

„Wir haben hier überlebt, also leben wir hier auch. Das ist göttliche Fügung“, hatte sein Vater ihm gesagt. Sein Vater ist Bauer, dessen Felder nach dem Taifun weggeschwemmt waren, dessen Kokosnussbäume – die Haupteinnahmequelle der Familie – zu drei Vierteln umgeknickt waren. Hier ist Dennis Geschichte von Verlust, Todesangst und langsamem Wiederaufbau.

"Danke Welt" steht auf dem T-Shirt von Dennis Kempis.
“Danke Welt" steht auf dem T-Shirt von Dennis Kempis.
Foto: Ulf Steffenfauseweh

„Wir wussten, dass ein Super-Taifun kommt“, erzählt er. Deshalb war er am Abend des 7. November zu seiner Großmutter gegangen, um in deren solide gebauten Haus Zuflucht zu suchen. Acht weitere Familien gesellten sich dazu, die teilweise aus den Bergen herunter gekommen waren. „Sonst kamen die Fluten immer von dort“, erzählt er. Denn in der Regel bringen die Taifune sintflutartigen Regen, der dann reißend ins Tal fließt. Dieses Mal sollte es anders sein – eine für viele Menschen fatale Fehleinschätzung, der die staatliche Vorhersage nicht entgegengewirkt hatte.

Es beginnt um 2 Uhr morgens. Starke Winde, vielleicht 100 bis 150 Kilometer in der Stunde schnell“, schätzt Kempis. Doch das ist nur der Auftakt. Richtig schlimm wird es um 5 Uhr. Der Sturm, mittlerweile deutlich heftiger, bläst aus West und richtet im Dorf verheerende Schäden an. „Wir waren im Haus und sahen, wie die weniger stabil gebauten Häuser wegflogen“, erzählt er. Dann kracht ein Kokosnussbaum in die Küche. Geschrei im Haus, Teile des Daches fliegen weg.

In
Victorys
Dorfmitte
steht
ein
V.
Im
Hintergrund
ist
das
schwer
beschä-
digte
Dorfgemeinschaftshaus
(Barrangay-
Hall)
zu
In
Victorys
Dorfmitte
steht
ein
V.
Im
Hintergrund
ist
das
schwer
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digte
Dorfgemeinschaftshaus
(Barrangay-
Hall)
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In Victorys Dorfmitte steht ein V. Im Hintergrund ist das schwer beschädigte Dorfgemeinschaftshaus (Barrangay-Hall) zu sehen.

Ulf Steffenfauseweh

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Gegen 8 Uhr ist es plötzlich völlig still, zehn Minuten lang. Aber alle wissen: Es ist nur die Ruhe vor dem Sturm, der Wind wird zurückkommen. Deshalb hasten die Nachbarn zum Haus von Kempis Großmutter. Es ist weit und breit das einzige, das noch halbwegs steht. Rund 100 Menschen strömen zusammen. Eigentlich zu viel. Die Frauen und Kinder kommen in den einzigen noch überdachten Raum, die Männer müssen auf die Terrasse.

Dort ist es – für philippinische Verhältnisse – kalt. Vor allem aber regnet es, wie es nur in den Tropen regnet. Es prasselt unaufhörlich, die Männern zittern, vor Kälte, aber auch vor Angst. Der Wind ist genauso stark zurückgekommen, dieses Mal aus Osten. Draußen fliegt alle möglichen Teile durch die Gegend.

Ulf Steffenfauseweh

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Dennis Kempis ist allein mit seinem Bruder in der mittlerweile dachlosen Küche geblieben. Die beiden suchen unter einem Tisch Zuflucht. „Wir konnten fühlen, dass sich das Haus bewegt“, erinnert er sich. Dort kauern sie rund drei Stunden. Dann wieder zehn Minuten Pause, ehe die dritte Welle einsetzt: Es ist die stärkste von allen, fast 300 km/h schnell, und sie kommt aus dem Norden. Das ist ein zusätzliches Problem für die ganze Region: Der Sturm zerrt von drei Richtungen an den Gebäuden und macht so auch viele der Häuser, die nicht sofort einstürzen, instabil.

Zehn Stunden lang dauert es insgesamt, bis der Taifun weitergezogen ist. „Ich hatte Angst zu sterben. Ich dachte nicht, dass wir eine Überlebenschance haben“, erzählt der 28-Jährige. „Und ich hatte Angst, dass meine Familie aus Manila herkommen und all die toten Körper sehen muss.“

Doch im Haus seiner Großmutter verliert niemand sein Leben an diesem Tag, wohl aber fast alles andere. „Essen, Kleidung, Kochstelle, alles war weggeweht oder völlig durchnässt, und niemand hat mehr sein Haus gefunden“, sagt Kempis. „Ich dachte, es wäre das Ende der Welt.“

Die Leute laufen los, sammeln Früchte, vor allem Bananen von den umgestürzten Bäumen. Denn zu kaufen gibt es kaum etwas, und wenn, dass zu doppelten und dreifachen Preisen. Denn auch die Shops sind beschädigt. Zudem öffnen viele Besitzer ihre Türen aus Angst vor Räubern gar nicht. „Es herrschten teilweise anarchische Zustände“, erzählt der junge Mann und berichtet, dass Insassen eines nahen Gefängnisses die chaotische Situation für eine Flucht genutzt hatten und durch die Gegend zogen. Besser wird es erst, als die Regierung in Manila den Kriegszustand verhängt und das Militär schickt.

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Drei Tage nach Yolanda gibt es trotzdem einen neuen Höhepunkt. „Da war es fast am schlimmsten“, sagt Dennis Kempis. Denn zu Chaos und Not kommt nicht nur hinzu, dass die Elektrizität in der Region völlig zusammenbricht, plötzlich macht auch ein Gerücht die Runde. „Die Leute haben plötzlich ,Tsunami, Tsunami', geschrien und sind in die Berge gelaufen.“ Sieben Kilometer, mitten in der Nacht. Er bleibt, um die Lebensmittel zu sichern, hat aber Angst. Dann stellt sich heraus: nur ein Fehlalarm.

Es dauert zwei Wochen, bis in Dulag Hilfsgüter verteilt werden. Die Konvois der Amerikaner, die als erste vor Ort helfen, sind vorher nicht durchgekommen. Die Straße von Tacloban aus Richtung Süden ist teilweise zerstört und versperrt von umgestürzten Bäumen und weggewehten Teilen.

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Viele Bewohner ziehen weg, sehen in der Region keine Zukunft mehr. Dennis Kempis beginnt dagegen, sein Haus Stück für Stück wieder aufzubauen. Vor wenigen Wochen konnte er endlich wieder eine Küche einrichten, die Fenster haben noch immer keine Scheiben. Und Hilfe bekommt er nicht. „Weil ich Arbeit habe“, sagt er. Denn deshalb geht es ihm noch vergleichsweise gut. „Es macht mich traurig, aber ich habe meine Lektion gelernt, zufrieden zu sein, wenn ich Essen und ein Dach über dem Kopf habe. Das habe ich vor dem Taifun noch nicht so gesehen. Es ist alles Gottes Wille“, erzählt er und engagiert sich daher auch für andere. Als „Schatzmeister“ des Dorfes regelt er die gerechte Verteilung der spärlichen Regierungsgelder für den Wiederaufbau, auch wenn er selbst keins bekommt und leitet die Versorgung der Jugend.

Als dann ein christlicher Missionar aus dem nicht betroffenen Süden der Philippinen eintrifft und nach Wiederaufbauprojekten sucht, die mit Hilfe aus Deutschland finanziert werden, zeigt er ihm die Grundschule im benachbarten Victory. Da ist die Not seiner Meinung nach noch größer, „weil alle anderen daran vorbeigefahren sind“. Heute haben dank der Unterstützung des studentischen Hilfsvereins „Charity Event“ aus dem Westerwald und HELFT UNS LEBEN die meisten Schulgebäude wieder ein Dach. „Die Schule ist der Stolz des ganzen Dorfes und für die Kinder der einzige schöne Raum, den sie haben“, sagt er.

Und er selbst? „Wenn ich alleine bin, muss ich schon manchmal heulen. Aber draußen muss ich ein Beispiel geben“, erzählt er. „Wir lieben unser Dorf, müssen es lieben, weil es unser Dorf ist. Die Menschen von Leyte sind auch auf den anderen Inseln als Kämpfer bekannt“, sagt er.