Es gibt Bilder, die bleiben für immer im Gedächtnis. Sie haben sich tief eingebrannt – Bilder einer unvergleichlichen Naturkatastrophe, Bilder einer unvergleichlichen Solidarität. Da ist zunächst die Fahrt ins Ahrtal kurz nach der Flutkatastrophe im Juli 2021. Noch nie sind mir auf der A61 so große Kolonnen von THW, Feuerwehr, DRK und Bundeswehr entgegengekommen. Auf einer einsamen Straße ein wenig später dann plötzlich eine Polizeikontrolle – wie aus dem Nichts. Und nicht jeder darf weiterfahren.
Tränen in den Augen
Die Beamten, dem Dialekt nach irgendwo aus Baden-Württemberg, kontrollieren meinen Presse- und Personalausweis. Erst dann geht es weiter – zu den Bildern, die einfach nur betroffen und sprachlos machen, die einem die Tränen in die Augen schießen lassen. Bilder wie von einem Kriegsschauplatz: Verwüstungen, Gebäuderuinen. Berge von Unrat vor den Häusern überall, Straßen, Gebäude, die es einfach nicht mehr gibt – dem Erdboden gleichgemacht. In Insul kommt mir ein Panzer entgegen. So etwas habe ich noch nie erlebt. Es sind viele Bilder, die ich nicht fassen kann, Bilder, die ich anschließend mit nach Hause in meine kleine heile Welt nehme, die im Kopf bleiben – und dort auch heute noch sind.

Das gilt auch für die Themen in jenem Sommer 2021, etwa das Gespräch mit Ulrich van Bebber, Vorstandsvorsitzender der Lebenshilfe Kreisvereinigung Ahrweiler, nach dem Tod der zwölf Bewohner, die in der Flutnacht im Lebenshilfehaus in der Pestalozzistraße in Sinzig ertrunken sind. Das Treffen mit Sinzigs Bürgermeister Andreas Geron und dem damaligen Bauamtsleiter Marco Schreiner vor der von der Flut massiv in Mitleidenschaft gezogenen Barbarossaschule.
Aber es hilft ja nichts. Auch wenn man am liebsten die Augen verschließen und sich ganz weit wegwünschen würde, weil es einem unerträglich erscheint – die Arbeit muss gemacht werden. Das ist mein Job. Und es ist wichtig, darüber zu berichten, was im Ahrtal passiert ist und wie es den Menschen dort geht. Egal, wie sehr es einen selbst mitnimmt: Die Berichterstattung ist unabdinglich.
Zahlreiche Helfer – sogar aus Mexiko und den USA
Es gibt sie in dieser düsteren Zeit aber Gott sei Dank auch: Lichtblicke. Einer davon ist die Helfer-Shuttle-Initiative im Innovationspark in Ringen in der Gemeinde Grafschaft von den Unternehmern Marc Ulrich und Thomas Pütz. Sie sorgen dafür, dass die unzähligen Freiwilligen, die bei den Aufräumarbeiten anpacken wollen, per Pendlerverkehr zu ihren Einsätzen ins Ahrtal gefahren werden. Und diese vielen Menschen kommen von überallher: eben nicht nur aus ganz Deutschland – sondern auch aus anderen Ländern, etwa aus Dänemark, Ghana, Mexiko, den USA und Niederlanden.
Über solch eine Welle der Solidarität zu berichten, ist ebenfalls alles andere als gewöhnlich und hat etwas gewisses Heilendes an sich, das die Tränen irgendwann dann schließlich trocknen lässt.
Die Autorin
Silke Müller ist 56 Jahre alt. Sie absolvierte ihr komplettes Studium an der Universität Sorbonne (Paris 4) in Paris und arbeitete zunächst in Frankreich als Lehrerin. Nachdem sie 1999 nach Deutschland zurückkam, machte sie ihr Volontariat. Seit 2003 arbeitet sie als Redakteurin bei der Rhein-Zeitung. Nach Stationen in den Lokalredaktionen Bad Ems, Montabaur und Neuwied ist sie seit 2018 für die Lokalredaktion des Kreises Ahrweiler im Redaktionsverbund Rhein-Ahr tätig. Warum sie Journalistin geworden ist: Hinter die Kulissen schauen und berichten, warum wo was passiert – am liebsten über das, was vor der eigenen Haustür los ist.


