2017 berichtete ich über eine spektakuläre Iran-Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle – begeistert von den gezeigten Schätzen, kritisch gegenüber dem Regime. Auf meinen Text folgten einige Leserbriefe. Einer traf: Ich könne über ein Land nicht urteilen, in dem ich nie gewesen sei.
Ich widersprach – zumindest innerlich. Wie sollte ich denn? Private Reisen in den Iran waren lange Zeit für Journalisten beinahe ein Ding der Unmöglichkeit. Doch genau damals öffnete sich durch einen Vertrag zwischen der Islamischen Republik Iran und den USA ein politisches Fenster. Eine Anfrage im Frankfurter Konsulat führte überraschend schnell zum Visum. „Willkommen in Iran!“

Wenige Wochen später stand ich, sträflich unvorbereitet, in Teheran. Aus der einen Reise wurden in kurzer Abfolge insgesamt sechs. Ich sah Moscheen und Paläste, Basare und Gebirgslandschaften, traf auf eine überwältigende Gastfreundschaft. Über all das schrieb ich rückblickend vom Koblenzer Schreibtisch aus. Zurück im Iran, sah ich aber auch, wie Frauen von der Sittenpolizei unter massiver Gewaltanwendung abgeführt wurden – im Namen drakonischer Bekleidungsvorschriften.
Je mehr ich erlebte, desto schwerer ließ sich beides zusammen denken: die Offenheit vieler Menschen – und die Enge, in der sie leben. Gespräche wurden zunehmend vorsichtiger, sobald ich auf die Frage nach meinem Beruf ehrlich antwortete.
Das kurze Tauwetter ist lang vorbei
Bei einer meiner letzten Ausreisen wurde ich am Flughafen stundenlang aufgehalten. Beamte telefonierten, berieten sich, ließen mich warten. Immer wieder fiel ein Wort, das zwar nicht in meinem Pass stand, das ich aber nur allzu gut verstand: „Journalist“. Irgendwann durfte ich gehen, mit schlotternden Knien.
Das politische Tauwetter, das meine erste Reise möglich gemacht hatte, ist längst vorbei. Vieles von dem, was ich gesehen habe, ist heute von Protest, Gewalt und Krieg überlagert. Ein Leserbrief hat mich damals aufbrechen lassen. Er hat meinen Blick geweitet – und mir zugleich gezeigt, wie begrenzt er bleibt.
Der Autor
Claus Ambrosius, Jahrgang 1971, macht und hört mit Leidenschaft Musik, seit er denken kann. Und fast ebenso lange schreibt er, zuerst für die Lokalredaktion des „Wiesbadener Kuriers“. Während des Studiums der Theater- und der Musikwissenschaft in Mainz gelingt der angepeilte Wechsel zum Kulturjournalismus, seit Mitte der 1990er-Jahre schreibt er für zahlreiche Tageszeitungen und Fachmagazine Beiträge vor allem rund um klassischen Gesang und Musiktheater. Seit 1996 besucht er für die Rhein-Zeitung die Aufführungen der Bayreuther Wagner-Festspiele, seit 2005 leitet er die Kulturredaktion der Rhein-Zeitung. Die Aufgabe, Kultur in all ihren Facetten erleben und darüber hinaus noch davon berichten zu dürfen, bezeichnet er als eines der größten Privilegien, die er sich vorstellen kann.


