Die Geschichte des Nürburgrings glich ab 2009 einer Achterbahnfahrt. Die traditionsreiche Rennstrecke in der Eifel sollte durch einen integrierten Freizeit- und Erlebnispark zu einem Mekka nicht nur für Motorsportbegeisterte werden. Doch die millionenschweren Investitionen, angestoßen von der damaligen Landesregierung unter Ministerpräsident Kurt Beck, verpufften wie die Explosionen bei den Testfahrten des „Ring-Racers“, mit dem der Vergnügungspark zu wahren Höhenflügen starten sollte.
Im Februar 2012 beschloss Mainz, den Vertrag mit der Nürburgring Automotive GmbH wegen nicht geleisteter Pachtzahlungen zu kündigen. Die Fahrt der Nürburgring GmbH führte schnurstracks in die Insolvenz. Bedeutete das auch die rote Flagge für den Großen Preis von Deutschland? Vieles deutete darauf hin. „Fragen wir doch mal Bernie Ecclestone?“ Ich sehe heute noch das fast schon mitleidige Lächeln meiner Kollegen in der Nachrichtenredaktion, als ich diesen Vorschlag machte. Als ob der mächtige Formel-1-Guru sich dazu bewegen ließe, mit einer Regionalzeitung ein Interview zu führen? Keiner sprach aus, was (fast) jeder dachte.

Aber wer’s nicht probiert, hat schon verloren. Und so wählte ich mich durch einen wahren Nummerndschungel, erntete hier unsichtbares Achselzucken, erhielt da weitere Kontaktdaten – bis ich bei einer Dame in England landete, die im Umfeld des exzentrischen Briten arbeitete. Sie gab mir eine Handynummer, bei er ich es eine Stunde später probieren sollte. Beim Freizeichen war ich mir sicher, dass ich wieder irgendwo rauskommen würde nur nicht bei ... „Ecclestone“, höre ich am anderen Ende der Leitung. Ich bin mir sicher, dass ihm meine Verwirrung nicht verborgen geblieben ist – und doch stand mir „Mister Formula One“ knapp fünf Minuten Rede und Antwort, betonte, dass er durchaus gewillt sei, die Formel-1-Geschichte in der Eifel fortzuschreiben. „Wenn es einen neuen Betreiber der Strecke gibt, können wir gerne einen Vertrag unterzeichnen“, so seine Kernbotschaft. Meine Kernbotschaft an die Kollegen: „Seht ihr!“ Das Interview schlug hohe Wellen, wurde im TV, im Radio und vielen Zeitungen zitiert.
Ein anderer Promi war da entschieden leichter ans Telefon zu bekommen: der ehemalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm. Der war immer für eine Plauderei zu haben – egal, ob die Opel GmbH mal wieder in Schieflage war, bei der er damals in Rüsselsheim eine Lehre als Werkzeugmacher absolviert hatte, oder ob er über seinen Sonntagsausflug mit seiner Frau Marita zum Kloster Marienstatt und der anschließenden Einkehr ins Brauhaus berichtete, bei der er es sich einmal nicht nehmen ließ, den Taktstock zu ergreifen und die Sänger des MGV Luckenbach ein paar Tische weiter zu dirigieren. „Grüßen Sie mir die Sangesfreunde“, sagte er zum Abschluss unseres Telefonats. Warum es so einfach war, den volksnahen Politiker an die Strippe zu bekommen? Er stand, zumindest nach seinem Ausscheiden aus der Politik, mit seiner Festnetznummer im Bonner Telefonbuch.
Der Autor
Wer die Bundeskanzler Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel oder auch den südafrikanischen Herzchirurgen Christiaan Barnard interviewt hat, muss schon etwas länger im Geschäft sein. Markus Kratzer, Jahrgang 1963, kam nach seinem Studium der Germanistik und Anglistik in Bonn als Volontär zur Rhein-Zeitung und wechselte 1993 in die Nachrichtenredaktion nach Koblenz. Nach einem Gastspiel als Nachrichtenchef beim „Trierischen Volksfreund“ kehrte der bekennende Westerwälder zur Rhein-Zeitung zurück. Nachrichtenchef (bis 2013), Chefreporter für die rechtsrheinischen Ausgaben der RZ (bis 2017) und Leiter der Lokalredaktion im Kreis Altenkirchen (bis 2023) waren seine beruflichen Stationen, bevor er als Chefreporter in den Redaktionsverbund Westerwald wechselte. Darum ist der Journalist geworden: „Weil ich es nie verlernen will, auf Menschen und gute Geschichten neugierig zu sein. Weil eine Berichterstattung kritisch sein darf, aber immer fair bleiben muss.“


